Intuitiv entscheidend besser

Mit Joseph Beuys geht es mir wie vielen anderen auch: Manche Werke von ihm lassen mich völlig kalt, andere wiederum beschäftigen und inspirieren mich tagelang. Kürzlich bin ich in der großartigen Ausstellung „avantgART“ der Galerie Kersten in Brunnthal geradezu fassungslos vor Beuys’ berühmter sogenannter Multiple „Intuition“ gestanden: Ein banales Holzkistchen mit zwei Bleistiftstrichen und eben dem handgeschriebenen Wort „Intuition“ – nicht nur in meinen Augen ein kühnes Hohelied der uns allen eigenen Kreativität in einer Art Gegenpol zur Rationalität.

Der Duden definiert diese Fähigkeit als „unmittelbares, nicht diskursives und nicht auf Reflexion beruhendes Erkennen“ oder „ahnendes Erfassen“, meist in Form einer sogenannten Eingebung. Etwas mehr finden wir bei Wikipedia, wo wir Intuition als „grundlegender menschlichen Kompetenz“ und „zentraler Fähigkeit zur Informationsverarbeitung und zur angemessenen Reaktion bei großer Komplexität der zu verarbeitenden Daten“ begegnen. Ergo: Wo unser Verstand an seine Grenzen stößt, müssen und können wir uns häufig auf unser Unterbewusstsein und unseren Erfahrungsschatz verlassen (vgl. auch Eric Berne), das berühmte Bauchgefühl. Nicht umsonst setzen zum Beispiel die Hersteller anspruchsvoller Technik oder Software gerne auf intuitive Bedienbarkeit – statt ihren Kunden dicke Handbücher und Bedienungsanleitungen zuzumuten.

In der Kommunikation spielt Intuition generell eine überaus große Rolle. Da Kommunikation stets komplex ist, auf mehreren Ebenen abläuft und zwangsläufig unvollständig ist, funktioniert sie zumindest in Echtzeit nur unter tätiger intuitiver Mitwirkung des Empfängers. Mit „den unzähligen Sinneswahrnehmungen, die in jeder Sekunde auf uns einprasseln, wäre das Bewusstsein heillos überfordert“, heißt es in einem Beitrag der „Apotheken-Umschau“. Stattdessen analysiere unser Gehirn „Mimik, Gestik, Blick, Haltung des Gegenübers, ohne dass wir etwas davon mitbekommen“. Oder wie es im „Spiegel“ heißt: „Das Bewusstsein ist zu klein für die Welt – wer überleben will, muss sich auf andere Quellen verlassen können“.

Für den Arzt und Psychiater Joachim Bauer sind für die intuitive Kommunikation vor allem Spiegelneuronen verantwortlich: Diese seien „sozusagen das Scharnier zwischen eigenem Verhalten und der Beobachtung des gleichen Verhaltens bei anderen“, beschreibt „Deutschlandfunk Kultur“. Indem wir „bestimmte Aktionen anderer Menschen beobachten, spüren wir in uns selber intuitiv, was das Ziel und der Zweck der Handlungen sind, die wir bei anderen gerade beobachten“. In erster Linie also Empathie. So fällt es uns leichter, „den Gehalt und die Erfordernisse einer Situation treffsicher zu erfassen oder zu erspüren“, wie es Friedemann Schulz von Thun in „Kommunikation als Lebenskunst: Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens“ umschreibt. Diese Fähigkeit gezielt zu fördern ist gar nicht so einfach. Die intensive Auseinandersetzung mit dem sogenannten Kommunikationsquadrat hilft enorm. Und manchmal eben auch zeitgenössische Kunst à la Beuys.