Sprachgewandt auf Stimmenfang

„Das älteste, echteste und schönste Organ der Musik ist die menschliche Stimme“, meinte Richard Wagner. „Und das vielseitigste“, würde ich gerne ergänzen. Der sprichwörtliche Ton macht die Musik, und die Stimme den überzeugenden Vortrag. „Man widerspricht oft einer Meinung, während uns eigentlich nur der Ton, mit dem sie vorgetragen wurde, unsympathisch ist“, so Nietzsche. Auch das Gegenteil ist der Fall. Häufig ist die Stimme tatsächlich das i-Tüpfelchen auf einer rundum gelungenen Rede. „Wie wir auf andere wirken und wie andere auf uns reagieren, hängt insbesondere von unserer Stimme ab“, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Es brauche nur eine Stimme in der richtigen Tonlage, um eine Lawine auszulösen, meint die Bestsellerautorin Dianna Hardy. Und während manche Eigenheiten unserer Stimme quasi gottgegeben sind, lassen sich andere Aspekte von Tonhöhe über Rhythmus und Pausensetzung bis Intonation gut trainieren. Schon die Redner im antiken Griechenland waren für ihre ausdauernden Stimmübungen bekannt („Phonaskia“). Das berühmteste Beispiel ist Demosthenes, der am Strand mit Kieselsteinen im Mund gegen die Brandung angesprochen haben soll. Die Münchner Sprechwissenschaftlerin Conny Krause, die auch als Schauspielerin und Moderatorin arbeitet, nennt ein solches Stimmtraining nicht umsonst das „Sahnehäubchen nach Verkaufs- und Rhetorikschulungen“.

Mitte April, als sich das sogenannte Home Office im Doppelpack mit Teams, Zoom & Co. mit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie zur Massenerscheinung mauserte, erlebte ich Krause bei ihrem Kurzseminar „Souverän und sympathisch vortragen und Gespräche führen“ – natürlich per Videokonferenz. Schon die Technik sorgt da für besondere Herausforderungen an unsere Stimme, von Tonstörungen oder anderen Übertragungsschwierigkeiten ganz abgesehen. Der gute Rat der Dozentin: „Lippendig reden!“ Damit ist lebendiges Sprechen mit intensivem Einsatz der Lippen und der Zunge gemeint. Diese Intensität kann man hören und sehen. Der Lohn sind eine deutliche Artikulation und insgesamt mehr Resonanz. Wer seine Lippen kaum bewegt, nuschelt. Das kann auch auf Desinteresse oder Müdigkeit zurückzuführen sein. Oder aus Sorge, einen Fehler zu machen oder dumm dazustehen. „Da huscht man dann mit der Sprache vorbei wie die Katze in einer fremden Gegend“, wie es im Fachblog des Rhetorikinstituts momentum so schön heißt.

Sehr engagiert beschäftigten wir uns in Krauses Webinar auch mit dem sogenannten Girlandenreden. Da wird immer zum Satzende hin die Stimme gehoben und ein Satz an den anderen gereiht. Das zeugt von großer Unsicherheit und führt zu einem leiernden Vortrag, der zumindest stimmlich nicht zum Punkt kommt. Beim Gegenüber klingt das nach einem Wust an Fragen, und nicht nach kraftvollen Aussagen. Besser sind kurze sogenannte Bogensätze in angemessenem Tempo – nicht zu langsam, aber auch nicht hektisch – bei denen wir zum Schluss eines Satzes nach unten in die „Lösungstiefe“ gehen und eine merkliche Pause einlegen. Das klingt souverän und stützt die Bedeutung der gemachten Mitteilung.

Auch die derzeit allgegenwärtige Maske sorgt für „Verstimmungen“ in der Kommunikation. „Wenn die Gestik wegfällt, weil sich die Mimik zur Hälfte hinter einer Maske verbirgt“, so Heike Heinemann, Sprecherzieherin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg in einem Interview, werde die Stimme sogar „zum Hauptinstrument der Kommunikation“. Dabei sind die Umstände eher widrig: Der Mund-Nase-Schutz wirke beim Sprechen „wie ein Schalldämpfer“ und „eine Art Ausdrucksbarriere“, erläutert meine Kollegin Sabine Novy im Gespräch mit der „Abendzeitung“. Das Atmen fällt schwerer, man wird leiser und ist fast automatisch weniger gut verständlich. Und das mit der Stimme ist ja auch sonst schon furchtbar komplex und schwer genug.

Neben der Lautstärke und dem Sprechtempo steht auch die Stimmlage im Fokus. Sie soll natürlich und entspannt wirken, nicht anstrengen („Wohlfühlstimmlage“) und zugleich beim Zuhörer für einen möglichst einnehmenden Klang sorgen. „Es gibt nur eine Stimmlage, die für jeden Körper vorgesehen ist“, stellt die Berliner Gesangs- und Sprechtrainerin Antje Behrens in einem Fachbeitrag für angehende Lehrer fest. „Das ist die Indifferenzlage. Hier läuft das Sprechen optimal, ökonomisch und klingt am besten.“ Unterstützt wird eine günstige Stimmlage durch eine entspannte, tiefe Atmung in den unteren und seitlichen Bauch-Flanken-Raum („Gelassenheitsatmung“).

Bei der Stimme geht es aber nicht nur um Effizienz und guten Klang, sondern auch um die Botschaft. Oft entscheiden nicht die Worte, sondern zum Beispiel Tonfall und Sprachmelodie über die Bedeutung einer Aussage oder machen aus einer Feststellung eine Aufforderung. Für das Publikum ist ansonsten Vielfalt Trumpf. Wer monoton spricht, wirkt erschöpft, uninteressiert, schüchtern oder sogar niedergeschlagen. „Die Kunst der Abwechslung erst macht den Vortrag reizvoll und bietet dem Ohr immer neue Spannung“, wusste schon Quintilian, der wohl bedeutendste Redelehrer im alten Rom.

Zum Schluss noch ein Tipp für die „Stimmkünstler“ unter uns: bei aller Begeisterung über eine leistungsfähige und gewinnende Stimme nicht das Zuhören vergessen! „Es gibt nur eine Regel, um ein guter Redner zu werden – lerne zuzuhören“, meint auch der US-amerikanische Herausgeber und Schriftsteller Christopher Morley. Stimmige Kommunikation ist eben nie Einbahnstraße.

Wer noch tiefer einsteigen will: Auf seiner Website bietet der Unternehmens- und Kommunikationsberater Manfred Piwinger den sehr lesenswerten wissenschaftlichen Beitrag „Über die Funktion der Stimme in der Kommunikation“ an, den er vor etwa zwei Jahrzehnten gemeinsam mit Vazrik Bazil verfasst hat.