Quadratur der Kommunikation

friedemann schulz von thunGestern führte ich eine kurze, aber charmante Twitterplauderei mit dem „Rhetorikmagazin“ und dem Kollegen Armin Sieber rund um das sogenannte Kommunikationsquadrat, eines der wichtigsten und meistverbreiteten Modelle zur zwischenmenschlichen Kommunikation. Entwickelt wurde das auch als Vier-Seiten- oder Vier-Ebenen-Modell bekannte Schema vom legendären Hamburger Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Erstmals vorgestellt wurde es bereits vor über 35 Jahren, aber es ist nach wie vor uneingeschränkt gültig, hat sich unzählige Male als ebenso tragfähig wie hilfreich erwiesen und wurde seither immer weiter verfeinert und um großartige Zusatzmodelle und -werkzeuge ergänzt.

Schulz von Thun selbst beschreibt den Grundgedanken des Kommunikationsquadrats so: „Wenn ich als Mensch etwas von mir gebe, bin ich auf vierfache Weise wirksam. Jede meiner Äußerungen enthält, ob ich will oder nicht, vier Botschaften gleichzeitig: eine Sachinformation (worüber ich informiere), eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe), einen Beziehungshinweis (was ich von dir halte und wie ich zu dir stehe) und einen Appell (was ich bei dir erreichen möchte).“ Als klassisches Beispiel in zahllosen Seminaren zu diesem Thema dient der Satz, den der männliche Beifahrer der Fahrerin in einem fahrenden Auto kurz vor einer Ampel sagt: „Du, da vorne ist Grün.“ Dazu die vier Seiten:

  • Sachinformation: „An der Lichtzeichenanlage leuchtet das grüne Licht.“
  • Selbstoffenbarung: „Ich fühle mich als Beifahrer unwohl und will selbst ans Steuer.“ Oder doch nicht? Ab hier befinden wir uns im Reich der Spekulation.
  • Beziehungshinweis: „Du bist ein schlechterer Autofahrer als ich und brauchst – mal wieder – meine Unterstützung.“ Oder vielleicht nicht?
  • Appell: „Gib Gas!“ Oder das Gegenteil?

Jede Nachricht bzw. jeder Kommunikationsschritt umfasst – bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt – alle vier Teilaspekte, und bei jedem Empfänger kommt auch auf allen vier Ebenen etwas an. Verbal und nonverbal, mit Worten, Gesten, Tonfall, Haltungen etc. Und weil das alles mehr oder weniger eine Frage der Decodierung und Deutung ist, unterscheidet sich die Botschaft des Senders oft dramatisch von der des Empfängers. „Aus vielen Worten entspringt ebensoviel Gelegenheit zum Missverständnis“, bemerkte der Philosoph William James im 19. Jahrhundert ganz treffend.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel, wie es sich täglich x-fach auf der Straße oder in einem Büro abspielt: „Was hast du denn an?“ Dieser Satz könnte ankommen als:

  • „Klasse, den Pullover hätte ich auch gerne. Wo hast du ihn her?“ oder auch als
  • „Meine Güte, du siehst ja wieder mal verboten aus!“ oder zum Beispiel auch als
  • „Bestimmt sündteuer, dieser Fummel. Also ich könnte mir den nicht leisten.“

Durch die jeweilige Situation, die Art der Beziehung, Mimik und Tonfall etc. ergeben sich schier unzählige Deutungsansätze. Dazu Schulz von Thun: „Psychologisch gesehen, sind also, wenn wir miteinander reden, auf beiden Seiten vier Schnäbel und vier Ohren daran beteiligt, und die Qualität des Gespräches hängt davon ab, in welcher Weise diese zusammenspielen.“

kommunikationsquadratSchulz von Thun hat auch erkannt, dass jeder Mensch sein individuelles, typisches Sende- und Empfangsmuster hat. Meist ist einer der vier „Schnäbel“ und ist eines der vier „Ohren“ besonders stark ausgeprägt. Wegen des großen Interpretationsanteils in der Kommunikation wirkt sich dies gerade beim Empfänger stark aus: Während der eine (mit „Beziehungsohr“) in jeder Aussage ein Urteil über sich selbst „heraushört“, versteht ein anderer (mit „Appellohr“) nahezu jede Botschaft als Handlungsaufforderung und nutzt ein dritter (mit „Selbstkundgabeohr“) jede Nachricht bevorzugt zur psychologischen Analyse des Gegenübers. Dieses Muster und mit ihm Fehldeutungen und Missverständnisse begleiten und prägen uns in der Regeln ein ganzes Leben lang.

Wer das Kommunikationsquadrat privat und/oder beruflich für sich nutzen will, kommt meines Erachtens nicht darum herum, die folgenden Konsequenzen zu ziehen:

  • Ich sollte mich und mein Kommunikationsverhalten, also meine typischen „Schnäbel“ und „Ohren“, kennen und erkennen lernen.
  • Ich sollte meine Botschaften in ihrem jeweiligen Interpretationsspielraum prüfen und möglichst klar gestalten können.
  • Ich sollte mir die Deutung empfangener Nachrichten möglichst bewusstmachen und Missverständnisse ausräumen (v. a. nachfragen statt interpretieren).
  • Ich sollte mich in der Kunst der Metakommunikation üben, um bei Bedarf gemeinsam mit meinem Gesprächspartner Klarheit schaffen zu können.

Wenn das hie und da noch nicht so gelingen mag, darf man sich trösten: Man kann das ganze Leben lang dazulernen und an den eigenen Kommunikationsfähigkeiten arbeiten. Eine wirkliche Wahl haben wir ohenhin nicht. Denn „dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen“, wie es Karl Jaspers formulierte.