Neurowissenschaftlicher Schweinehund

Vielen kritischen Beobachtern geht es so wie der Philosophin Ariadne von Schirach: Unsere Gesellschaft sei längst dem Selbstoptimierungswahn verfallen und habe „unser Dasein zur Leistungsschau“ verkommen lassen, sagt sie im Gespräch mit der „Brigitte“. Ähnlich beschreibt es ein Beitrag in der „Zeit“: „Weniger schlafen, produktiver arbeiten, besser leben“ – und alles für „das tollere Ich.“ Immer wieder begegnet uns bei diesem Thema der berühmte Innere Schweinehund (links eine herrliche Illustration Laura Lünenbürgers aus dem „MUCBOOK“), der auf geheimnisvolle Weise dafür sorgt, dass „ein angeblich so vernunftbegabtes Wesen wie der Mensch ständig unvernünftig handelt“. Im Ziele-Setzen Weltmeister, im Ziele-Erreichen bestenfalls Kreisklasse! Gemeinhin heißt es dann, es mangele uns an Motivation.

Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft lassen jedoch den recht eindeutigen Schluss zu: „Motivation reicht nicht für neues Verhalten“, wie es ein Beitrag im Schwerpunktheft „Alles Neuro?“ des Fachmagazins „Wirtschaftspsychologie aktuell“ formuliert. Ob Menschen ihre Ziele erreichen, hänge in erster Linie von ihrer Fähigkeit zur Handlungskontrolle ab. Zur Motivation tritt dann die Volition – besser: die „volitionale Kompetenz“ als Umsetzungskompetenz. Der Idealfall: „Das Ziel klar vor Augen, tatkräftig anpacken, Überflüssiges ausblenden.“ Gerade der letzte Aspekt wird häufig unterschätzt oder gar nicht erst gesehen. Zu einer hohen Volitionskompetenz gehört es nämlich auch, „eine aktuelle oder sich anbahnende Intention gegen konkurrierende Motivationstendenzen abzuschirmen“. Stattdessen lässt sich der Mensch meist von der im jeweiligen Moment stärksten Motivationstendenz leiten und bringt nur ein so genanntes Handlungsflimmern zustande, ein „ungeordnetes ständiges Übernehmen und Wiederaufgeben von Intentionen“.

Der deutsche Psychologe Julius Kuhl gilt als einer der führenden Volitionsexperten und hat die fünf wichtigsten Fähigkeiten auf dem Weg zu wahrer Willenskraft ermittelt. Ein bereits 2010 erschienener Beitrag in der „Zeit“ stellt sie uns vor: Emotionskontrolle (Frust, Traurigkeit oder Wut zähmen), Misserfolgsbewältigung (sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen), Motivationskontrolle (Durchhaltevermögen durch selbst gesetzte Anreize ), Umweltkontrolle (auf Umgebung achten und Störquellen abstellen) und vor allem die Aufmerksamkeitskontrolle (sich beharrlich auf ein Ziel fokussieren und sich nicht ablenken lassen, bis es erreicht ist). Alle fünf volitionalen Fähigkeiten lassen sich gut trainieren.

Wenn es mit der Volition mal noch nicht so klappt, hilft womöglich eine andere Erkenntnis: Gerade angesichts des Optimierungsdrucks hat der vielgescholtene Innere Schweinehund ja durchaus auch sein Gutes, indem er uns vor Energieverschwendung und Überlastung schützt. Und bei den uns wirklich wichtigen Zielen können wir mit der so genannten Psychologie des Schweinhundes, vor allem bekannt durch die Emotions- und Motivationspsychologin Cornelia Herbert, aus dem Feind jeder Veränderung sogar einen Freund und Helfer machen und die Macht der Gewohnheit nutzen. Ziel erfasst!