Lehrreiche Kärrnerarbeit

Goethes Spruch passt wie eine Eins: „Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.“ Seit ich nach Abschluss meines Studiums in der Kommunikationsbranche zu arbeiten anfing, fiel mir immer wieder der erstaunliche Mangel an substanziellem Wissen auf. Schon das Interesse an Theorien und Erkenntnissen vor allem der Kommunikationswissenschaft ist im Kollegium typischerweise, gelinde gesagt, schwach ausgeprägt. Trotz einem Akademikeranteil nahe 100 Prozent und mehreren Professionalisierungswellen arbeiten die meisten Menschen in unserer Zunft lieber mit „Bauchgefühl“ und einem nicht weiter begründeten „So macht man das“. In der Regel kommt da außer bruchstückhaften Sender-Empfänger-Modellen und ein paar schicken Zielgruppen-Charts und mit Glück noch einigen hintergrundbefreiten Schlagworten nach Schulz von Thun nicht mehr viel. Für die Berater- und Agenturszene gilt dies genauso wie auf Unternehmensseite. „Fachwissen ist erlernbar, die Persönlichkeit macht den Unterschied“, lautet ein bekanntes Zitat des „Multiunternehmers“ Mike Fischer – aber quasi ganz ohne? Schwierig. Dabei wird im In- und Ausland viel geforscht und muss man nur Augen und Ohren offenhalten.

Die viermal jährlich erscheinende Fachzeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell“ ist für mich dafür ein gutes Beispiel. Oft sind es nur kurze Meldungen, die sich in meiner Arbeit als hilfreich erweisen. Anhand meiner Steckenpferd-Themen Entwicklung und Wandel/Change, wo es letztlich immer um Einstellungs- und Verhaltensänderungen geht, will ich ein paar Beispiele bringen, bei denen der praktische Nutzen offensichtlich ist und ein Wissensbaustein den anderen ergänzt, so dass sich nach und nach ein tragfähiges Fundament rund um das Fällen von Entscheidungen zu bilden beginnt.

Die Qual der Wahl aus Angst vor Verlusten
So konnte man am 28. Mai in einem Beitrag zur „Prospect Theory“ erfahren, dass wir Menschen unsere Entscheidungen mitnichten immer nach Vernunftsgründen treffen. Wir verhielten uns „risikoaffin in Bezug auf Gewinne, aber risikovermeidend in Bezug auf Verluste“. Nur zwei Tage früher erläuterte ein Artikel vier Werkzeuge zum „Self Nudging“, um „es uns selbst leichter machen, die Entscheidungen zu fällen, die wir wollen“ und „uns dadurch selbst Stupser in die gewünschte Richtung“ zu geben. Bereits Ende Februar ging es hier um die Wahlmöglichkeiten bei komplexen Entscheidungen: „Je leichter es war, die schlechteste Option zu streichen, desto rascher konnten sich die Testpersonen zwischen den beiden übrigen entscheiden.“ Bereits im Herbst letzten Jahres ging es in einem Beitrag zur Kommunikations- und Fehlerkultur in Unternehmen um sogenannte defensive Entscheidungen. „Selbst in den obersten Führungsebenen trifft man Entscheider, bei denen viele der wichtigsten Entscheidungen nicht primär im besten Interesse der Organisation sind, sondern zuerst dazu dienen, sich selbst zu schützen.“ Drei Jahre zuvor stellte ein Text ein neues Model zum Ablauf ethischer Entscheidungen vor, das neben den Gefühlen auch den Einfluss von Vorgesetzten und Kollegen berücksichtigt. Im Oktober 2015 schließlich gab es die Zusammenfassung eines Interviews mit der Philosophin Ruth Chang zu der Frage, „wie man schwierige Entscheidungen treffen kann, ohne sich zu zermartern“. Mit ein paar Klicks kommt man auf diese Weise rasch zu einer kleinen Sammlung an aktuellen evidenzbasierten Empfehlungen zu einem bestimmten Themenfeld. Und Tag für Tag lernt man dazu.

Relevantes Wissen aufzuspüren und sich anzueignen verlangt Eigeninitiative und kostet Zeit, aber es lohnt sich ungemein. Dank der Wissenschaft lassen sich Effektivität und Effizienz unsere Arbeit drastisch steigern, und in meinen Augen liegt im Schulterschluss mit der so gar nicht grauen Theorie ein wesentlicher Gradmesser für die Unterscheidung von Job, Beruf und Berufung. Auch der Psychologe und Arbeitswissenschaftler Winfried Hacker definiert sogenannte Spitzenkönner einer Profession nicht zuletzt anhand ihres Wissens, gerade auch dem aus benachbarten Fachgebieten. Mehr Spaß macht es sowieso. Und schon Benjamin Franklin war sich da sicher: „Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen“!