Wahlkämpfer unter Beobachtung

Ein bisschen ging es mir letzte Woche wie den meisten anderen der Tausenden von Menschen abends auf dem verregneten Münchner Marienplatz: in Eile, ein wenig abgekämpft nach einem langen Arbeitstag, Lust auf ein Dach über dem Kopf, und insgesamt nur bedingt Muße für den politischen Diskurs. Die Linke präsentierte zum Höhepunkt ihres Bundestagswahlkampfs neben einer ausgesprochen guten Reggae-Band und Gallionsfigur Gregor Gysi ihren Spitzenkandidaten Dietmar Bartsch – und dessen halbstündige, emotional gehaltene Rede mit dem Schwerpunkthema Soziale Gerechtigkeit hatte ich als Analyst im Verbandsauftrag zu bewerten. Insgesamt dreizehn Rhetorikexperten aus dem Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) analysierten je mindestens zwei Redeauftritte der Spitzenkandidaten von CDU, CSU, SPD, den Grünen, der FDP und der AfD, um gemeinsam Deutschlands besten Wahlkampfredner 2017 zu küren. Dabei erstellten wir zu jedem einzelnen Auftritt ein rhetorisches Kurzgutachten und vergaben zu sieben Kernkriterien („Aufbau“, „Argumentation“, „Sprache“, „Publikumsorientierung“, „Vortrag“, „Inszenierung“ sowie „Umgang mit Publikumsreaktionen“) jeweils bis zu neun Punkte. Federführend bei der Initiative war Antje Hermenau, seit 2016 VRdS-Vizepräsidentin und früher selbst kommunal- und bundespolitisch erfolgreich.

In der Schlussauswertung landete übrigens Christian Lindner von den Liberalen auf dem ersten Rang, vor Cem Özdemir von den Grünen und der punktgleichen Sahra Wagenknecht von den Linken. Die Medienresonanz fiel stark aus. Lindner sei der insgesamt beste Redner, weil er Stegreifreden improvisiere, Humor und Situationskomik beweise und auch komplizierte Fakten gut erläutern könne, zitiert beispielsweise der „Stern“ Hermenau. In dem schönen Beitrag „Reden ist Gold“ von Michael Watzke für den Deutschlandfunk rund um den Wahlkampf und den Bartsch-Auftritt in Bayern komme übrigens auch ich zu Wort (Audio-Datei hier). Ich sei „Jurymitglied bei einer Art ‚Deutschland sucht den Superredner‘“, formuliert es Watzke. Für einen kalten, abendlichen Analysteneinsatz im Regen klingt das doch ganz gut.

Großes Aufmacherfoto: Cem Özdemir / Dominik Butzmann