Im Wesentlichen Computer

personality insights Unsere Zunft beschäftigt sich viel mit Trends und versucht auch immer wieder, neue zu setzen, aber bei der sogenannten Digitalen Transformation stehen wir meines Erachtens noch eher am Rande, meist als staunende Beobachter, immer öfter zumindest auch als Nutzer. Wenn man sich etwas ausführlicher mit Watson beschäftigt, dem gegenwärtigen Klassenprimus künstlicher Intelligenz, lässt sich ganz gut erahnen, was da auf uns zukommt und welche Möglichkeiten und Werkzeuge wir da künftig an die Hand bekommen. Laut den Entwickeln bei IBM entsteht nicht weniger als ein „kognitives System, das eine neue Partnerschaft zwischen Menschen und Computern ermöglicht“. Zu den besonderen Stärken der Technologie zählen die Verarbeitung natürlicher Sprache, die Erzeugung und Bewertung von Hypothesen und die Fähigkeit zu evidenzbasiertem Lernen. Watson wird also besser und besser. Schon die ersten konkreten Anwendungen sind mehr als beeindruckend, auch für uns in der Kommunikation.

Ende Oktober stellte die cloud-basiert arbeitende Entwicklergruppe – übrigens weltweit von München aus gesteuert – die erste Ausbaustufe des Angebots „Personality Insights“ vor: Aus Textbausteinen, zum Beispiel aus Sozialen Medien, erstellt das digitale Superhirn eine erstaunlich detaillierte Analyse der Persönlichkeit des Autoren. Schon mit insgesamt nur 100 Wörtern klappt das erstaunlich gut. Die Analyse umfasst drei Dimensionen: die „Großen Fünf“ („The Big 5“: „Emotionale Bandbreite“ bzw. Neurotizismus, Extrovertiertheit, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit sowie Umgänglichkeit bzw. Altruismus mit insgesamt 30 Einzelaspekten), Werte („Values“: Selbsttranszendenz, Offenheit für Veränderungen, Hedonismus, Traditionsbewusstsein/Bewahren sowie Selbstverbesserung) und zu guter Letzt Bedürfnisse („Consumer Needs“: Aufregung, Harmonie, Freiheit, Herausforderung, Ideal, Liebe, Neugier, Selbstdarstellung, Stabilität, Struktur, Nähe/Verbundenheit sowie Zweckmäßigkeit). Wer will, kann das hier kostenfrei gerne mal selbst versuchen.

In einem kleinen Gedankenszenario bekommt der Social-Media-Manager mit dem kritischen Facebook-Eintrag auch gleich ein psychologisches Kurzgutachten geliefert – samt automatisiert entwickelten Empfehlungen, wie mit der Kritik umzugehen ist. Ähnlich könnte es zum Beispiel mit dem potenziellen Käufer im Verkaufsgespräch, dem Investorenvertreter bei der Roadshow zum geplanten Börsengang oder auch dem Mitarbeiter im anstehenden Jahresgespräch laufen.

Schöne neue Welt. Oder nicht? Wie so oft sollten wir vor Gefahren nicht die Augen verschließen, aber auch neugierig nach zusätzlichen Anwendungsmöglichkeiten suchen und diese systematisch weiterentwickeln. Als Branche, aber auch jeder einzelne. Vor Kurzem erzählte ein Versicherungsvorstand, er habe eine komplette Abteilung auf Watson angesetzt, aber auch dafür gesorgt, dass diese eng mit Verbraucher- und Datenschützern kooperiere. Potenziale erschließen, Risiken eindämmen! „Aus der Vergangenheit kann jeder lernen, heute aber kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen“, könnte man mit dem Strategen und Futurologe Herman Kahn sagen. Es liegt an uns, ob wir nur zusehen, wie um uns herum Zukunft entsteht, oder mitmachen bei ihrer Gestaltung.