Ungelogen ungemein nützlich

baronmuenchhausen„Alles Leben ist Lüge“, meinte der deutsche Lyriker Detlev von Liliencron vor mehr als einhundert Jahren. Nicht zuletzt wegen der Diskussion um den Einzug des sogenannten Postfaktischen in die Politik im Gefolge von Akteuren wie Trump oder Rechtspopulisten im Pegida-Umfeld hat die Beschäftigung mit der Lüge als bewusst vorgetragener Unwahrheit derzeit wieder Hochkonjunktur. Was häufig kategorisch verdammt wird, erfährt zuweilen aber auch vehemente Fürsprache. So sang die Wissenschaftsredaktion des „Spiegels“ bereits im Oktober 2015 ein „Loblied auf die Lüge“:  Menschen würden tagtäglich lügen, und „ohne Flunkerei und Täuschung“ könne eine Gesellschaft gar nicht funktionieren. Lügen sei „moralisch verwerflich, aber für das soziale Miteinander unerlässlich“. Selbst das mit der Verwerflichkeit ist in manchen Fällen zumindest mehr als fraglich, zum Beispiel beim Beurteilen eines Bildes, das ein kleines Kind gemalt hat, oder in Extremfällen wie einem Polizeiverhör in Unrechtsstaaten oder einem Gespräch mit Sterbenden.

Wenn die Wahrheit „nur verletzen und entmutigen würde“, sei man zum Lügen geradezu verpflichtet, so der 1936 geborene Soziologe Peter Stiegnitz, der sich als jüdisches Kind nur dank einer Lüge vor den Nazis retten konnte und später die Mentiologie (Lehre von der Lüge) begründete. Mit einem Baron Münchhausen (siehe Bild) hat das jedoch wenig gemein.

Vor diesem Hintergrund war ich gespannt auf die „Themenwoche Lügen“ des renommierten Bamberger Rhetorik-Experten Michael Ehler. Per E-Mail stellte er Videos und Blogbeiträge rund um das so kontrovers diskutierte „Schmiermittel unserer Gesellschaft“ zur Verfügung. Mal werde gelogen, „um soziale Konflikte und negative Emotionen zu vermeiden“, dann wieder gehe es eher um den Schutz der eigenen Person oder eines Mitmenschen, um das Bemänteln eigenen Fehlverhaltens oder auch darum, sich Vorteile zu verschaffen.

Lügen sei so alt wie die Kommunikation selbst. Der weiter steigende Konkurrenz- und Optimierungsdruck lasse uns womöglich manchmal gar keine andere Wahl, „als die Wahrheit ebenfalls zu ‘verbessern’“, beispielsweise in den Sozialen Medien. Dabei führe „eine Kombination aus Gleichzeitigkeit, Flüchtigkeit und großer räumlicher Distanz zu den meisten Lügen“, etwa beim Plausch per Telefon mit einem Bekannten in Japan. Gute Lügner hätten „das Spiel mit den Lügen in ihr natürliches Repertoire aufgenommen“ und gingen belegbar erfolgreicher durch das Leben. Das anzunehmen mag schwer fallen, aber andernfalls macht man sich etwas vor. Der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Elbert Hubbard sah das ganz nüchtern: „Die Lüge ist ein sehr trauriger Ersatz für die Wahrheit, aber sie ist der einzige, den man bis heute entdeckt hat.“

Nachtrag: Nur ein paar Augenblicke nach Erstellen dieses Beitrags hat der „Spiegel“ ein „Harvard-Business-Manager“-Interview zu einem passenden britischen Forschungsprojekt veröffentlicht – Tenor: „Wie man Lügen in E-Mails erkennt“.