Körpereinsatz im Gespräch

„Nicht Englisch, nicht Chinesisch, von Esperanto ganz zu schweigen – die einzige echte Weltsprache ist die Körpersprache!“ Mit diesen Worten leitete ich vor knapp vier Monaten bei einem halbtägigen Rhetorikseminar den Part zur nonverbalen Kommunikation ein. Gemeint sind „Gestik, Mimik, Körperhaltung, Habitus und andere bewusste oder unbewusste Äußerungen des menschlichen Körpers“, wie es bei Wikipedia heißt. Dort lernt man auch ganz richtig: Sie hat einen „entscheidenden Einfluss auf die Rezeption (Verständlichkeit) der eigentlichen, gesprochenen Worte/Botschaft sowie die Wirkung der Person auf ihren Gesprächspartner“.

Sofort nach der Geburt beginnen wir, Körpersprache zu lernen. Wie sonst sollten Säuglinge zum Beispiel signalisieren, satt zu sein oder etwas nicht zu mögen (ein schönes Beispiel hier). „Dabei ist unsere Körpersprache viel älter als die Menschheit“, so Stefan Verra, der wohl bekannteste Körpersprachenexperte im deutschsprachigen Raum. Tatsächlich gibt es hier erstaunlich viele Parallelen zwischen uns und Tieren, bei anderen Primaten sowieso, aber auch sonst von sich unterwürfig zeigenden Hunden (Demutsgebärde) bis zu sich aufplusternden, also groß machenden Vögeln (Drohgebärde).

Körpersprache läuft meist unbewusst ab, lässt sich weder ausblenden noch abschalten und macht in jedem Fall einen großen Teil zwischenmenschlicher Kommunikation aus. Viele KollegInnen und auch Laien verweisen hier auf die berühmte Mehrabian-Regel aus den späten 1960er Jahren:

  • 55 Prozent unserer Kommunikation werden durch Körpersprache vermittelt,
  • 38 Prozent durch den stimmlichen Ausdruck und nur
  • 7 Prozent durch Worte.

Der Namensgeber, der Psychologe Albert Mehrabian, wehrt sich allerdings schon seit Jahrzehnten gegen eine unzulässige Verkürzung und Pauschalisierung. Die Ergebnisse einer Studie des Allensbach-Instituts von 2006 sollten zwar ebenfalls mit großer Vorsicht genossen werden, bestätigen aber die Bedeutung körpersprachlicher Signale (55 Prozent der Kommunikation bestehen der Untersuchung zufolge aus Gestik und Mimik, 26 Prozent entfallen auf die Stimme und nur 19 Prozent auf den fachlichen Inhalt). Nach meinem Dafürhalten hat Dirk Eilert, Deutschlands bekanntester „Gesichterleser“, alles in allem schon recht, wenn er behauptet: „Die beste inhaltliche Aussage bringt nichts, wenn sie nicht durch Körpersprache untermauert wird.“

Edutainment vor großem Publikum
Mitte November konnte ich mich im Rahmen des Seminars „Das 1×1 der Körpersprache. Besser verstehen. Besser wirken.“ mit dem schon eingangs erwähnten Stefan Verra einen ganzen Tag lang mit dem Thema beschäftigen. Das war nicht nur ausgesprochen lehrreich, sondern dank Verra auch ungemein spaßig und unterhaltsam – im Grunde wie in einer wissenschaftlichen Comedy-Show (wer die sehr charmante Darbietung mit etlichen Mitmach-Elementen euch einmal erleben möchte, sollte sich ranhalten – der Osttiroler und Wahlmünchner ist seit Jahren schwer angesagt und Karten gehen in der Regel weg wie warme Semmeln). Verras Ansatz ist leicht und spielerisch, an einem Grundsatz aber lässt er nicht rütteln: Körpersprache ist kein Vokabelheft! Kein einziges Signal für sich genommen lässt sich eindeutig interpretieren, sondern muss immer im System gelesen werden. Seine Faustregel: Mindestens drei Signale müssen in dieselbe Richtung deuten, damit ich mir mit meiner Deutung einigermaßen sicher sein kann. Die meisten Menschen würden viel zu sehr nach vermeintlichen Schlüsselsignalen Ausschau halten, dabei müssen man vor allem lernen, den eigenen Eindruck zu hinterfragen und zu falsifizieren.

Weil Körpersprache innere Vorgänge und Zustände ausdrückt (Abwehr, Neugier, Sympathie, Unsicherheit, Denkprozesse etc.), die sonst nicht erkennbar wären, ist sie in unserem Privatleben genauso wichtig wie im Beruf. Entsprechend viele Ratgebertexte, -sendungen und -bücher gibt es. Welche Blicke verraten mir, dass sich ein Flirt lohnt? Woran erkenne ich, dass mein Mitarbeiter gelogen hat ist? Welche Signale entlarven den Betrüger? Welche nonverbalen Geheimbotschaften helfen mir in der Gehaltsverhandlung? Am liebsten wäre es uns meist, wenn wir die Antworten an der sprichwörtlichen Nase ablesen könnten. Aber dem ist nicht so. Und erst recht nicht lässt sich die eigene Körpersprache nach Belieben steuern. „Unser Körper lügt nicht“, heißt es in einem Beitrag im Magazin „Politik & Kommunikation“. Dabei wird Berliner Schauspielerin sowie Körpersprache- und Stimmtrainerin Karin Seven zitiert: „Durch die Körpersprache sind wir ehrlich, das ist ein Vorteil, aber der Körper erzählt manchmal eben auch Dinge, die wir lieber geheim gehalten hätten.“

Beim Lesen und Verstehen von Körpersprache kann man sich durchaus auf die eigene Intuition, das berühmte Bauchgefühl, verlassen – aber bitte vorsichtig und eher nach dem Motto „Hmm, irgendwas stört mich da“ als nach der Devise „Ertappt! Der hat gerade den rechten Ringfinger in einem 40-Grad-Winkel nach unten links gedreht, also geschwindelt“. Ohnehin noch schwieriger ist es, die eigene Körpersprache zu verbessern. Meist erfordert dies intensive und grundlegende Arbeit. Manipulationen führen leicht zu Störungen und Verschlimmbesserungen. Man sollte sich also davor hüten, an der eigenen Körpersprache „herumzudoktern“ – letztlich gibt es kaum etwas Komplexeres und weniger leicht Steuerbares.

Ehrliche Haut sein
„Ganz wichtig ist doch, dass inneres Motiv und äußerer Ausdruck zusammenpassen”, so der Regisseur, Autor und Coach Gregor Adamczyk gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. „Geht diese Gleichung nicht auf, wirkt die Körpersprache aufgesetzt, unehrlich, leer. Einstudierte Gesten beeindrucken niemanden und – viel schlimmer noch – keiner ist überzeugt. Nur ein authentischer Auftritt kann das leisten.“ Es geht also um Kongruenz und Stimmigkeit – in der Körpersprache zahlen sich Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit aus! Mein Rat daher: Statt einzustudieren, wie man unverdächtig wirkt, besser die eigenen Ziele und Pläne abklopfen und „ehrlich machen“. Lieber zum Beispiel offen und selbstbewusst sein, als Offenheit und Selbstbewusstsein nur vorzuspiegeln.

Hören wir zum Schluss nochmal den Altmeister der Körpersprache, Samy Molcho: „Was wir sind, sind wir durch unseren Körper. Der Körper ist der Handschuh der Seele, seine Sprache das Wort des Herzens. Jede innere Bewegung, Gefühle, Emotionen, Wünsche drücken sich durch unseren Körper aus.“ Körpersprache zu erlernen sei ein Weg, sich selbst und andere besser zu verstehen. Aber auch er versäumt nicht, uns zu ermahnen: „Körpersprache muss man lesen können. Aber letztendlich bleibt es immer Interpretation.“