Selbsterkenntnis beim Fensterln

Das berühmte „Erkenne dich selbst!“ („Gnṓthi sautón“) aus dem antiken Delphi ist einer der Leitsätze in der Philosophie, aber auch in der Psychologie und beispielsweise im (Selbst-)Coaching. Damit haben Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein auch längst Eingang in unsere Arbeitswelt sowie die Organisations- und Personalentwicklung gefunden. Kein Wunder, dass mir eines der bekanntesten und eingängigsten Modelle rund um die Selbsterkenntnis vor Kurzem wieder einmal in einem Workshop mit einem Kunden begegnet ist. Gewundert habe ich mich allerdings über die Mängel in der von den beiden (ansonsten großartigen) Kolleg*Innen genutzten Modell-Abwandlung. Nur ein paar Tage später fand sich ein ganz ähnlicher Fehler in einer Darstellung einer meiner liebsten Sketchnote-Spezialist*innen. Das ließ mich stutzen und ich forschte im Internet nach. Das Ergebnis: Öfter als auf die bewährte Originalversion stieß ich auf eine fehlerhafte Variante oder eine in der Regel fragwürdige Weiterentwicklung. Grund genug, das herrlich einfache Modell hier einmal vorzustellen: das Johari-Fenster, in den 1950ern entwickelt von den US-amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham (und aus deren Vornamen bildete sich dann eben das eigentümliche „Johari“).

Dieses Johari-Fenster untersucht die Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale bzw. die Denk- und Verhaltensweisen im Zusammenhang eines Individuums mit anderen oder einer Gruppe von Menschen. Es hilft vor allem dabei, den sogenannten „blinden Fleck“ im Selbstbild eines jeden von uns darzustellen. Dazu ist das Fenster viergeteilt, um zwischen „mir“ und den „anderen“ einerseits sowie zwischen „bekannt“ und „unbekannt“ zu unterscheiden. So ergeben sich vier verschiedene Fensterflächen:

  • Sowohl mir als auch den anderen bekannt (die sogenannte öffentliche Person). In diesem meist eher kleinen Feld steckt alles, was ich von mir gewollt oder ungewollt preisgebe (erzähle, zeige, sichtbar mache …) und zugleich von anderen wahrgenommen wird. Das können geäußerte Einstellungen und Überzeugungen sein, aber auch unser Verhalten, Charaktereigenschaften von A wie ängstlich bis Z wie zupackend, Umgangsformen, körperliche Reaktionen oder zum Beispiel unsere Kleidung. Hier handele ich frei und offen.
  • Mir bekannt, anderen aber unbekannt (mein Geheimnis, von manchen Kollegen auch Fassade genannt). Dieser Anteil meiner Persönlichkeit gehört nur mir und steht auch nur mir offen – sei es, weil ich etwas verbergen will (womöglich auch aus Angst vor Ausgrenzung oder Anfeindung), oder weil ich es anderen noch nicht eröffnet/gezeigt habe oder vielleicht auch nicht zu vermitteln vermag. Es liegt in meiner Hand, mehr aus diesem Quadranten preiszugeben und ihn damit zu verkleinern. Es ist an den anderen, eine offene, vertrauensvolle und von Wohlwollen geprägte Umgebung mitzugestalten.
  • Mir unbekannt, aber anderen bekannt (der blinde Fleck). Hier findet sich alles, was von anderen über die jeweilige Person wahrgenommen wird. Dazu zählen auch Verhaltensweisen und Eigenschaften, die einem selbst unbekannt sind. Auch dieser Bereich lässt sich durch Rückmeldungen/Feedback der Mitmenschen erheblich verkleinern. Was die anderen einen wissen lassen, kann Bestandteil der öffentlichen Person werden. Im Gegenzug lassen sich Fehl- und Vorurteile ausräumen.
  • Mir und anderen unbekannt (quasi Terra incognita für alle). Ein gänzlich unenthüllter, schier unendlich großer Bereich – lohnend und voller Potenzial, aber schwer zu erkunden. Jede neue Situation, die sich uns stellt, jede Erfahrung, die wir machen, jedes Wissen und jede Fertigkeit, die wir uns aneignen, könnte uns und andere ein Stück des großen Unbekannten entdecken lassen.

Bei jedem Menschen und je nach Gruppe (Familie, Kollegen, Verein etc.) sind die vier Fensterflächen unterschiedlich groß. Das liegt zum einen an der Beziehung zwischen uns und der jeweiligen Gruppe, zum anderen an unserem Kenntnisstand über uns selbst. Eng damit verbunden ist der Aspekt des Bewusstseins, ich rate aber dringend dazu, immer sauber zwischen bekannt/unbekannt und bewusst/unbewusst zu differenzieren. Ein Großteil unseres Fühlens und Verhaltens geschieht unbewusst (vgl. Eisbergmodell in Anlehnung an Freud), das heißt aber keineswegs automatisch, dass es auch unbekannt ist, und erst recht nicht, dass es unbekannt bleiben muss.

Das wesentliche Lern- und Entwicklungsziel zum Johari-Fenster ist es (gut dargestellt in einem kurzen Erklärvideo der auf digitales und internetbasiertes Lernen spezialisierten Pink University hier), unbekannte und unbewusste Anteile ans Licht zu bringen und damit den gemeinsamen Handlungsspielraum transparenter zu machen und zu erweitern. Besonders gut geht das im Zusammenspiel mit anderen durch das Lernen in der Gruppendynamik. Indem ich mehr über mich „verrate“ und indem mir andere über Feedback etwas mitteilen, wird der Quadrant oben links mit der öffentlichen Person immer größer, während die drei anderen kleiner werden. Keine Angst: Jeder darf und muss Geheimnisse haben. Aber wir gewinnen Klarheit und letztlich Freiheit darüber, was wir wirklich für uns behalten wollen und was wir mit wem vielleicht doch lieber teilen wollen. Oft führt allein schon der verringerte Aufwand für die Geheimhaltung zu einem spürbaren Plus an Lebens- und Beziehungsqualität.

„Indem Sie das [Johari-]Fenster öffnen, lassen Sie andere herein, um Ihnen zu helfen, weiter zu lernen und zu wachsen“, heißt es in einem Beitrag von Kristy McCann bei „Forbes“ – so wird Feedback zum Antrieb für die eigene Weiterentwicklung. Eines aber sollte nicht vergessen werden: Auch beim besten Willen und sorgfältigster Deutung ist die öffentliche Person aus dem Johari-Fensters niemals deckungsgleich mit dem vielzitierten wahren Ich, sofern es das in dieser ausgeprägten Form überhaupt gibt. Ich selbst könnte anderen (und mir) ja auch nur etwas vormachen, und sowohl ich als auch die anderen könnten bei der Wahrnehmung und vor allem der Interpretation gehörig daneben liegen. Einige Kollegen schlagen daher vor, bei „bekannt“ jeweils zu unterscheiden zwischen „bekannt und gewiss“ sowie „vermutet“, aber das erscheint mir als wenig hilfreich. Lieber sollten wir stets im Hinterkopf behalten, dass wir uns der Wahrheit immer nur annähern können und unsere Erkenntnisse immer wieder hinterfragen und überprüfen sollten. Das wahrscheinlich erhellendste Fenster der Welt wird uns wohl ein Leben lang begleiten.