Raum für Neuigkeiten

Wer am Züricher Leutschenbach den Ende 2019 in Betrieb genommenen Neubau des SRF besucht, ist im Normalfall zumindest mittelschwer beeindruckt. Vor allem der zentrale Newsroom des Schweizer Rundfunks macht durchaus etwas her. „Der riesige, auf alle Seiten offene Raum hat etwas von einem Auditorium – und von einer Raumschiff-Kommandobrücke“, heißt es auf der SRF-Website. Anders als zum Beispiel beim österreichischen ORF oder der deutschen ARD, die etwa zeitgleich ein ähnliches Bauvorhaben realisierten, sorgte der Newsroom der Eidgenossen und Eidgenossinnen als Raum, aber auch als Organisationsform sogar außerhalb der Fachkreise für einigen Wirbel. Erst kam es nach technischen Schwierigkeiten zu Verzögerungen, dann berichtete die „Blick“ im September 2020 von „offenbar inakzeptablen Arbeitszustände“ und einem „Aufstand“ wegen chaotischer Strukturen.

Der neue SRF-Newsroom in Zürich (Bild: SRF / Gian Vaitl)

Treten wir zunächst ein paar Schritte zurück und betrachten das Grundlegende. Die meisten Menschen dürften den Begriff „Newsroom“, sofern sie überhaupt etwas damit anfangen können, mit trubeligen US-amerikanischen Redaktionen und Hollywood-Streifen wie „Die Unbestechlichen“ („All the President’s Men“) oder „Superman“ verbinden. Typischerweise ist damit ein zentraler Ort gemeint, an dem etliche Journalisten und Journalistinnen Nachrichten sammeln und zu Beiträgen für ein gedrucktes, gesendetes oder internetgestütztes Medium aufbereiten – ein oft rast- und ruheloser Ort mit ständigem Kommen und Gehen, durchzogen von Gerüchten und Geschichten, wo alle sich gegenseitig befruchten, aber einander auch ständig im Blick haben und nicht zuletzt auch Konkurrenz machen. Für die einen vermutlich der Inbegriff des aufregenden Journalistenlebens, für andere eher ein fiebriges Tollhaus. Nicht nur bei der legendären „New York Times“ wird der Newsroom gerne auch „City Room“ genannt.

In einem Artikel zur Geschichte der Newsrooms beschreibt das „Smithsonian Magazine“ die Redaktion des „Journal-American“ der 1950er Jahre als „typisch für ihre Zeit: überfüllt, chaotisch und organisiert wie der Produktionsbereich in einer Fabrik, um die Nachrichten so schnell wie möglich zu verbreiten“. Im Zentrum steht der „City Desk“ als „das Herzstück der Redaktion, mit den leitenden Redakteuren in der Mitte und den Copy Editors, die sich rechts um das Hufeisen eines gemeinsamen Schreibtisches – den ‚Rim‘ – gruppieren“. Aus den meist ungemütlichen Schreibfabriken wurden oft nicht weniger ungemütliche Großraumbüros voller Computerbildschirme und heute manchmal durchdesignte Vorzeige-New-Work-Tempel mit „Chill-out Zone“ und „Quiet nooks“. Parallel dazu hat sich ab den später 90ern der „Online-Newsroom“ eingebürgert, der Pressebereich einer Unternehmenswebsite mit Hintergrundinformationen, Bildmaterial, O-Tönen oder auch Videos. Aber auch in Kommunikationsabteilungen und Pressestellen ist ein Newsroom heute fast schon Standard, zumindest dem Namen nach. Schon 2012 hieß es in einem Artikel im „pr magazin“ „In Redaktionen von Medienhäusern sind Newsrooms schon länger in Mode. Jetzt entdecken immer mehr Unternehmen das Konzept […].“ Kurz zuvor hatte Siemens seinen Newsroom in Betrieb genommen und gilt seither als Vorreiter in Deutschland (hier ein lesenswerter Artikel aus der „absatzwirtschaft“). Kritiker sehen allerdings auch die Gefahr eines ruinösen Wettrüstens. Den Hintergrund bilden die veränderte Medienwelt und die neu entstandenen Sozialen Medien mit einer veränderten Sicht auf Inhalte. Dazu passt noch immer das Berühmte Bill-Gates-Zitat von 1996: „Content is king“. Nicht zufällig nennt die Telekom ihren Newsroom „Content Factory“.

In einem Beitrag im Unternehmensblog der Koblenzer Firma Dirico, die eine spezielle „Content-Collaboration-Plattform für das Marketing und die Unternehmenskommunikation“ anbietet, listet deren Gründer Sascha Böhr die 18 „besten Corporate Newsrooms in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ von auf und unterscheidet dabei auch nicht mehr zwischen Medienhaus bzw. Redaktion und Unternehmen. Das Konzept des Newsrooms stehe „wie kein anderes für agile und effiziente Kommunikationsprozesse sowie für strategische Redaktionsplanung“. In jedem Fall beschreibt Newsroom keineswegs nur ein Raumkonzept, sondern vor allem ein Bündel an Organisations- und Kooperationsmerkmalen. Und die sind heute mehr denn je en vogue, um im Wettbewerb um Aufmerksamkeit mit seiner Flut an Inhalten mitzuhalten. Vor ein paar Wochen erzählte mir ein findiger Unternehmer sogar, er wolle ein komplettes Start-up-Unternehmen als Newsroom strukturieren.

Im Dossier „Lokaljournalismus“ der Bundeszentrale für Politische Bildung findet sich auch ein allgemeiner Text zum Newsroom (samt gut gemachtem Schaubild). Es gehe darum, „neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens“ architektonisch zu fördern. „Die Wände zwischen Ressorts und Medien werden eingerissen; alle Journalisten sitzen in einem gemeinsamen Redaktionsraum und sollen sich so besser absprechen und koordinieren“ – ein „neuartiges Organisationsmodell und die neue Art journalistisch zu denken und zu handeln“. Schauen wir uns einmal die aus meiner Sicht wichtigsten Prinzipien an:

  • Ein Newsroom funktioniert crossmedial mit interdisziplinären Teams.
  • Sämtliche Arbeitsschritte sind themenorientiert – unabhängig von Ressort und Medium/Plattform. Die Trennung zwischen Inhalten bzw. Themen und Medien bzw. Kanälen mit klaren Verantwortlichkeiten bleibt gewahrt (z. B. hier ein Themendesk, dort ein Mediendesk, dazwischen eine Schiedsfunktion bzw. ein Vermittler und Entscheider, z. B. Chef/in vom Dienst).
  • Kein Thema „gehört“ einem Ressort oder einem Medium – jedes Thema kann unterschiedlich aufbereitet und auf unterschiedlichen Medien veröffentlicht werden.
  • Von außen und durch eigene Recherchen fließen ständig neue Themen ein – allen Beteiligten muss klar sein, nach welchen Kriterien diese ausgewählt und priorisiert werden (z. B. Aktualität, Zielgruppenrelevanz, Corporate Values etc.). Die Festlegung und regelmäßige Überprüfung erfolgt z. B. durch ein Strategieteam.
  • Weil sämtliche Schritte integriert bzw. verzahnt sind und die Interdependenz aller Beteiligten extrem hoch ist, müssen Anforderungen stets geklärt und Fristen stets eingehalten werden. Der Bedarf an Austausch und Kommunikation ist entsprechend hoch (Redaktionskonferenzen, bei Bedarf auch mehrere pro Tag, Möglichkeiten zum persönlichen Gespräch, sogenannte Collaboration Tools etc.).
  • Eine engmaschige und für alle Beteiligten – auch von unterwegs oder zu Hause – jederzeit transparente und aktuelle Planung ist unverzichtbar. Wer macht zu welchem Thema gerade was? Auch das Themen-Tracking und die Überwachung/Kontrolle der einzelnen Schritte ist wesentlich (z. B. über ein Content-Management-System).
  • Zu jeder Zeit muss gerade bei brisanten und hochaktuellen Themen klar sein, wer im Zweifel entscheidet, ob und wie das Thema aufgegriffen wird (z. B. ein/e Chef/in vom Dienst).

„Eine transparente und agile Form der Zusammenarbeit“ sei Grundlage eines Newsrooms und erfordere „ein neues Mindset von Management und Team“, heißt es in einem Beitrag im „Pressesprecher“ zum Aufbau eines Newsrooms. Darin warnt der auf die Digitalisierung von Unternehmen und redaktionellen Arbeitsprozessen spezialisierte Gastautor, Imory-Chef Eckhard Klockhaus, vor Illusionen: „Viel zu oft werden diese Dinge als Buzzwords verstanden. Dabei müssen sie geplant, gelernt und geführt werden.“ Um Erfolg zu haben, reiche guter Wille allein nicht aus, sondern bedürfe es „auch einer hohen Verbindlichkeit des Vorhabens“ und einer genauen „Betrachtung der eigenen Schwachstellen“.

Die Mühe lohnt sich. Ein gut eingespielter Newsroom steigert die Effizienz durch die Nutzung von Synergien und die Verschlankung von Abläufen nachweislich erheblich. Ein typisches Beispiel ist die gemeinsame Steuerung von Themen mit einheitlichen Freigabeprozessen. Auch in der Corona-Krise bewährt sich das Konzept, wie Deutschlands prominentester Experte, Prof. Dr. Christoph Moss, im „Pressesprecher“ bestätigt: „Newsrooms haben in der Krise massiv an Fahrt aufgenommen. Sie waren schon immer darauf angelegt, dass sie auch im Homeoffice-Modus funktionieren.“ Noch nie habe seine Agentur Mediamoss , die sich auf die Einrichtung und Weiterentwicklung von Newsrooms spezialisiert hat, mehr Anfragen bekommen als in diesen Tagen (mit „Das Newsroom-Modell in der Unternehmenskommunikation“ hat Moss übrigens auch das bislang wichtigste deutschsprachige Fachbuch zum Thema verfasst). „Ich bekomme von allen Newsrooms, die ihre Routinen eingespielt haben, das gleiche Feedback“, erzählt die Schweizer Kollegin Marie-Christine Schindler in einem Tweet: „Es ist gut, ihn gerade in dieser schwierigen Zeit zu haben.“

Wer einen Newsroom einrichten will, muss wissen, worauf er sich einlässt. Schwierigkeiten und auch anhaltende Widerstände sind nicht die Ausnahme, sondern der Normallfall – da sind Fingerspitzengefühl, Beharrlichkeit und umfassende Qualitäten als Change Manager gefragt. „Kein Newsroom ist wie der andere, und doch müssen sich alle vor dem Start die gleichen Fragen stellen“, so Schindler, die auf ihrer Website jede Menge Informationen und Arbeitshilfen rund um das Thema bereithält. Sie hat dazu eine Art Kurz-Fahrplan mit den „10 Schritten zu Konzeption und Aufbau des Newsrooms“ und ein kluges Modell mit vier Handlungsfeldern entwickelt (Organisation, Infrastruktur, Menschen sowie Output), um „die vielen Fragen bündeln“ und den „Handlungsbedarf systematisch und umfassend klären und priorisieren“ zu können.

Inzwischen sind viele Redaktionen, Unternehmen und Organisationen den steinigen Weg gegangen, und meines Wissens hat es keiner bereut. Und der Druck auf uns Kommunikationsmenschen wird weiter zunehmen. Im Interview mit dem „Pressesprecher“ ermuntert Klockhaus daher zum Aufbruch – „Weitermachen wie bisher ist keine Option“. Man dürfe nur nicht zu statisch vorgehen und den Newsroom in einem herkömmlichen, linearen „Wasserfall-Projekt-Verfahren aufbauen wollen“. Und weiter: „Ein Newsroom-Projekt hat viel mit Lernen, Experimentieren und Gewöhnen zu tun.“ Richtig sei ein pragmatischer Ansatz. „Newsroom hat ganz viel mit ‚einfach mal machen‘ zu tun“, so der 56-Jährige. Dann solle man Schritt für Schritt nachbessern. Dieses Nachjustieren sei womöglich ohnehin „ein Dauerzustand, an den sich alle gewöhnen müssen“, meint Christian Buggisch, Leiter Corporate Publishing bei der DATEV, im Gespräch mit dem „PR-Report“. Den Grund dafür nennt er auch: „Wie sich die Kommunikation immer wieder verändert, verändert sich der Newsroom.“ Ein gutes Schlusswort, und angesichts des tiefgreifenden Wandels in unserer Branche für Unentschlossene vielleicht der nötige Stupser, um sich dem Thema anzunähern.