Schmerzfrei im Kollektiv

Ein Coworking Space bietet im Idealfall nicht nur ein Nebeneinander, sondern auch viel Miteinander. Im Impact Hub Munich, meinem neuen beruflichen Zuhause, arbeite ich schon jetzt an mehreren Kundenprojekten gemeinsam mit einem oder mehreren der anderen Mitglieder, aber gibt es auch regelmäßig Veranstaltungen, in denen man zusammen lernt, diskutiert oder eben arbeitet. Mal stellt sich ein Start-up-Unternehmen vor, mal bereitet man mittags einen „Sexy Salad“ für alle zu, und ein anderes Mal bildet man sich in Sachen Scrum weiter. Ein besonders schönes, nützliches Format ist das sogenannte Biggest Pain Tackling („Bekämpfung des größten Schmerzes“), das zurzeit einmal im Monat stattfindet und bei dem man sich gegenseitig hilft, das jeweils größte ungelöste Problem anzugehen. Es geht gar nicht einmal unbedingt darum, auch wirklich jedes Problem komplett aus der Welt zu schaffen, sondern eher um eine Anregung und Hilfestellung für den nächsten konkreten Schritt – vor allem in etwas verfahrenen Situationen, in denen man partout nicht weiterkommt, ist das schon eine ganze Menge. Das Format ist eine spezielle Art von Brainstorming und hat sich als sehr fruchtbar erwiesen – sofern man ein paar Grundregeln beachtet! Und es eignet sich auch für Unternehmen oder zum Beispiel Agenturen.

Das bewusst auf 45 Minuten begrenzte „BPT“ bei uns eingeführt hat Sophie Schade, Mitgründerin des Unternehmens Agenturmatching, das als „eine Art Tinder für die Werbebranche“ Werbungtreibende mithilfe eines Algorithmus mit Agenturen vernetzt, wie es in der „Horizont“ hieß. Bei unseren Sitzungen fungiert Sophie auch als Moderatorin, die nicht nur die Zeit im Blick behält, sondern auch darauf achtet, dass sich alle Teilnehmer an das vorgegebene Procedere halten und jeder zu Wort kommt. Sonst ist es wie bei jedem Brainstorming: „Ohne Moderator, ohne konkrete Fragestellung und ohne Beachtung der Regeln wird das Brainstorming zu dem, was ihm immer wieder angekreidet wird: einer Verschwendung produktiver Arbeitszeit“, bringt es ein „Impulse“-Beitrag auf den Punkt. Grundregel Nummer eins also: Immer moderiert und Schritt für Schritt.

Die Veranstaltung beginnt mit dem „Check-in“, in dem sich alle Teilnehmer, im Idealfall mindestens fünf (sonst wird es leicht ein wenig mühsam und wenig produktiv) und höchstens zwölf (sonst wird es oft chaotisch und zerfranst die Gruppe), im Blitzverfahren vorstellen und mit Herz und Verstand ankommen können. Je größer die Vielfalt der Gruppe, desto besser – unterschiedliche Professionen, Denk- und Lebensweisen sorgen für mehr Kreativität und „schrägere“ Einfälle. Dann folgt ein „Intro“, in dem nochmal der Ablauf und die wichtigsten Prinzipien vorgestellt und geklärt werden. Anschließend folgt das eigentlich „Tackling“, bei dem pro Teilnehmer*in und Problem nur wenige Minuten zur Verfügung stehen. Die Schrittfolge dabei ist ebenfalls konsequent einzuhalten:

  1. Die Problembeschreibung – was ist, ganz konkret, das Problem und was fehlt mir, um es zu lösen? Schon aus Zeitgründen wird die Problematik nur sehr verdichtet und anhand der allerwichtigsten Gesichtspunkte vorgestellt. Es geht nicht um eine Fachdiskussion und ausführliches Erklären.
  2. Verständnisfragen – ist an der Problemstellung etwas unklar oder sind Begriffe unbekannt? Typischerweise stecken in solchen Nachfragen häufig zumindest indirekt schon Lösungsansätze oder Empfehlungen drin. In solchen Fällen kann man als Moderator*in eingreifen, zumindest aber sollte man darauf achten, dass sauber getrennt und eingeordnet wird.
  3. Die sogenannte Geschenkübergabe – jeder, der will, macht einen ganz konkreten Lösungsvorschlag, der vom Problemgeber nicht groß kommentiert oder gar kritisiert, sondern schlicht offen und in der berühmten wertschätzenden Haltung angenommen wird. Hier profitieren alle vom Perspektivenwechsel und von der Erfahrung der anderen. Das kann ein Feedback mit einem noch nicht bedachten Aspekt sein, ein Tipp à la „Ein Kollege von mir hat in einer ähnlichen Situation …“ oder auch ein ganz konkretes kollegiales Hilfsangebot à la „Ich kenne da eine Expertin, die …“ oder „Ich habe ja eine Zusatzausbildung als Wasweißich und kann das gerne mal …“ sein. Dabei ist es ausdrücklich erwünscht, auch mal wüst herumzuspinnen. „Je ungewöhnlicher die Idee, desto besser“, meinte schon BDO-Gründer Alex Osborn, der die Methode Brainstorming entwickelt hat.

Sowohl für das Mitbringen eines zu lösenden Problems wie für das Einbringen beim Lösungsversuch gilt Grundregel Nummer zwei: Jeder darf, keiner muss. Wem in diesem Moment eben nichts einfällt, setzt einfach aus. In jedem Fall aber kommt nach Abschluss der Tackling-Runden der geleitete „Check-out“: Will jemand etwas zu der Veranstaltung sagen? Ist jeder mit dem Verlauf und dem Ergebnis zufrieden? Was hat euch gefehlt, was könnte man besser machen? Übrigens hatte ich beim letzten Mal keinen wesentlichen Verbesserungsvorschlag mehr. Was bleibt da noch? Am besten selbst ausprobieren! „Lasst uns im Jahr 2019 das Brainstorming feiern“, rief Ende letzten Jahres ein Fachbeitrag in „Edition F“ auf. Dort hieß es weiter ganz richtig: „Hauchen wieder dieser alten Methode frischen Wind ein, lassen wir sie wieder aufleben und befruchten wir mit ihrer richtigen Anwendung unserer Kreativität.“ Als hätte die Autorin da an unser „BPT“ gedacht. Und Sie müssen es nur noch nachmachen … Mehr gibt an dieser Stelle nicht dazu zu sagen. Ach, eins dann doch: Bitte bei der ersten gemeinschaftlichen Schmerzbekämpfung zum Schluss das Dankesagen nicht vergessen. Fühlt sich für alle besser an.