Mit Overton weit aus dem Fenster gelehnt

„Hätte vor nicht allzu langer Zeit auch nie gedacht, dass die Frage, ob man Menschen in Seenot retten darf oder doch einfach absaufen lässt, ein Land spalten kann“, schrieb ein Twitter-Nutzer vor ein paar Tagen. Generell beklagen viele Menschen ein dramatisches Verrutschen des beobachteten Meinungsklimas in die stets gleiche Richtung: Früher allgemein als illiberal, rechtsextrem oder menschenverachtend abgelehnte Positionen seien anscheinend „irgendwie“ wieder salonfähig geworden. Autokraten, Populisten und Hetzern gelinge es laufend, die politische Öffentlichkeit über ihr Stöckchen springen zu lassen. Inzwischen drohe Demokratie, Rechtsstaat, Aufklärung und Pluralismus ernsthafte Gefahr. „In den Debatten dieser Tage erscheint vieles möglich, was vor Jahren noch undenkbar war. Die Grenzen des politischen Diskurses verschieben sich“, bestätigt Jens-Christian Rabe in seinem Beitrag „Das wird man wohl bald sagen dürfen“ in der „Süddeutschen Zeitung“. Der Autor erläutert dabei auch, wie das funktioniert: Indem man zu einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema den Rahmen mit der „Menge von Aussagen und Ansichten, die die breite Mitte der Gesellschaft als akzeptabel und also diskutabel betrachtet“, gezielt über mehr oder minder deutliche Tabubrüche erweitert oder verschiebt. Die Fachwelt spricht hierbei meist vom „Overton-Fenster“, benannt nach dem amerikanischen Juristen Joseph P. Overton (1960–2003) aus dem Führungskreis der ebenso einflussreichen wie umstrittenen Denkfabrik Mackinac Center for Public Policy. Das gleich vorweg: Das Modell selbst ist weder rechts noch links und „weder gut noch schlecht“, wie es auch in einer „Zeit“-Kolumne heißt. Und es lässt sich nicht nur in der Politik nutzen, sondern für jede Form grundlegender Veränderung, zumindest bedingt beispielsweise auch in der Mitarbeiterkommunikation oder sogar im Freundes- und Familienkreis.

Die Ausgangsüberlegung ist schnell erklärt: Politische Ideen und Ansätze hätten nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie sich auf dem jeweiligen Themenfeld im „Overton-Fenster“ verorten lassen. Dabei umfasst dieses Fenster diejenigen Ideen und „Konzepte, die im gegenwärtigen Klima der öffentlichen Meinung als politisch akzeptabel gelten und die ein Politiker empfehlen kann, ohne als zu extrem angesehen zu werden, um ein öffentliches Amt zu erlangen oder zu behalten“, wie es bei Wikipedia heißt. Je nach Grad der Akzeptanz werden die Ideen eingeteilt in:

  • Geltende politische Linie („policy“)
  • Gängig/weitverbreitet („popular“)
  • Nachvollziehbar/vernünftig/sinnvoll („sensible“)
  • Annehmbar/vertretbar („acceptable“)
  • Radikal/extrem („radical“)
  • Undenkbar („unthinkable“)

Dabei kann es um Steuern, Polizeibefugnisse, Arbeitszeiten, die Neugestaltung des Spielplatzes im Viertel oder jedes andere Thema gehen. Schematisch sieht das Ganze so aus (die Urheber bevorzugten allerdings eine vertikale Darstellung, um Rechts-Links-Diskussionen zu vermeiden):

Normalerweise verändern sich die Inhalte des Fensters nur allmählich. Allerdings lässt sich dieser Prozess auch beschleunigen und mehr oder weniger stark lenken! Erfolg versprechen der Theorie nach vor allem vier Faktorengruppen:

  • Fakten und logische Argumente
  • moralische Appelle
  • emotionale Ansprache und Ereignisse
  • Fehlinformation und bewusste Desinformation.

Am effektivsten sei es dabei keineswegs, „sich für kleinere, schrittweise Änderungen bei einer bereits akzeptierten Idee einzusetzen“, berichtet das US-Politikmagazin „The New Republic“, sondern bewusst für eine derzeit „undenkbare“ Idee zu plädieren, im Zweifel auch nur stellvertretend („Wir sollten uns einmal in deren Lage versetzen …“) oder aus sicherer Distanz („Die Vorsitzende des Soundsoverbands hat mir von einem erstaunlichen Denkanstoß erzählt …“). Diese Bemühungen würden „radikale Ideen normaler erscheinen lassen“ und sie schließlich im besten Fall politisch tragfähig machen. Wenn das nicht gelingt, lässt sich vielleicht zumindest eine moderatere, zuvor ebenfalls mehrheitlich inakzeptable Abstufung durchsetzen. Ein plastisches und höchstens leicht unrealistisches Beispiel aus dem Arbeitsleben: Die Belegschaft lässt sich ohne allzu großes Murren auf den Betriebsausflug mit Karaokesingen auf der Bergalm ein – schließlich hatte sich das Management für „Hierarchien abbauendes Nacktwandern mit Coach“ im Stadtwald ausgesprochen.

Meist geht es freilich um weit mehr. Auf seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ beschreibt der Social-Media-Experte Thomas Knüwer die Wirkung unter anderem an den Beispielen Seenotrettung sowie Donald Trump (und macht auf ein aufschlussreiches, allerdings englischsprachiges Video aufmerksam). Als Politiker müsse man klotzen, nicht kleckern. „Man fordert also zum Beispiel nicht bloß einen ‚strengeren Umgang mit illegalen mexikanischen Einwanderern’, sondern den Bau einer gigantischen Grenzmauer. Ein strengerer Umgang mit illegalen Einwanderern aus Mexiko, der zuvor keine Option war, erscheint dann als kleineres Übel, ungleich akzeptabler als zuvor. Oder man treibt die Flüchtlingsdebatte in Deutschland in zuvor undenkbare Bereiche, indem man den Schießbefehl an der Grenze fordert.“ Die Arbeit der AfD scheint zuweilen aus nichts anderem als eben solchen Tabubrüchen zu bestehen.

Mir geht es an dieser Stelle nicht um eine Verteufelung des Modells oder entsprechender Versuche zur Beeinflussung des Meinungsklimas. Das zugrunde liegende Prinzip wird ohnehin schon weit länger genutzt, als es unter dem Begriff „Overton Window“ Karriere macht (die Geschichte ist voller negativer, aber durchaus auch positiver Beispiele, wie der Gleichberechtigung Homosexueller). Man sollte das Prinzip allerdings kennen, um es bei Bedarf selbst nutzen oder ähnliche Versuche anderer durchschauen zu können. In jedem Fall geht es einmal mehr um einen verantwortungsvollen Einsatz, denn eine Umkehrung des Prozesses ist schwierig (man denke an die Entnazifizierung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg). Zum mahnenden Abschluss daher noch einmal Lenz Jacobsen, der Kolumnist der „Zeit“: „Es deutet einiges darauf hin, dass sich das Fenster eher öffnet, als dass es sich nur in eine Richtung verschiebt. Dass ein immer größerer Teil des Meinungsspektrums auch tatsächlich Teil der öffentlichen Debatte wird. Man kann das, was da durchs Fenster kommt, als Frischmeinungszufuhr begrüßen. Aber sie wird uns einiges abverlangen. Denn solange das Fenster klein war und die Meinungen gemäßigt, war der Diskurs bequem. Jetzt aber ist das Fenster weit aufgerissen, und die krassen Meinungen wehen uns mit voller Wucht ins Gesicht.