Mit Unterbrechungen ins Grüne

„Vom iranischen Flüchtlingskind zum erfolgreichen deutschen Vorzeigeunternehmer“, beginnt im „Manager Magazin“ ein Beitrag unter dem Titel „Amir, der Gute“ zum bemerkenswerten Werdegang des Selfmade-IT-Unternehmers Amir Roughani. Ich konnte den 44-jährigen Vispiron-Chef gestern bei seinem Vortrag aus der Reihe „Wissensforum 2020“ der „Süddeutschen Zeitung“ kennenlernen. Das Thema lautete „Green Disruption“, also auf Deutsch in etwa „Grüner Umbruch“, zum „Erfolgsfaktor Nachhaltigkeit“. Den Begriff Disruption kennen wir heute vor allem aus Technologie und Digitalwirtschaft, aber den Vorgang gibt es schon immer. Generell sind disruptive Technologien bahnbrechende Neuerungen, die bestehende Produkte in kürzester Zeit mehr oder minder komplett ersetzen und vom Markt fegen – so wie das Gewehr Pfeil und Bogen, das Auto die Pferdekutsche, die CD die Schallplatte oder das Smartphone das Tastatur-Handy. Ganze Branchen sehen sich dabei einem radikalen Wandel ausgesetzt oder gehen unter. Sehr drastisch formuliert das der entsprechende „Wikipedia“-Eintrag: „Eine disruptive Idee ist nicht einfach eine Weiterentwicklung eines Produktes, sondern eine komplette Neuentwicklung mit ganz neuen Ansätzen. Sie sorgt dafür, dass bestehende Strukturen und Organisationen aufgebrochen und bei Erfolg zerstört werden.“ Früher hätte man wohl mit Joseph Schumpeter von „schöpferischer Zerstörung“ gesprochen.

Einen solchen gravierenden Umbruch skizziert Roughani an diesem Abend vor allem am Beispiel der Energiebranche und der Autoindustrie auf dem Weg von der fossilen Gegenwart mit ihren katastrophalen Folgekosten in eine klimaverträgliche Zukunft auf Basis erneuerbarer Energien. Künstliche Intelligenz und die sogenannte exponentielle Innovation (ein anregender Artikel dazu findet sich im „Innovationsblog“) im Zuge der Digitalisierung seien dabei gemeinsam der Schlüssel. Der Deutsch-Iraner macht allerdings kein Hehl daraus, dass der Wandel zu einer wirklich nachhaltigen, konsequent am Kreislaufgedanken ausgerichteten Wirtschafts- und Lebensweise zwar unumgänglich ist, aber nicht ohne größere Erschütterungen und Umwälzungen zu erreichen sein wird.

Jahr für Jahr drohten unserer Gesellschaft „wirtschaftliche Umbrüche in Höhe von 12 Billionen Dollar“, hieß es in einem „Forbes“-Kommentar zum Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar. Mehr als die Hälfte unseres gesamten Wirtschaftssystems werde in den kommenden zehn Jahren eine „beispiellose und radikale Umgestaltung“ erfahren. Trotz weltweiter Konjunktureintrübungen und der sich zuspitzenden Klimakrise könne man in diesen Bereichen denn auch mit einer Verdoppelung der globalen Wachstumsraten rechnen. „Das wäre so, als würden jedes Jahr zwölf Apples, Microsofts oder Googles zur Welt kommen.“ Die Frage sei nur, „wer die Gewinner und Verlierer in diesem neuen ‘grünen Goldrausch’ sein werden“.

Zukunftsforscher Matthias Horx erinnert in einem meinungsstarken Beitrag daran, dass es Disruption letztlich nur dann gebe, „wenn alte Systeme träge, selbstgerecht und zukunftsblind werden“. Die meisten Unternehmen aber seien „vital und lernfähig“ und übten „seit Jahrzehnten die Kunst der graduellen Evolution“. Sie verbesserten ständig ihre Produkte, aber auch ihre Prozesse, und liefen „den Disrupteuren einfach davon – indem sie den Wandel, dessen Opfer sie werden könnten, selbst gestalten“! Schon seit Jahren sprechen einige Experten ohnehin vom „Mythos Disruption“. Dabei geht es jedoch keineswegs darum, die belegbaren Umbrüche zu leugnen, sondern um die drohende Überhöhung und Verklärung des Vorgangs. Amazon-Gründer Jeff Bezos, ein „schöpferischer Zerstörer aus Leidenschaft“, hat es auf einen ganz einfachen Nenner gebracht: „Alles, was die Kunden lieber mögen als das, was sie vorher gekannt haben, ist disruptiv.“ Einen ganz anderen Blickwinkel bietet uns Harald Welzer von der Stiftung Futurzwei an: „Disruptiv ist, wenn 40 Prozent unserer Insektenarten vom Aussterben bedroht sind. Disruptiv ist, wenn die Erde sich um mehr als zwei Grad erwärmt“, zitiert ihn ein Beitrag im „Handelsblatt“. Diese Entwicklungen würden tatsächlich unser gesamtes Leben verändern, während es gar keine wirkliche Disruption sei, „wenn mein Kühlschrank Milch für mich bestellt“.

Zurück zu Roughani. Wer dessen schillernde Lebensgeschichte ein wenig kennt, zum Beispiel durch den Film “The Power to Change – Die Energierebellion” oder Portraits wie das Ende 2011 in der „Frankfurter Allgemeinen“, weiß: Mit durchgreifenden Umbrüchen kennt sich der „Entrepreneur des Jahres“ 2014 wahrlich aus! So nahm der wachstumsverliebte Überflieger 2011 im Vorfeld des geplanten Börsengangs seines Unternehmens an einer umstrittenen PR-Tour unter dem Motto „Project Earth“ für die E-Mobil-Sparte von Opel zu bedrohten Naturparadiesen und -völkern rund um den Globus in Kooperation mit dem WWF teil – und wandelte sich in kurzer Zeit zum prominenten Umwelt- und Klimaschützer. „Damals erkannte ich: Ich habe alles richtig gemacht, aber nicht das Richtige“, erzählt Roughani rückblickend. „Den Börsengang habe ich abgeblasen.“ Nach und nach habe er eine komplett andere Haltung eingenommen und grundlegend umgesteuert – privat, aber auch als Firmenboss. Nicht umsonst lautet der Unternehmensslogan heute „Engineering a better world“. Für den zentralen Klima-Aktionstag mit „Fridays for Future“ im vergangenen September gab er seinen Mitarbeitern frei.

Den vielen düsteren Prognosen zum Trotz verbreitet Roughani fast unerschütterlichen Optimismus: „Egal, wie die Politik die Weichen stellt – die grüne Welle ist nicht mehr aufzuhalten.“ Er belegt das mit beeindruckenden Zahlen, etwa rund um den Siegeszug der Erneuerbaren. Hamish Chamberlayn von Global Sustainable Equity Strategy gibt ihm recht: „Nachhaltigkeit und Disruption gehören untrennbar zusammen“, konstatiert er. Zweifeln darf man daran, aber fest steht für mich auch: Wenn sich viele Menschen mit Roughanis Tatkraft und Unternehmergeist in den Dienst dieser guten Sache stellen und für eine „liebens- und lebenswerte Welt“ arbeiten, stehen die Chancen gar nicht einmal so schlecht.