Sperrige Kommunikation

„Kommunikation führt zu Gemeinschaft, das heißt zu Verständnis, Vertrautheit und gegenseitiger Wertschätzung“, so der Existentialpsychologe Rollo May. Und es stimmt schon: Jede Kommunikation erfüllt immer auch eine soziale Funktion und dient der Weiterentwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. auch Paul Watzlawick). Für den Schriftsteller und Philosophen Albert Camus stellte gar „das Gespräch die einzige Brücke zwischen den Menschen“ dar. Aber leider glückt das nicht immer – im Gegenteil: „Aus vielen Worten entspringt ebensoviel Gelegenheit zum Missverständnis“, wie es der Psychologe und Philosoph William James formulierte, und unzählige Male hatten Gespräch statt „Verständnis, Vertrautheit und gegenseitiger Wertschätzung“ wütende Dispute und bitteren Konflikten zur Folge. Kommunikation als eine Art Minenfeld, egal ob im Berufs- oder Privatleben. Nicht selten sind daran die sogenannten Kommunikationssperren oder -blockaden („Communication Roadblocks“) nach Thomas Gordon schuld.

Darunter versteht Gordon „eine Art der Kommunikation, die den Wunsch oder die Absicht ausdrückt, den Kommunikationspartner nicht zu akzeptieren, sondern ihn zu verändern“. In seiner 1970 bekannt gewordenen Arbeit definierte der Carl-Rogers-Schüler insgesamt zwölf Arten von Kommunikationssperren (etwas ausführlicher auf Englisch hier), die eine destruktive Gesprächssituation schaffen und den Gesprächspartner in die Defensive treiben oder ganz zum Schweigen bringen können (vor allem, wenn ein Partner oder beide unter Stress stehen, zum Beispiel bei Problemen):

  1. Befehlen, anordnen, auffordern
  2. Warnen, mahnen, drohen
  3. Moralisieren, predigen, beschwören
  4. Ratschläge erteilen, Vorschläge machen, Lösungen vorgeben
  5. Belehren, durch Logik begründen, Vorträge halten
  6. (Ver)Urteilen, kritisieren, widersprechen, Vorwürfe machen, beschuldigen
  7. Loben, zustimmen, schmeicheln
  8. Beschämen, beschimpfen, lächerlich machen
  9. Interpretieren, analysieren, diagnostizieren
  10. Beruhigen, beschwichtigen, Sympathie äußern, trösten, aufrichten
  11. Nachforschen, (aus-)fragen, verhören
  12. Ablenken, ausweichen, aufziehen, sich zurückziehen

Selbst an sich positive Verhaltensweisen wie Ratschläge oder das Loben können sich also negativ auswirken und das Gespräch behindern oder ganz blockieren, weil sie einem anderen Zweck dienen oder auch nur vom Gegenüber so wahrgenommen werden („auch Ratschläge sind Schläge“). Die Kernbotschaft an den Gesprächspartner ist bei den ersten fünf Arten in etwa die gleiche: „Du bist zu dumm, um es selbst herauszufinden, deshalb sage ich es dir.“ Bei den Arten sechs bis elf schwingt mit: „Mit dir stimmt irgendetwas nicht, und ich teile dir gleich mit, was es ist.“ In all diesen Fällen geht es bewusst oder unbewusst um den Versuch, Kontrolle auszuüben und letztlich eine überlegene Position einzunehmen. Die zwölfte Art von Sperre hingegen klingt wahlweise nach „Es ist gefährlich, darüber zu sprechen.“ oder „Es ist mir unangenehm, davon zu hören.“

Gut zu wissen, was man unterlassen sollte, vor allem, wenn die Beziehung zum Gegenüber ohnehin nicht frei von Problemen ist. Noch besser, wenn man weiß, was man stattdessen tun sollte. Gordon legt uns hier die „Fünf Werkzeuge des Zuhörens“ ans Herz:

  1. Schweigen //  einfach mal den Mund halten und zuhören
  2. Zuwenden // die ganze Aufmerksamkeit auf den Gesprächspartner richten, Blickkontakt herstellen, eine offene Körperhaltung einnehmen
  3. Bestätigung // nicht nur stumm dastehen, sondern einfache Äußerungen wie „Aha“, „wirklich“, „echt“ oder „interessant“ machen und körpersprachlich Aufmerksamkeit signalisieren, zum Beispiel durch Nicken
  4. Türöffner // offene Fragen und Einladungen, um ein Gespräch anzuregen oder (wieder) in Gang zu bringen (à la „Schieß los, ich höre zu“ oder „Deine Sicht würde mich sehr interessieren“)
  5. Aktives Zuhören // laufend Rückmeldung (Feedback) geben, um zu prüfen, ob das Gehörte „korrekt dekodiert“, also verstanden wurde (nicht nachplappern, sondern einfühlsam mit eigenen Worten wiedergeben

Kommunikation bleibt ein komplexes, für beide respektive alle Seiten höchst anspruchsvolles Geschehen, aber die Gordon’schen Werkzeuge erleichtern und verbessern ein Gespräch erheblich. Und wenn es mal nicht so klappt? Dann hilft womöglich eine Ermahnung des Vaters der sogenannten Gewaltfreien Kommunikation (GFK), Marshall B. Rosenberg: „Du kannst dich jederzeit entscheiden, wie du die Worte deines Gegenübers aufnimmst – die Macht liegt bei dir.“