Sprache im letzten Augenblick

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so Ludwig Wittgenstein. In Andrews Fall aber bedeutete Sprache wohl vor allem ein Tor zur Welt, die Grenzen hingegen setzte ihm sein Körper – unerbittlich immer enger. Letzte Woche ist Andrew gestorben, nach drei langen Jahren Kampf gegen MND/ALS. Der Kampf war nicht zu gewinnen, aber er hat seine letzten Jahre mit der Krankheit unglaublich gut gemeistert. Ich weiß nicht, ob man das sagen kann und überhaupt darf, aber irgendwie waren das vielleicht seine besten Jahre. Aber fangen wir Ende der Achtziger Jahre an: Ich lernte Andrew Knowlman zu Beginn meines Studiums im Oktober 1987 in Bamberg beim Basketball kennen. Ein Austauschstudent aus dem englischen York, unheimlich offen, unternehmungslustig und witzig. Und, ja wirklich: auffallend lebensfroh.

Binnen Wochen wurden wir enge Freude und waren rund ein Jahr lang Teil derselben Clique, bis er zurück nach Birmingham an die Aston University ging. In diesem Jahr erlebten wir unglaublich viel – vom normal-schönen Studentenleben im herrlichen Bamberg über eine irrwitzige Fahrt mit Krücken ins noch kommunistische Prag (nur ihm schmeckten die wirklich üblen Pommes im „Arbat“, dem russischen McDonald’s), eine Skiwoche in Tirol und eine legendäre Nacht in den 1. Mai samt Polizeieinsatz sowie Krankenhaus bis zur Gründung und rundum als gelungen zu bezeichnenden Etablierung des internationalen „Es gibt keine geschriebene Satzung, nur die Ehre“-Clubs Flaming Hookers, als der wir in schwarzen, von mir gestalteten T-Shirts mit flammendem Logo durch unser studentisches Leben zogen und bei jeder passenden und gelegentlich auch unpassenden Gelegenheit Rum brennend tranken. Das war wirklich nicht ungefährlich (endete auch ein paar Mal in einer Notaufnahme), und demnach also ziemlich dumm, aber wir fanden es alle einfach nur großartig. Diese Trinkunsitte kommt recht eindrucksvoll in einem Buch namens „Alter und Hinterhältigkeit: Besiegen Sie Jugend, Unschuld und einen schlechten Haarschnitt.“ vor – das sagt doch im Grunde alles. Teil der Gang waren übrigens auch drei Frauen – eine Schottin, eine Irin und eine Amerikanerin. Es war fantastisch, wenn auch nicht gerade lernfördernd. Aber ich will nicht in Erinnerungen an meine wundervolle Uni-Zeit hängen bleiben.

Andrew zieht weg, beendet sein Studium und startet eine beeindruckende, internationale Karriere. Er lebt in Italien, der Türkei, Australien, Frankreich und Spanien, heiratet seine Jane und bekommt mit ihr zwei zauberhafte Kinder. Wir bleiben in Kontakt. Im April 2015 dann kippt er beim Fahrradfahren um. Einfach so. Ärzte diagnostizieren die Motoneuronerkrankung (MND), genauer: die seltene, unheilbare Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Genau: wie bei Stephen Hawking. Nicht einmal zwei Monate später beginnt Andrew, über sich, sein Leben und die furchtbare Krankheit zu schreiben. Er startet seinen Blog „Stop for a moment, people“ – er meint: „Ich wurde gezwungen, langsamer zu werden, aber ich denke, das ist aus einem bestimmten Grund passiert.“ Und er lädt uns ein, ebenfalls zur Ruhe zu kommen, nachzudenken. Er muss zu arbeiten aufhören – die LinkedIn-Statusmeldung lautet auf einmal: „Absent from work due to illness“. Bis heute. Nach und nach versagen immer mehr Muskeln ihren Dienst. Er filmt und beschreibt seinen letzten Spaziergang ohne Krücken, und seinen ersten mit. Er kämpft, ohne sich der ständig schlechteren Situation zu verweigern. Er macht das heldenhaft. Und er wird setzt sich auch erfolgreich für andere Betroffene ein, zum Beispiel bei seinem Streit mit dem staatlichen Gesundheitsdienst National Health Service. Gemeinsam mit Familie und Freunden startet er eine Crowdfunding-Aktion, und schafft es, das Geld für einen Wagen zusammenzubekommen, um mit seinem schweren Rollstuhl noch halbwegs mobil zu sein. Ich beteilige mich gerne. Wenigstens etwas, das man tun kann. Später bringt eine zweite Aktion die Mittel, um eine Betreuerin für Ausflüge zu engagieren und einen Urlaub für die Familie zu ermöglichen.

Irgendwann kann Andrew nur noch seine Augen bewegen. Und was macht er? Er schreibt weiter an seinen Blog, und verfasst zwei Kinderbücher – nur mit seinen Augen über ein sogenanntes Eyegaze-System. Sein erstes Buch, „Die Kleine Backstube“, soll englischsprachigen Kindern helfen, Deutsch zu lernen. Er schreibt es für seine Tochter, die er unsere Sprache nicht mehr selbst lehren kann. Nach wie vor liebt er Deutsch. In seinem zweiten Buch, „The Fantastic Race“, fahren zwei Kinder mit dem Auto ihrer Träume durch Europa. Andrew schreibt es für seinen Sohn, mit dem er die Welt nicht mehr bereisen kann. Nun ist Andrew tot. Sein Leben darf man gerne auch „fantastisch“ nennen. Mit seinen Schriften schuf er einen blühenden Garten am Rande seiner Existenz, wie man mit Wilhelm Schmid, dem Autor der „Philosophie der Lebenskunst: Eine Grundlegung“, sagen könnte. Wie wunderbar, Andrew Knowlman gekannt zu haben! Ein leuchtendes Vorbild. Ein Guter. Jetzt alles erdenklich Gute seiner Familie!

Wenn ihr mich sucht, sucht in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter.
Rainer Maria Rilke