Mit Reden zur Stimme

Der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 ist gelaufen – mit dramatischen Aufs und Abs in der Wählergunst. Während für fünf Parteien nun die Koalitionsverhandlungen zur Regierungsbildung anstehen (neben dem Wahlsieger SPD auch für CDU und CSU, die Grünen sowie die FDP), machen sich alle Parteien Gedanken über die Gründe für ihr Abschneiden. Was hat sich bewährt, wo sollte mit Blick auf künftige Wahlen nachgebessert werden? Kurz vor der Wahl haben wir vom Redenschreiberverband VRdS den besten Redner respektive die beste Rednerin unter den SpitzenkandidatInnen der im Bundestag vertretenen Parteien gekürt, und den Parteien mit unseren Rhetorik- und Redeanalysen zugleich ganz wesentliche Impulse für ihre Nachbewertungen zur Verfügung gestellt. Auch Medien wie der „Deutschlandfunk“, das „Handelsblatt“ oder der „Merkur“ berichteten über unsere Auswertung.

Wie schon vor vier Jahren sahen wir FDP-Chef Christian Linder mit durchschnittlich 6,84 von maximal neun Punkten vorne, allerdings nur knapp. Platz zwei belegte die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock (6,49), vor Markus Söder (6,28, außer Konkurrenz) von der CSU und ihrem Parteifreund Robert Habeck (6,21). Auf den ungeliebten vierten Platz kam Olaf Scholz (5,78) von den Sozialdemokraten vor Linken-Spitzenfrau Janine Wissler (5,57), CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (5,42), AfD-Mann Tino Chrupalla (4,92), Dietmar Bartsch (4,85) von den Linken, Alice Weidel (4,58) von der AfD sowie mit der Schlussleuchte CSU-Vertreter Alexander Dobrindt (4,42), der diesmal rhetorisch schwer enttäuschte und – vielleicht ja durchaus bewusst – neben seinem Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden unterging.

Wie üblich begutachteten wir alle neun Spitzenkandidaten und Spitzenkandidatinnen sämtlicher im Bundestag vertretenen Parteien. Diesmal hatten wir uns im Vorfeld entschieden, zusätzlich außer Konkurrenz CSU-Chef Markus Söder aufzunehmen, der schon bei der Kandidatenkür der Union und später im Wahlkampf eine so große Rolle spielte. Alle berücksichtigten PolitikerInnen wurden von zwei unterschiedlichen Rhetorikexperten unseres Verbands anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs bewertet. Bei jedem der sieben Einzelkriterien – Aufbau & Struktur, Argumentation, Sprache, Rhetorik, Auftritt, Inszenierung sowie Publikumsorientierung – wurden bis zu neun Punkte vergeben und anschließend der Durchschnittswert gebildet, der maßgeblich für unsere Rangliste war. Ich selbst übernahm diesmal zwei Analysen, wie alle in unserer zehnköpfigen Kerntruppe ehrenamtlich und vollkommen unbezahlt. Die Koordination lag in den bewährten Händen des Kollegen Christian Gasche aus Frankfurt am Main.

Während die mehrseitigen Original-Gutachten nur den KandidatInnen zur Verfügung gestellt werden, hat unser Verband in einem Blogbeitrag sehr ausführlich über unsere Beobachtungen informiert. Auch für angehende RednerInnen dürfte sich die Lektüre lohnen. Einmal mehr konnten wir feststellen, wie sehr so ein Wahlkampfauftritt auch von der Tagesform und der Rahmeninszenierung abhängen kann. Besonderes Augenmerk legten wir bei unserer Arbeit auf die sogenannte Debattenkultur. Während der zurückliegende Wahlkampf immer wieder von Diffamierungen und persönlichen Angriffen geprägt war, gab es das zum Beispiel bei unseren Spitzenreitern nicht. Linder nutze „die gesamte Palette rhetorischer Stilmittel und ist unterhaltsam, ohne Inhalte auszusparen“, stellte unsere Präsidentin Jacqueline Schäfer fest. Er überzeuge „mit humorvollen Pointen, kurzen Anekdoten und einer bildhaften sowie gut verständlichen Sprache“.

Baerbock sei in ihren Reden „nachvollziehbar, eindrücklich, kurzweilig“, so das Urteil meiner Bonner Kollegin Anja Martin. Sie treffe „den Nerv und die Erwartungen des Publikums“ und werbe „mit klaren Botschaften, ohne dass sie übertreibt oder diffamiert“. Was Martin hervorhebt: „Ihre Punchlines sitzen.“ Von der jungen Grünen-Politikerin kann man sich auch das thematische Trichtern abgucken. Das sind portionierbare Redepassagen, die Baerbock in der Regel mit einer Geschichte (Storytelling) eröffnet und mit einer Kernbotschaft abschließt, die in einen mehr oder minder konkreten Appell an das Publikum mündet. Die Methode ist mit dem bekannten Zielsatzprinzip des Germanisten und Sprechwissenschaftlers Stefan Wachtel vergleichbar – „mit Zugang und argumentativer Flughöhe zu Beginn, mit Substanz, und schließlich mit einem Zielsatz“, auch Punch genannt.

Und Scholz, der aus heutiger Sicht die besten Karten im Rennen um die Kanzlerschaft hat? Dem fehle zwar das Feuer, dafür wirke er aber authentisch und strahle Kompetenz aus. Der SPD-Kandidat habe während des Wahlkampfs konsequent auf das Motiv des Respekts gesetzt und sei auch als Redner respektvoll und „auf Augenhöhe“ aufgetreten. Allerdings: „Etwas mehr Komplexität hätte er sich und seinem Publikum durchaus zutrauen dürfen“, so der Kölner Redenschreiber Peter Sprong. Man könne Scholz leicht folgen und seine Sprache wirke „weder restringiert noch abgehoben“, ergänzt unsere Präsidentin. „Er biedert sich niemandem an und bleibt er selbst. So kann man an Hochöfen und an Hochschulen verstanden werden.“

Ich habe bei meiner Analystentätigkeit in diesem Jahr übrigens womöglich etwas ganz Besonderes lernen dürfen. Bei Janine Wisslers Auftritt an einem sommerlichen Freitagabend auf dem Münchner Stachus am Eingang zur Fußgängerzone sprach mich ein etwa 40-jähriger Mann mit Umhängetasche der Linken an und fragte mich mit großen Augen in tiefstem Bayerisch, warum ich denn nicht mitklatsche. Ich wolle mir das alles in Ruhe anhören und sei nur Beobachter, erwiderte ich. „Wenn man nicht mitklatscht, spürt man’s auch nicht, und dann kann man das, was sie sagt, auch gar nicht verstehen“, ließ er mich mit entwaffnendem Lächeln wissen. Das war mir in der Tat neu. Wer weiß also, wo Wissler in unserem Ranking gelandet wäre, wenn ich nur kräftig applaudiert hätte.