Redekunst aus dem alten Rom

vrds Professor JankaWeit mehr als zweitausend Jahre sind vergangen seit seiner Ermordung im Jahr 43 v. Chr., und dennoch beeinflusst und befruchtet er die Rhetorik in Theorie und Praxis bis heute: Marcus Tullius Cicero, eine der bekanntesten und vielseitigsten Persönlichkeiten der römischen Antike und vor allem so etwas wie der Ahnherr der wissenschaftlich betriebenen Redekunst. Beim gestrigen Stammtisch der Regionalgruppe Bayern des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) ließ uns Prof. Dr. Markus Janka, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität für Klassische Philologie und Fachdidaktik der Alten Sprachen mit einem Schwerpunkt Rhetorik der Antike, in seinem famosen Gastvortrag „Ciceros orator perfectus: Ein Modell für unsere Zeit?“ tief in das filmreife Leben und das bis heute nachklingende Wirken des berühmten Politikers und Philosophen eintauchen.

Nach wie vor kommt kein brauchbares Rhetorikbuch um Ciceros Werke herum und verwenden wir deren Begriffe und Grundsätze nahezu unverändert. Wie er arbeiten wir uns systematisch durch die fünf Produktionsstadien der Rhetorik („inventio“, „dispositio“, „elocutio“, „memoria“ sowie „actio“) und haben dabei letztlich die gleichen Aufgaben zu erfüllen: Nämlich „den Beweis der Wahrheit dessen, was wir vertreten, den Gewinn der Sympathie unseres Publikums und die Beeinflussung seiner Gefühle“, wie es Cicero in „Über den Redner“ formulierte.

Typisch für Cicero war auch eine starke ethische Komponente – der Redner auch als sittliches Vorbild. Der „perfekte Redner“ solle nicht nur in der Dialektik geschult sein, „sondern in allen philosophischen Grundfragen bewandert sein“, um „gewichtig, gediegen und gewandt formulieren und rhetorisch entfalten“ zu können, wie Janka aus Originaltexten übersetzt. Je mehr wir erfuhren, desto mehr wollten wir wissen. Stundenlang hätte ich da noch zuhören können.

Keinen Moment lang kam der Eindruck auf, Cicero sei womöglich überholt und habe uns nichts mehr zu sagen. Gemeinsam überprüften wir das auch anhand der Rede- und Debattenkultur im Deutschen Bundestag und im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Selbst zu Mario Barths Fernsehshows führte uns die Beschäftigung mit Cicero. Kein Wunder, denn seit der Antike hat sich auf dem Gebiet der Redekunst ohnehin „nichts Entscheidendes geändert“, wie der Germanist Karl-Heinz Göttert in einem Gespräch zu seinem 2015 herausgebrachten Buch „Mythos Redemacht“ feststellte. Ciceros vielleicht wichtigsten Rat für Redner würde jeder moderne Rhetoriktrainer und -berater wohl sowieso ohne zu zögern unterschreiben: „Reden lernt man durch reden.“