Märchenhafte Weiber auf hoher See

Den Abend des diesjährigen Weltfrauentags verbrachte ich auf einem Schiff, allerdings einem in luftiger Höhe auf einer Brücke im sich gerade neu erfindenden Münchner Schlachthofviertel. Die „Alte Utting“ ist eine Mischung aus „Münchner Brotzeit-Lässigkeit mit einem Gefühl von Weite, ein bisschen Hamburger Hafen, ein bisschen Berliner Klunkerkranich“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, und ist damit ein idealer Rahmen für Märchenhaftes: Ines Honsel und Gabi Altenbach, zwei Meisterinnen hinreißender Erzählkunst, trugen im Innern des ausrangierten Ammersee-Dampfers „mythische und magische Geschichten von Seeweibern und ihren Männern“ vor.

Das Programm der beiden Märchen-Fachfrauen passte nicht nur inhaltlich hervorragend zum Gedenktag, gut einhundert Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland und flankiert von einer hitzigen öffentlichen Diskussion rund um die Geschlechtergerechtigkeit. „Ja, das passt – weil es gleiche Rechte für Frauen ja auch nur im Märchen gibt“, hörte ich eine Dame am Nebentisch sagen. „Ach, wenn man ehrlich ist, nicht einmal dort“, erwiderte ihre Begleiterin, und beide lachten. Ein spannender Aspekt. Einig ist sich die Forschung, dass Märchen vor allem (allerdings nicht nur) für Kinder eine „bedeutungsvolle Lebens- und Entwicklungshilfe“ sein können, wie es der Pädagoge Oliver Geister formulierte, der Autor der „Kleinen Pädagogik des Märchens“. Dabei geht es auch um männliche oder weibliche Rollenvorbilder, schließlich ist das „Lernen am Vorbild oder am Modell in der Lerntheorie eine bedeutsame Variante der Differenzierung und Weiterentwicklung von Verhaltenssequenzen“ und prägen sogenannte Role Models auch die Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit (vgl. Albert Bandura und Richard H. Walters).

Die Sache mit den Geschlechtervorbildern ist immer noch eine heikle Angelegenheit, wie wir auch am jüngsten „PR-Desaster“ der Immobilienmakler von Engel & Völkers sehen können: In erstaunlicher Verkennung der Lage posiert der komplett frauenlose Vorstand in eher peinlichen Macher-Posen vor einem martialisch aufgeladenen großstädtischen Hintergrund, wo er doch vorgeblich „Frauen in den Vordergrund stellen“ wollte. Im gleichen Zusammenhang salbadern die Herren oder deren Social-Media-Akteure von „unseren vielen weiblichen Immobilienmaklerinnen, die den Balanceakt zwischen Beruf und Familie meistern“ – so als könne dies nicht auch auf Männer zutreffen und als sei Familie nun einmal automatisch Frauensache.

Wie ist es denn um die Geschlechter-Diversität in unserem traditionellen und modernen Märchen- und Geschichtenschatz bestellt? Eindeutig überwiegen dort die schönen Prinzessinnen und starken, mutigen Ritter und sonstigen fast immer männlichen Helden. Ein Beitrag im „Freitag“ zum Frauenbild bei den Brüdern Grimm findet klare Worte: „Die Frau macht sich (dreimal) hübsch, um vom Prinz gefunden zu werden, später macht sie die Wäsche und den Garten und behütet die Kinder. Den Rest der großen abenteuerlichen Welt bestimmen junge Männer als Prinzen oder wandernder Geselle.“ Wer aus der Rolle fällt, den hole der Wolf – oder die Stiefverwandtschaft. Und über die sieben Zwerge können man sich ohnehin nur aufregen, ließen die doch „trotz zwei Vorwarnungen Schneewittchen allein zuhause, weil sie ja zur Arbeit müssen “. Man will spontan ergänzen: Und Handwerksarbeiten verrichtet natürlich Bob der Baumeister, die Lokomotive führen Lukas und Jim Knopf, die Pferdefreundinnen sind selbstverständlich Bibi & Tina, und um den verletzten Stern kümmert sich freilich das kleine Mädchen Laura. Außerdem: Von den 38 Superheroen im Marvel-Kosmos sind doch nicht umsonst nur sieben weiblich – nicht einmal 19 Prozent also! Und wer kennt schon „Black Widow“, „Scarlet Witch“, „Gamora“, „Nebula“, „Mantis“, „Okoye“ und „Shuri“? Auf deutschen Fernsehbildschirmen ein ähnliches Bild: „Männer handeln, Frauen kommen vor“, wie die „Zeit“ berichtet.

Keinesfalls könne man das so sagen, schreibt hingegen Ruth Klüger in der „Frankfurter Allgemeinen“, und betrachtet schon Grimms Märchen als Frauenliteratur. Unter den von Frauen erzählten und von Männern gesammelten Märchen seien durchaus manche für Buben, aber auch manche für Mädchen und manche für beide. Zum Beleg führt Klüger alleinerziehende Mütter, mächtige Zauberinnen und zum Beispiel Gretel an, „die am Anfang ganz brav und passiv dem vermutlich größeren Bruder folgt, [aber] im Laufe der Erzählung immer selbständiger [wird]. Sie ist es, die die Hexe in den Ofen stößt und damit Hänsel befreit und die dann das Entlein ruft, das die Geschwister nach Hause bringt“.

Generell finden sich mit etwas Mühe tatsächlich etliche Figuren, die das klassische Raster zumindest in Bewegung bringen. Ich denke da spontan an Wickie, den zwar so gescheiten, aber ängstlichen Wikingerbuben mit „androgynen Zügen“, der „gesellschaftlich dominante Bildern einer Jungenfigur durchbrochen und Doppeldeutigkeiten bestehen gelassen“ hat – immerhin so, dass rund ein Drittel der Kinder zwischen drei und zwölf Jahren ihn gemäß einer Studie gar nicht klar als männliche Figur erkennt. Oder die kleine Hexe, die „sich nicht in ein Schönheitsideal und nicht in das Korsett von Verhaltensregeln fügt“. Oder Pippi Langstrumpf, die Buch gewordene „Kritik am stereotypen Frauenbild“. Oder der Ballett tanzende „Billy Elliot“. Oder Maja, die „chronisch aufsässige Mädchenfigur der Biene, die so herrlich burschikos durch die Blumenwelt summte“.

Diversität und Chancengleichheit brauchen entsprechende Narrative – „sinnstiftende Erzählungen, die Einfluss haben auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird“, und „Werte und Emotionen transportieren“. Spätestens jetzt sind wir auch bei PR und interner wie externer Unternehmenskommunikation (beim Employer Branding sowieso): Liebe Kolleg*innen, Gender-Sternchen und andere Versuche geschlechtergerechter Sprache reichen nicht – lasst uns die passenden Geschichten finden und gut erzählen – von der Physikerin, deren Mann sich um die Kinder kümmert, vom Vorstandsvorsitzenden, der abends häkelt, von der Putzfrau, die am Wochenende Fußballtore schießt, vom Erzieher im Betriebskindergarten, von der Designerin, die auf Mittelaltermärkten Schwerter schmiedet, vom Werkstudenten, der in Clubs als Dragqueen auftritt, und meinetwegen von Frauen mit Bärten und Männern im Waschdirndl. Geschlechtergerechtigkeit erfordere vor allem einen Wandel in unseren Köpfen, meint eine Stuttgarter Dozentin in einem Artikel bei „t3n“ und fordert: „Raus aus den Schablonen veralteter Rollenbilder!“ Frauen müssten in den unterschiedlichsten Berufen und Ebenen eines Unternehmens viel sichtbarer sein, ergänzt eine Hamburger Produktmanagerin. „Es braucht mehr Positivbeispiele.“

Es liegt auch an uns Kommunikationsmenschen, für eben diese Beispiele zu sorgen. Das ist nicht nur gut für die Diversität, sondern bringt auch erheblich spannendere Storys als die ewig gleichen Abziehbilder von kraftstrotzenden Rittern und anmutigen Prinzessinnen. Und wenn uns dann doch auch mal ein zweites Schneewittchen mit ihrem kühnen Recken auf hohem Ross begegnet, die sich partout nichts mehr wünscht als im Schloss glücklich die gemeinsamen Kinder großzuziehen? Völlig in Ordnung – auch diese Geschichte will erzählt sein. Aber lasst uns ruhig mit Worten, Bildern oder anderen Signalen ein paar Hintertürchen und Abzweige einbauen, damit andere Entwürfe nicht wieder in die Dunkelkammer des „Das macht man nicht“ verbannt werden.