Wendungen in historischem Rahmen

Kürzlich besuchte ich die südostbayerische Stadt Burghausen, spektakulär auf einer Art Landzunge am deutsch-österreichischen Grenzfluss Salzach gelegen. Dort nahm ich auch an einer beeindruckenden Führung durch die namensgebende Burg der Wittelsbacher oberhalb der wunderschönen Altstadt teil. Die Besichtigung war auch deswegen sehr unterhaltsam, weil die Führerin immer wieder Bezüge zu unserem sprachlichen Erbe aus dem Mittelalter herstellte und uns Redewendungen vorstellte, die ihren Ursprung in längst vergangenen Zeiten haben. Generell empfinde ich idiomatische Wendungen als sehr bereichernd, weil sie für uns Geschichte und/oder Geschichten und kleine Anekdoten bewahren – „die Wundertüte unserer Sprache“, wie es bei „Focus online“ einmal hieß. Manche Ausdrücke führen uns geradewegs in die Ritterzeit, obwohl sie gar nicht alt klingen – so wie das erste Beispiel, das uns in Burghausen erläutert wurde: „Den Löffel abgeben“ – Löffel stellten damals das wichtigste Essbesteck dar und wurden fast immer mitgeführt. Starb ein Mensch, wurde sein Löffel nicht weggeschmissen, sondern meist innerhalb der Familie vererbt. Hier in alphabetischer Reihenfolge nach dem jeweiligen Hauptwort weitere schöne Phrasen mit eindeutigem Mittelalterbezug (bei vielen anderen von „Holzauge, sei wachsam“ über „jemanden zur Sau machen“ oder „die Sau rauslassen“ bis „über Stock und Stein“ ist das nicht so klar):

  • „Jemandem etwas anhängen“ – mittelalterlichen Rechtsbrechern wurde am Pranger oft ein Schild um den Hals gehängt, auf dem das Vergehen beschrieben wurde, manchmal auch ein Symbol, zum Beispiel ein Trinkgefäß einem Trunkenbold
  • „Jemand muss etwas ausbaden“ – in den mittelalterlichen Badstuben nutzten mehrere Menschen nacheinander den gleichen Bottich, und der letzte von ihnen hatte kein warmes und auch kein sauberes Wasser mehr und musste zudem oft auch noch den Bottich selbst reinigen
  • „Das wirft jemanden aus der Bahn“ – fiel ein Ritter beim Turnier vom Pferd und aus der markierten Kampfbahn, hatte er verloren
  • „Jemandem bleibt der Bissen im Halse stecken“ – für das vermeintliche Gottesurteil mussten Beschuldigte zum Beispiel ein Stück trockenes Brot ohne Flüssigkeit hinunterschlucken, und wem das nicht gelang, der galt als schuldig
  • „Für jemanden in die Bresche springen“ – wer im Mittelalter eine Burg oder Stadt einnehmen wollte, versuchte an einer Stelle, die Festungsmauer aufzubrechen oder einzureißen („breka“ ist Fränkisch für brechen), und die besonders heldenhaften Verteidiger eilten in eben diese Lücke und nahmen den Kampf gegen die Angreifer auf
  • „Jemand kann einem den Buckel runterrutschen“ – der Kampfschild hatte in der Mitte eine rundliche Erhöhung, die Buckel genannt wurde und über den der Körper eines getöteten Feindes herunterglitt
  • „Es ist alles in Butter“ – wenn im Mittelalter kostbares Glas zum Beispiel aus Venedig über die Alpen transportiert wurde, legte man es vorsichtshalber in ein Fass und goss flüssige Butter darüber, die dann fest wurde und das Glas schützte
  • „Jemand hat ein Brett vor dem Kopf“ – Ochsen wurde damals ein Brett vor den Kopf gehängt, damit sie nicht erschreckt oder abgelenkt wurden, und begriffsstutzige Menschen waren eben dumm wie Ochsen
  • „Etwas aus dem ‚ff‘ beherrschen“ – aus Unkunde oder Nachlässigkeit wurde aus dem Buchstaben Pi (π), mit dem altrömische Rechtsgrundsätze gekennzeichnet waren, bei mittelalterlichen Juristen das ähnlich aussehende „ff“
  • „Etwas hat Hand und Fuß“ – ein kampfbereiter Ritter benötigte seine rechte Hand zum Schwertziehen und seinen linken Fuß zum Aufsteigen auf sein Pferd
  • „Da liegt der Hase im Pfeffer“ – um den sprichwörtlichen Hasen ist es geschehen, da er bereits erlegt und als Braten in Pfeffer eingelegt wurde
  • „Unter die Haube kommen“ – unverheiratete Frauen trugen im Mittelalter ihr Haar offen, erst nach der Hochzeit trugen sie eine Kopfbedeckung
  • „Jemand verhaspelt sich“ – beim Verarbeiten von Wolle zu Garn wurde eine Spule verwendet, die Haspel genannt wurde, und wenn man unachtsam war oder überhastet vorging, kam der Faden in heilloses Durcheinander (ähnlich „den Faden verlieren“)
  • „Das Heft in der Hand halten“ – „Heft“ wurde auch der Griff eines Schwerts genannt, und wer zu eben diesem griff, übernahm die Initiative
  • Hinz und Kunz“ – vor allem ab dem 11. Jahrhundert waren die Namen Heinrich und Konrad extrem beliebt und ihre Kurzformen daher so häufig, dass überspitzt jeder so hieß
  • „Auf dem Holzweg sein“ – im mittelalterlichen Wald gab es Wege, die ans Ziel führten, oder solche, die nur dem Abtransport eines gefällten Baumes dienten, also wie ein Irrweg zu keinem Ziel führten
  • „Jemand ist auf den Hund gekommen“ – auf dem Boden der Schatztruhe war als Wächtersymbol ein Hund gemalt und wurde bei geleerter Kasse sichtbar (Achtung, hier gibt es auch andere Erklärungsansätze)
  • „Jemand kauft die Katze im Sack“ – statt Ferkeln, Hühnern oder Kaninchen jubelten betrügerische Händler unaufmerksamen Kunden im Packsack schon einmal wertlose Katzen unter
  • „Mit jemandem ist nicht gut Kirschen essen“ – Adelige spuckten ihre Kirschkerne achtlos auf Menschen niedrigeren Standes, was bei denen freilich gar nicht gut ankam
  • „Jemanden über den grünen Klee loben“ – wollten Minnesänger wie Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide eine Person über alle Maßen preisen, wünschten sie ihr viel der als edel und gesund geltenden Pflanze
  • „Jemanden über die Klinge springen lassen“ – eine sehr beschönigende Ausdrucksweise für das Vollziehen der Todesstrafe durch Abschlagen des Kopfes mit dem Schwert
  • „Das geht auf keine Kuhhaut“ – im Mittelalter glaubte man, der Teufel führe zu jedem Menschen eine auf Ziegen- oder Kuhhaut geschriebene Liste mit dessen Sünden, und bei besonders üblen Missetätern war auf der kein bald Platz mehr
  • „Eine Lanze für jemanden brechen“ – zum einen brachen die Lanzen beim Turnier häufig, zum anderen traten die Ritter typischerweise für höhere Adelige oder verehrte Frauen an und kämpften also zu deren Ehre/Ruhm
  • „Jemand zieht vom Leder“ – im Mittelalter steckte das Schwert in einer ledernen Scheide, und wurde das Schwert aus dieser gezogen, kam es zum Kampf
  • „Jemandem die Leviten lesen“ – bei ihren Andachts- und Bußübungen trugen die Benediktinermönche bereits vor 1.200 Jahren Texte aus dem „Levitikon“ vor, denen nicht selten Ermahnungen und Strafpredigten folgten
  • „Jemand ist ein Pechvogel“ – im Mittelalter stellte man Vögeln eine Falle, indem man Äste mit Leim oder Pech bestrich, in dem die Tiere dann kleben blieben und dann verspeist werden konnten (analog „Pech haben“ oder „jemandem auf den Leim gehen“)
  • „Auf dem hohen Ross sitzen“ – der Adel war beritten, während das „gemeine Fußvolk“ eben zu Fuß unterwegs war
  • Ross und Reiter nennen“ – beim Turnier erkannten nur wenige die Teilnehmer und ihre kostbaren Pferde an ihrem Wappen, alle anderen waren froh, wenn ein Herold die Kämpfer ankündigte
  • „Fest im Sattel sitzen“ (auch „sattelfest“ sein) – der beim Turnier überlegene Ritter konnte von seinen Kontrahenten nicht vom Pferd gestoßen werden
  • „Etwas im Schilde führen“ – ein Ritter war oft schon an dem Familienwappen auf seinem Schild als Gegner erkennbar
  • „Jemand ist ein Schlitzohr“ – häufig wurden Menschen bei Vergehen zur Strafe und als Warnung an andere körperlich verunstaltet, zum Beispiel mit einer Kerbe im Ohr (auch durch Herausreißen eines „zünftigen“ Ohrrings)
  • „Jemanden in seine Schranken weisen“ – beim Turnier wurde der Kampfplatz durch Holzbalken (Schranken) markiert und die Teilnehmer wurden auf diese Weise dazu gebracht, die Regeln einzuhalten
  • Simsalabim“ – vermutlich sahen Christen im Mittelalter in der arabischen Gebetsformel „bismi llāhi r-rahmāni r-rahīm“ („im Namen Gottes, des Barmherzigen“) einen Zauberspruch, den sie so gut sie konnten nachahmten
  • „Den Spieß umdrehen“ – im ausgehenden Mittelalter kämpften Landsknechte mit einem Pike genannten Spieß, wenn der Gegner den allerdings abnehmen konnte, wurde er eben buchstäblich umgedreht und gegen den ursprünglichenBesitzer eingesetzt
  • „Jemand ist steinreich“ – während die einfachen Menschen im Mittelalter in Lehm- oder Hölzhütten lebten, konnten sich die Wohlhabenden Häuser aus Stein leisten
  • „Jemanden im Stich lassen“ – fiel ein Ritter im Kampf vom Pferd und half ihm zum Beispiel sein Knappe nicht wieder hinauf, war der Kämpfer ungeschützt dem Lanzenstich des Rivalen ausgeliefert (ebenfalls mit Bezug auf das Lanzenstechen auch „jemanden ausstechen“ oder „einen Stich machen“)
  • Trübsal blasen“ – wenn wohlhabendere Personen beerdigt wurden, blies der Turmwächter eine eher melancholische Weise (arme Leute wurden hingegen „sang- und klanglos“ bestattet)
  • „Jemand hat von Tuten und Blasen keine Ahnung“ – ein Nachtwächter musste nicht viel mehr können als bei Gefahr oder zur vollen Stunde in sein Horn zu blasen, und wer nicht einmal das konnte, musste schon sehr minderbemittelt sein
  • „Jemanden nicht ungeschoren davonkommen lassen“ – gerade bei kleineren Vergehen wurde den Verurteilten oft der Kopf geschoren (ähnlich auch „Scherereien bekommen“ oder auch „Schabernack treiben“)
  • „Mit offenem Visier kämpfen“ – beim Lanzen- oder Schwertkampf ritten die Kontrahenten meist bestmöglich geschützt mit heruntergeklapptem Helmvisier aufeinander zu, und nur die Mutigsten und Ehrenvollsten ließen ihr Gesicht ungeschützt, wodurch der Gegner ihnen in die Augen sehen und womöglich wichtige Hinweise erkennen konnte
  • „Sich gegen etwas wappnen“ – sich angemessen bewaffnen/ausrüsten, von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Wappen, „Waffe“
  • „Jemandem nicht das Wasser reichen können“ – höhergestellten Persönlichkeiten wurde an der mittelalterlichen Tafel nach dem Mahl eine Schale Wasser zum Reinigen der Hände gereicht, und wer nicht einmal das konnte oder durfte, galt als ziemlich wertlos
  • „Einen Zahn zulegen“ – im Mittelalter kochte man in großen Töpfen, die an einer Metallleiste mit Zacken ähnlich den Zähnen eines Sägeblatts über dem offenen Feuer hingen, und wer den Topf dann eine Stufe tiefer hängte, beschleunigte den Kochvorgang (auch „einen Zacken zulegen“)

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Bestimmt werde ich im Laufe der Zeit noch weitere Beispiele finden. Es lohnt sich – wer sich mit historischen Redewendungen beschäftigt, lernt etwas über unsere Vergangenheit und kann sich zudem sprachlich seine Sporen verdienen und irgendwann vielleicht sogar den Ritterschlag erhalten (Literaturhinweis: „Das geht auf keine Kuhhaut: Redewendungen aus dem Mittelalter“ von Gerhard Wagner). Ich würde mich freuen, wenn dieser Beitrag den einen oder anderen Leser anspornen würde.