Ohne Witz: Frauen und der Humor

„Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, schuf er Mann und Frau. Um das Ganze vor dem Untergang zu bewahren, erfand er den Humor.“ Der Ausspruch des Cartoonisten Guillermo Mordillo passt hier gut als Einleitung, denn damit geht die Geschichte eigentlich erst los. Der Ausgangspunkt dieses Mal für mich: mein 18-jähriger Sohn. Der liebt Comedy und kennt die Szene und ihre Akteure ziemlich gut. Vor ein paar Tagen überraschte er mich mit der Aussage: „Frauen sind einfach nicht so witzig.“ Ich erwiderte etwas von unterschiedlicher Wahrnehmung und fehlender Geschlechtergerechtigkeit und führte ein paar bekannte weibliche Comedians ins Feld, aber im Grunde wusste ich bereits: So ganz unrecht hat er damit gar nicht. Auf Twitter brachte es der Hamburger Autor Dorian Steinhoff unter dem Hashtag „genderhumorgap“ auf folgende Formel: „Ein Mann mit Humor bringt Frauen zum Lachen. Eine Frau mit Humor lacht über Witze, die Männer machen.“ Das ist freilich ein überspitztes Pauschalurteil, aber wenn man der These nachgeht, stößt man schnell auf wissenschaftliche Befunde, die in diese Richtung deuten (jugendgerecht aufbereitet zum Beispiel von der Satire-Sendung „Walulis“).

„Männer sind lustiger als Frauen, sagt die Forschung und bestätigt damit ein weit verbreitetes Stereotyp“, berichtet Ende 2019 auch die „Süddeutsche Zeitung“ unter der Überschrift „Die komischen Kerle“, und führt auch gleich psychologische Erklärungen an „warum eher Männer für Lacher sorgen als Frauen“. Auch wegen der unterschiedlichen Rollenerwartungen seien lustige Frauen weniger geschätzt als Männer. Zudem sei das Witzereißen auch Teil des evolutionär verfestigten männlichen Sozial- und Balzverhaltens. Dabei lachen Frauen, statistisch gesehen, etwas häufiger als Männer. Dem „SZ“-Artikel liegt dieselbe Metastudie zugrunde wie Kristin Kielons Text für den Mitteldeutschen Rundfunk, mit ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. „63 Prozent der Männer werden lustiger eingeschätzt als der Durchschnitt der Frauen in der Studie“, wird die Psychologin Tabea Scheel vom Deutschen Institut für Humor zitiert. Das habe tatsächlich evolutionäre Gründe – Humor sei „ein hohes Gut bei der Partnerwahl“. Deswegen finde man „in Partnerschaftsanzeigen rund um die Welt Frauen, die Männer suchen, die Witze erzählen, und Männer, die Frauen suchen, die über ihre Witze lachen“. Die Sozialisation verstärke das, heißt es weiter: „Während Jungen mehr Witze machen dürften und in ihrem Auftreten bestärkt würden, werde bei Mädchen eher belohnt, wenn sie zurückhaltender seien.“

„Männer wollen Frauen nun mal nicht lustig“, zitiert ein „Brand eins“-Beitrag die Fernsehkomikerin Mirja Boes. „Sie wollen Frauen lieber schön und still. Und vor intelligenten Frauen hat der Mann an sich sowieso nach wie vor Angst.“ Was ohnehin außer Frage steht: Männer dominieren den Stand-up- und Comedy-Markt zumindest quantitativ deutlich und sind auch in den Autorenteams weit überrepräsentiert. Bereits 2006 benennt die Freiburger Linguistin Helga Kotthoff in einem Beitrag in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Journal of Pragmatics“ zur „Marginalisierung des Frauenhumors“ insgesamt „vier Dimensionen des Witzes als besonders geschlechtssensibel“ – nämlich Status, Aggressivität, soziale Anpassung und Sexualität. „Frauen fehlt die Chuzpe der unverschämten Selbstbehauptung“, so Reinhard Mohr in einer „Spiegel“-Polemik. Witz brauche Tempo, Kälte und jene gnadenlose Schärfe, an der sich die Scharfmacher zuweilen selbst schneiden können, und diese Mischung sei bei Frauen eher selten. Kommen wir nochmal auf Tabea Scheel, die in einem Beitrag auf „Deutschlandfunk Nova“ zu folgendem Schluss kommt: „Humor lässt Männer kompetent erscheinen, Frauen nicht. Wenn Humor wichtig dafür ist, den eigenen Status zu bestimmen, aber Frauen beim Versuch, Humor einzusetzen, ihren Status gefährden, dann ist das problematisch.“

Die Konsequenzen für meine Arbeit als Kommunikationsexperte und Redenschreiber bzw. Ghostwriter sind zunächst eher gering – humorvolle Texte oder Textpassagen richten sich, von Ausnahmen abgesehen, ohnehin immer an Männlein wie Weiblein und werden bereits standardmäßig auf unliebsame Ecken abgeklopft und auf die gewünschte Wirkung getrimmt. Leicht ist das nicht. „Humor kann man wohl als die komplexeste menschliche Eigenschaft bezeichnen“, zitiert ein Fachartikel unter dem Titel „Die Evolution der Witzigkeit“ zwei kanadische Wissenschaftler. In dem Beitrag kommt auch die Tübinger Neurologin und Psychiaterin Barbara Wild zu Wort: „Um Humor zu erleben oder Witze zu erkennen, müssen wir Sprache verstehen, Vorwissen aktivieren und uns in soziale Situationen hineindenken können.“

Humor ist menschlich, und erfüllt in Texten eine ganze Reihe an Funktionen, angefangen von der Unterhaltsamkeit bis zur Möglichkeit, Botschaften zu veranschaulichen und zugleich leichter verdaulich zu transportieren. „Ein Scherz, ein lachend Wort, entscheidet oft die größten Sachen treffender und besser als Ernst und Schärfe“, lehrte schon Horaz. Es gibt kaum ein Thema und kaum eine Situation, in der Kommunikation grundsätzlich „humorfrei“ zu sein hätte. „Es gibt keine Art von Rede, bei der Humor nicht geht“, so auch der renommierte Rhetoriker René Borbonus in einem Gastartikel in „Business Punk“, und erzählt von der gefeierten Rede des früheren US-Präsidenten Bill Clinton im Rahmen des Trauerakts für Altkanzler Helmut Kohl. Unvorsichtig sollte man beim Einsatz von Humor aber nicht sein.

Dass die Sache mit dem Witzigsein diffizil ist, zählt in unserer Branche zu den Binsenweisheiten. Dennoch will ich meine Lehren aus den Studienergebnissen zum Geschlechterunterschied beim Humor ziehen. Überschlagsweise werden zum Beispiel meine Reden in drei von vier Fällen für männliche Vortragende entwickelt. Auch andere einzelnen Personen im Wortsinne zugeschriebene Texte wie Namensartikel, Interviews, Stellungnahmen oder Geleitworte verfasse ich derzeit zu höchstens 30 Prozent für Frauen. Dass ich dabei auch eine Art Schere im Kopf habe und zum Beispiel für Frauen quasi automatisch weniger witzig schreibe, muss ich annehmen. In Zukunft, so nehme ich mir vor, werde ich meine Texte noch konsequenter hinterfragen und mit Augenmaß zumindest ein bisschen gegen die Schieflage in Sachen Humor anschreiben. Dabei könnte mir als Vorbild die US-amerikanische Komikerin Elayne Boosler dienen, die bereits Mitte der 80er-Jahre als erste Frau eine eigene Comedy-Sendung im Fernsehen hatte. Einer ihrer bekanntesten Witze ist ganz kurz: „Männer wollen immer, dass du schreist ‚Du bist der Beste, du bist der Beste!’, und gleichzeitig sollst du schwören, es noch nie mit einem anderen gemacht zu haben.“ Nicht schlecht, oder? Und das nicht nur „für eine Frau“.