Schief entwickelt

„Große Zeiten sind immer Zeiten, in denen alles schief geht.“ Da sagt er was, der Theodor Fontane. Auch wenn der Schriftsteller hier etwas anderes meinte, passt seine Aussage zu Größe und Schieflage auch in unserem Fall, denn manchmal ist der schiefe Weg nicht nur ein möglicher Weg ans Ziel, sondern der beste, und im Grunde sogar der einzig gangbare. So verhält es sich nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun. Sein vielleicht bedeutsamster Gedanke: Die Chance zur positiven Entwicklung liegt in der Diagonale! Letzte Woche habe ich das „WEQ“ vor internationalem Publikum als „eines der wertvollsten und wirksamsten Werkzeuge in der Kommunikation, aber auch in der Persönlichkeitsentwicklung“ vorgestellt – und meinte das vollkommen ernst. In kaum einem Bereich meines Berufs- und auch Privatlebens mehr will ich auf das fast magische Viereck verzichten.

Schulz von Thun stellte das Modell 1989 vor, dessen Wurzeln allerdings sehr viel älter sind. Bei Aristoteles sollte man einsteigen. In dessen „Nikomachischer Ethik“ findet sich eine Beschreibung wahrer Tugend als die Mitte zwischen Übermaß und Mangel, wie ein mathematisch sauberer Mittelwert zwischen zwei Extremen, einem „zu viel“ und einem „zu wenig“ (vgl. „richtiges Maßes“ als Kardinaltugend). So kann man Mut als Mittelweg zwischen Tollkühnheit und Feigheit begreifen. Nicht umsonst sprechen wir von „zuviel des Guten“ – im Exzess, in der Überdosierung, kippt das Positive ins Negative. Schulz von Thun spricht hier von „entwertender Übertreibung“, greift das vom Psychologen Paul Helwig weiterentwickelte Wertequadrat des Philosophen Nicolai Hartmann auf (zur Entstehung liegt hier ein ausführlicher Text Schulz von Thuns vor) und errichtet das bis heute weltweit anerkannte Werte- und Entwicklungsquadrat. Mit seiner Hilfe lässt sich die von Aristoteles geforderte Mitte sehr viel klarer bestimmen und vor allem auch praktisch ansteuern.

Links oben im Quadrat ist eine Tugend respektive ein Wert, eine Stärke oder auch ein Leitprinzip einzutragen, zum Beispiel „Sparsamkeit“. Im Übermaß verkommt – entartet, würden manche sagen – diese Tugend zur Untugend, zur „Abwertenden Übertreibung“, hier etwa zum „Geiz “. Damit die Tugend hingegen positiv im oberen Bereich bleibt, ist zusätzlich ein positives Gegenstück, eine „Schwestertugend“, erforderlich, in unserem Beispiel die „Großzügigkeit“. Beide stehen in einem positiven Spannungsverhältnis zueinander und sind komplementäre Gegensätze – sie ergänzen sich und stehen jeweils für das, was dem anderen fehlt (vgl. Yin-Yang-Prinzip). Jede Einseitigkeit wäre problematisch. Das Gegenstück wiederum stellt ebenfalls eine Tugend dar, die im Übermaß – also ohne Gegenüber – zur „Verschwendungssucht“ verkäme (manche nennen diesen Bereich aus Sicht des Sparsamen „Angstfeld“). Damit wären die vier Eckpunkte des Quadrats gefüllt. Dabei ist es einerlei, wo man mit dem Ausfüllen beginnt – oben, unten, links oder rechts.

Aber das Modell kann noch mehr: Es hilft zum einen dabei, Konflikte zu erklären und zu lösen. Es liegt auf der Hand, dass die beiden unteren Untugenden einander diametral entgegengesetzt sind und immer wieder Quelle für Streit und Auseinandersetzungen sind. Geiz und Verschwendungssucht, um unser Beispiel wieder aufzugreifen, vertragen sich nicht, sondern sind einander spinnefeind. Typischerweise unterstellt ein unbedachter Vertreter einer Tugend einem Vertreter der Schwestertugend auch gerne mal ein Abrutschen und wird etwa ein höflicher Mensch als unterwürfig oder Spontaneität als Sprunghaftigkeit verunglimpft. Es lohnt sich daher, Konflikte zwischen Menschen und Gruppen (und auch intrapersonal) nüchtern zu begutachten und die beteiligten Werte und Perspektiven herauszuarbeiten. Denn das Modell lehrt auch: In jeder Übertreibung steckt ein wertvoller Kern – dies in der kritischen Betrachtung wahrzunehmen („Ah, die Person verhält sich so, weil ihr der Wert X wichtig ist.“) und auch auszudrücken, ist oft der entscheidende Schritt zu einer konstruktiven Lösung.

Wenn wir Kritik äußern und eine Übertreibung/Untugend ansprechen, sollten wir diesen positiven Kern, die darin enthaltene Tugend, in der Regel auch explizit würdigen („Das fand ich an deinem Verhalten gut“ oder zumindest „Ich schätze es sehr, wenn man X versucht.“). Ich betone noch einmal: auch sich selbst gegenüber! Die konstruktive Kritik selbst kann anderen gegenüber dann auch sanft in Form eines Gefahrenhinweis angebracht werden („Wenn einem X wichtig ist, kann es passieren, dass man ein wenig y wird“ oder „Bei X besteht schnell die Gefahr, dass man zu Y wird“), der auch gleich die Brücke zur Empfehlung schlägt und den Weg zur erforderlichen Schwestertugend eröffnet („Vielleicht kannst du noch etwas mehr Z im Auge behalten“ oder „Wenn man noch etwas mehr z ist, lässt sich das vermeiden“).

Damit sind wir mitten im vielleicht spannendsten Part: der Entwicklung, egal ob als Individuum, Team oder Organisation. Häufig kommt es bei Schwächen zu einer Überkompensation von der einen Seite unten zur anderen. Eine ehedem bis zur Selbstverleugnung freundliche und hilfsbereite Person wird dabei zum Beispiel zum aggressiven Streithansl oder eine „betüdelnde“ Führungskraft zum „Macht-doch-was-ihr-wollt-Führungsverweigerer“. Der Weg nach oben führt über die schiefe Ebene, die Diagonale – der Übertreibung entkommen, indem man in gleicher Menge Schwestertugend ergänzt! Daher verwenden viele Kolleg*innen für das Feld oben rechts den Begriff „Entwicklungsbereich“.

Schulz von Thun beschreibt in einem Text die Fülle an Möglichkeiten, die in seinem „WEQ“ stecken, und meint, es gehöre zu jenen „Werkzeugen des Geistes“, die er „sowohl professionell als auch existenziell immer im Hinterkopf“ habe, wenn er es „mit einem Gegensatz, einer Widersprüchlichkeit, einer Polarisierung, einem Dilemma zu tun bekomme“. Die Anwendungsfelder seien unter anderem Beratung und Coaching, Beurteilung und Feedback, Mediation und Klärungshilfe, interkulturelle Kommunikation sowie Lebensbesinnung und „lebensphilosophischen Reflexion unseres Daseins“. Es sei also auch ein Beratungs-, Feedback-, Polarisierungs-, Herausforderungs-, Kultur- und „lebensphilosophisches Gleichgewichtsquadrat“ und „damit fast ein Universalschlüssel, wenn es darum geht, abstrakte Werte in Tugenden und gelebte menschliche Qualitäten zu verwandeln“. D’accord, auch wenn der Hamburger Kommunikationspsychologe da dann doch gehörig untertrieben hat.