Wildes Wissen in kultiviertem Glanz

Allzu viel könne er mit diesem „verrückten Vogel“ ja noch nicht anfangen, lamentierte ein Herr neben mir. „Naja, Genie wirkt manchmal halt ein bisschen verrückt“, gab die Dame an seiner Seite zu bedenken. Und sie habe hier auf „genau so etwas“ gehofft. Dieses „so etwas“ war etwa eine halbe Stunde zuvor in silbernen Metallic-Glanz-Sneakern und mit langer Mähne unter der Trucker-Cap mit „Deus ex Machina“-Aufdruck wie ein visueller Gongschlag vor das staunende Publikum getreten und stammt ursprünglich aus Norwegen: Wirtschaftsphilosoph Anders Indset, der früher erfolgreicher Unternehmer und Unternehmensberater war und jetzt als aufgehender Stern am Speaker-Himmel und Mitglied der „Thinkers50“ im besten Sinne Aufsehen erregt.

So auch vor ein paar Tagen in München. Die Eventagentur Realize hatte zusammen mit der traditionsreichen Gourmet- und Edelkaffeemarke Dallmayr zur Veranstaltung „OPEN+MIND“ in die schöne „Dallmayr Academy“ hinter dem berühmten Stammhaus in der Münchner Stadtmitte geladen. Dort, wo sonst die sogenannten Barristi geschult werden, waren diesmal „innovative Event-Ideen und kulinarische Genüsse“ in Aussicht gestellt worden. Keine leeren Versprechungen – es gab einen Infostand zum Vor-Ort-Einsatz von Foto- und Videosystemen, neue Licht- und Bildstelen, angeregte Gespräche bei einem Glas exquisitem Wein auf der wunderbaren Dachterrasse, köstliche Speisen nach dem hippen „Bowl“-Prinzip, und eine sehr gekonnte und überaus lehrreiche Verkostung von Kaffeespezialitäten unter dem Motto „Geschmackspaarungen“. Bei all dem waren überall die Professionalität und vor allem auch die besondere Hingabe der Mitarbeiter von Dallmayr und Realize spürbar.

Der Höhepunkt dieses schönen Abends aber war für mich eben Anders Indset, dessen aktuelles Buch den vielsagenden Titel „WILD KNOWLEDGE – Outthink the Revolution“ trägt. In einem philosophisch angereicherten Parforceritt samt Zwischenstopps bei seiner norwegischen Großmutter, Hanf sowie überfahrenen Ameisen sauste Indset mit uns durch die gewaltigen kommenden Umwälzungen in Gesellschaft und Wirtschaft. Unsere Zukunft sei weiblicher, offener, schneller, komplexer sowie rundum digital, und der Mensch schaffe mit Künstlicher Intelligenz etwas, dem er intellektuell hoffnungslos unterlegen sei. Die „Krone der Schöpfung“ gar als „Homo Obsoletus“?

Ich sprach den „Wirtschaftswilden“ später auf ein Interview in der „Zeit“ mit dem Soziologen Thomas Druyen an – die Deutschen seien „Weltmeister in der Resilienz“, hieß es dort, aber eher Kreisklasse bei der Initiierung, Antizipation und Gestaltung von Veränderungen. Das sehe er ähnlich, meinte Indset. Für Deutschland sei das im Moment noch kein großes Problem, weil wir mit Geld und Know-how immer wieder aufholen könnten. Auf lange Sicht aber werde das immer schwieriger, weil das Innovationstempo weiter zunehmen werde und man früher oder später schlicht ins Hintertreffen gerate. Nach dieser beeindruckenden, inspirierenden Begegnung denke ich beim Blick an die Zukunft an den Schriftsteller und Visionär Victor Hugo – für „die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance“. Mögen wir Menschen das Morgen unerschrocken, aber umsichtig und klug errichten!