Rhetorikanalyse zur Bayernwahl

Am 14. Oktober wählt Bayern einen neuen Landtag, und selten zuvor dürfte das Interesse an einer Landtagswahl so groß gewesen sein. Nach den Vorfällen in Chemnitz und Köthen, nach Groko-Krise, Maaßen-Affäre und der Auseinandersetzung um den Hambacher Forst blicken politische Beobachter aus ganz Deutschland und dem Ausland gespannt auf den Urnengang im Freistaat. Vor diesem Hintergrund haben wir von der Regionalgruppe Bayern des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) schon zu Beginn des Jahres eine Initiative gestartet, um die Rhetorik im Wahlkampf zu analysieren und unter den Spitzenkandidaten den/ie besten Redner/in zu küren. Am vergangenen Donnerstag dann haben wir auf einer Pressekonferenz im Presse-Club München die Ergebnisse vorgestellt. Mit von der Partie war neben Lisa Hilbich und mir als den beiden Leitern der Regionalgruppe auch die frühere Chefredakteurin des „Münchner Merkurs“, Bettina Bäumlisberger , die nicht nur Mitglied unseres Analystenteams war, sondern auf dem Medien-Event auch als Moderatorin fungierte. Ganz vorne landete Katharina Schulze von den Grünen, gefolgt vom amtierenden Ministerpräsidenten Markus Söder und Natascha Kohnen von der SPD. Martin Hagen von der FDP landete ganz knapp auf dem undankbaren vierten Platz. Hier die komplette Rangliste:

  1. Katharina Schulze, Bündnis 90 / Die Grünen (Doppelspitze)
  2. Markus Söder, CSU
  3. Natascha Kohnen, SPD
  4. Martin Hagen, FDP
  5. Ates Gürpinar, Die Linke (Doppelspitze)
  6. Ludwig Hartmann, Bündnis 90 / Die Grünen (Doppelspitze)
  7. Hubert Aiwanger, Freie Wähler
  8. Martin Sichert, AfD (Landesvorsitzender, kein Spitzenkandidat ernannt)
  9. Eva Bulling-Schröter, Die Linke (Doppelspitze)

Während die Siegerin mit durchschnittlich 7,86 Punkten von maximal neun einen deutlichen Vorsprung hatte, lagen die Plätze zwei bis sieben recht dicht beieinander. Dahinter gab es erneut erheblichen Abstand. Für die Untersuchung habe ich ein Team von insgesamt acht VRdS-Mitgliedern zusammengetrommelt – ganz herzlichen Dank für den famosen ehrenamtlichen Einsatz auch an dieser Stelle -, das seit Mitte August öffentliche Wahlkampfauftritte vom Stand in der belebten Fußgängerzone bis zum Bierzelt auf dem Volksfest verfolgt und zu jedem Spitzenkandidaten mindestens zwei Rhetorik­gutachten nach einheitlichen Kriterien erstellt hat. Von den insgesamt achtzehn erforderlichen Gutachten habe drei ich selbst beigesteuert. Die gesamte Koordination hatte ebenfalls ich übernommen. Dabei stand jedem Analysten ein ziemlich detaillierter Leitfaden zu Verfügung. Bewertet wurden jeweils sieben Kategorien, in denen jeweils zwischen einem und neun Punkte vergeben wurden:

  • Aufbau: Einstieg, Gliederung, nachvollziehbare Struktur, Roter Faden, Ausblick, Handlungsaufforderung, Abschluss etc.
  • Argumentation: Überzeugungskraft, Nachvollziehbarkeit der Argumente, glaubwürdige Untermauerung der Kernbotschaft/en, Belege/Fakten, taktisches Vorgehen, Haltung des Redners etc.
  • Sprache: Aktive, anschauliche Sprache, Wortwahl und Formulierungen, Angemessenheit, Abwechslungsreichtum, Lebendigkeit, Fehler, Verwendung von Floskeln und Phrasen, Bürokratendeutsch, Fachjargon, Dialekt, erzählende Elemente, Stilmittel, passende Metaphern, korrekte und verständliche Syntax, Schachtelsätze, korrekte Morphologie etc.
  • Publikumsorientierung: Eingehen auf Publikum, Nähe und Verbindung zum Publikum, regionale Bezüge, angemessene Aufbereitung für Zuhörerschaft, adressatenbezogene Sprache, Aufgreifen/Herstellen von Gemeinsamkeiten, Aufmerksamkeit und Interesse wecken etc.
  • Vortrag/Auftritt: Freier Vortrag oder Ablesen (Prompter?), Mimik, Gestik und Körpersprache, Blickkontakt, Artikulation, Prosodie, Aussprache, Sprechgeschwindigkeit, Stimmlage, Lautstärke, Pausensetzung, Erscheinung etc.
  • Inszenierung: Umfeld, „Markenbild“ der Partei, Beleuchtung, Ton, Musik, Filmeinspieler, Gestaltung des Rahmens, Bühne, Dekoration, Beflaggung etc.
  • Umgang mit Publikumsreaktionen: Umgang mit und Eingehen auf verbale oder nonverbale Publikumsreaktionen (zum Beispiel Applaus, Unmutsbekundungen oder Rufgewirr), Fragen aus dem Publikum, Aufgreifen von Emotionen aus dem Publikum, Anheizen/Mäßigen etc.

Die Pressekonferenz war ausgesprochen gut besucht; sämtliche Journalisten blieben bis zum Schluss und es gab viele Fragen zu beantworten. Auch die bisherige Medienresonanz war klasse, zum Beispiel mit Berichten in der „Abendzeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Welt“. Ausführlich konnten wir unsere von einem insgesamt emotional und sehr hitzig geführten Wahlkampf mit zahlreichen populistischen Ausschlägen berichten. Immerhin war zumindest bei fast allen Kandidaten auch das Bemühen um Mäßigung erkennbar. Mit Blick auf den politischen Gegner traten alle Kandidaten angriffslustig auf, selten jedoch herabwürdigend oder verletzend.

Aus unserer Sicht als Redenschreiber gab es im bayerischen Wahlkampf durchaus ansprechende, allerdings nur vereinzelt wirklich herausragende Leistungen. Die meisten Vortragenden beherrschen ihr rhetorisches Handwerk und erwiesen sich als erfahren und gut vorbereitet. Es überwog eine anschauliche und gut verständliche Sprache mit griffigen Formulierungen, viel Metaphorik, starken erzählerischen Elementen und einigem Humor. Verglichen mit früheren Wahlkämpfen treten die Kandidaten viel natürlicher, nahbarer und lockerer auf. Die meisten Reden werden inzwischen weitgehend frei gehalten. Auch die Sprache war auffallend alltagsnah und ungestelzt. Die Inszenierung war in den meisten Fällen ebenfalls zurückhaltend.

Katharina Schulze beeindruckte laut Analysten als „inspirierend, überzeugend, glaubwürdig und unterhaltsam“. In ihren energiegeladenen Reden habe sich immer wieder „ein Wechselspiel entfaltet, bei dem sich Rednerin und Publikum gegenseitig emotional unterstützen“. Sie habe mit „klaren Botschaften und einer greifbaren, sympathischen Persönlichkeit mit eindeutiger Positionierung“ geglänzt. Der Zweitplatzierte, Markus Söder, überzeugte neben seiner starken physischen Ausstrahlung mit „einer kraftvollen, am gesprochenen Wort orientierten Sprache“. Er kenne „die Klaviatur der Rhetorik und spielt sie souverän aus“, heißt es in einem der Gutachten. Natascha Kohnen gefiel vor allem durch einen kämpferischen und trotz der verheerenden Prognosen selbstbewussten und warmherzigen Auftritt.

Übrigens hat in diesem Jahr mit Schulze zum ersten Mal eine Frau bei einer Wahlredenanalyse des VRdS gewonnen. Bei den bislang drei begleiteten Bundestagswahlen siegte 2017 Christian Lindner, 2013 Gregor Gysi und 2009 Guido Westerwelle. Bei der Europawahl 2014 landete Martin Schulz auf dem ersten Rang. Was für uns alle diesmal auch schön zu sehen war: Wie sich die Gewinnerin in Tweets und Posts über die Auszeichnung freute. Auf Twitter verriet die erst 33-jährige Gewinnerin aber noch etwas: „Viele Leute haben mir schon (ungefragt) Ratschläge gegeben, wie ich sprechen solle. Gut, dass ich auf die meisten nicht gehört habe.“ Da sehe man mal wieder, dass man es auf ganz eigene Weise machen sollte – „#andIDidItMyWay“, schreibt sie. Ich gebe ihr da fast rundum recht, solange man auf einige eben doch hört – gerade in der Rhetorik sind der Blick von außen und konstruktive Kritik für exzellente Leistungen unverzichtbar, nicht zuletzt wegen der Körpersprache. Eigenständigkeit und ein Rat von außen schließen sich zum Glück ja auch gar nicht aus.