Heiligenschein mit Abstrahleffekt

Da war er wieder: „Bisschen jung für ‘ne Chefin“ sagt ein gewisser Sebastian in Katja Klimms Thriller „Am Sonntag stirbt Alison“ und „stopft sich ein Schinkenbrötchen in den Mund“. Man muss das Buch überhaupt nicht kennen um zu wissen, dass wir es hier mit einem typischen Beispiel für den berühmten „Halo-Effekt“ zu tun haben: eine verzerrte Wahrnehmung oder ein „Urteilsfehler“, bei dem von einem „Merkmal auf weitere Eigenschaften der Person geschlossen wird, ohne dass hierfür eine objektive Grundlage vorliegen“ muss, wie es im „Lexikon der Psychologie“ von „Spektrum“ heißt. In Sebastians Fall: Eine Frau ist schlicht noch nicht alt genug, damit er in ihr eine Führungskraft sehen könnte. „Halo“ ist das englische Wort für „Heiligenschein“ oder „Lichthof“, und so nennt man den Effekt bei positiver Verzerrung auch „Heiligenschein-Effekt“. Aber auch die Gegenrichtung, der „Teufelshörner-Effekt“, funktioniert nach dem gleichen Prinzip.

Entdeckt hat den Effekt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts der frühere Harvard-Psychologe Frederic L. Wells, seinen Namen bekam das Phänomen etwas später von Wells’ Kollegen Edward Lee Thorndike. Der hatte in einer Studie festgestellt, dass Armeeangehörige von ihren Vorgesetzten meist recht einseitig beurteilt werden: Die Ergebnisse zu verschiedenen Fragen korrelierten auffällig stark, obwohl die zu beurteilenden Eigenschaften wenig oder nichts miteinander zu tun hatten. So reicht oft nur ein bekanntes oder auch vermutetes Merkmal aus, um Urteile über andere, ganz unabhängige Merkmale oder Eigenschaften zu treffen. Wer sportlich wirkt, ist bestimmt auch beliebt, wer raucht, ist gewiss auch gegenüber Kollegen rücksichtslos, wer viel reist, ist sicherlich tolerant, und wer einmal zu spät gekommen ist, nimmt wahrscheinlich auch Drogen. So in etwa läuft das mit dem Heiligenschein oder eben den Teufelshörnern. Die große Bedeutung des ersten Eindrucks, den jemand hinterlässt, lässt sich so ebenfalls erklären. Auch die Abstrahleffekte eines beliebten Produkts auf das Image einer Marke oder eines Herstellers sind psychologisch ganz ähnlich gelagert.

Immer wieder wirkt sich dieser Effekt in unserem Leben aus, im Guten wie im Schlechten. So heißt es nicht umsonst: „Kleider machen Leute.“ Für den Vorstellungstermin fesch eingekleidet – schon sind die Vorzeichen ein wenig günstiger (zur besonderen Situation des Bewerbungsgespräch hier ein lesenswerter Beitrag aus „Impulse“, und warum die „Harvard Business Review“ bei der Beurteilung von Mitarbeitern lieber gleich zum Einsatz Künstlicher Intelligenz aufruft, erfährt man hier). Nicht nur wir PR-Leute versuchen dies systematisch für uns respektive unseren Kunden zu nutzen. Andererseits warnt die „Women’s Health“ ihre Leserinnen aus gutem Grund davor, sich von der eigenen Wahrnehmung einen „fiesen Streich“ spielen zu lassen und von einem besonders attraktiven Mann automatisch anzunehmen, er sei auch außerordentlich charmant und aufmerksam. „Lass dich nicht durch eine überragende Eigenschaft über seine Makel hinwegtäuschen.“

Gefeit gegen einen alles überstrahlenden oder überlagernden Gesamteindruck ist keiner, aber es gibt bewährte Gegenmittel. Wer den Effekt einmal kennengelernt und verstanden hat, ist immerhin sensibilisiert und etwas eher in der Lage, ihn zu vermeiden oder wenigstens zu minimieren und Urteile kritisch zu hinterfragen. So sollte man für eine möglichst objektive Beurteilung bewusst und ohne Zeitdruck Merkmal für Merkmal gesondert durchgehen. Lehrer zum Beispiel sollten Tests daher auch „queer“ korrigieren – nicht ein Schüler oder eine Schülerin nach dem oder der anderen, sondern Aufgabe für Aufgabe.

Im Gespräch mit dem Online-Magazin „ze.tt“ rät der Hamburger Sozialpsychologe Hans-Peter Erb generell zur Skepsis gegenüber der eigenen Einschätzung: „Distanzieren Sie sich vom ersten Eindruck, warten Sie ab. Räumen Sie dem, der Ihnen negativ erscheint, eine Chance ein. Reagieren Sie aber auch nicht zu euphorisch, nur weil Ihnen jemand sofort sympathisch erscheint.“ So erspare man sich manche Enttäuschung – der erste Eindruck sei lediglich eine „Fifty-fifty-Chance“. 

Häufig sind Enttäuschungen eben „Wahrheiten mit Verspätung“, und früher oder später können wir Menschen so manchen Irrtum korrigieren. „Ein Hauptmerkmal des Gebildeten ist, dass er einen Eindruck hat von der Macht des Vorurteils“, so der deutsche Theologe Richard Roth vor rund anderthalb Jahrhunderten. Hoffen wir mal, dass er recht hatte und wir uns und andere in diesem Bewusstsein schon im Vorfeld vor allzu schlimmen und allzu häufigen Fehlurteilen schützen können.

Hinweis zum Beitragsbild: Gespiegeltes Foto von John Carorom (@johnm23), gefunden auf Unsplash.com. Danke.