Großreimemachen mit Hilfestellung

Er kam spät und wurde oft belächelt, aber heute ist er ein Milliardenmarkt und auch im internationalen Vergleich eine Großmacht – Hip-Hop oder Rap auf Deutsch. In nur fünf Jahren von 2014 bis 2019 kletterte dessen Anteil am Gesamtumsatz der deutschen Musikindustrie von 3,6 auf 19,7 Prozent (Quelle: Statista). „Deutscher Rap ist der neue Pop“, hieß es im Sommer 2019 recht zutreffend in einem Beitrag zum Szene-Preis „HYPE-Award“ mit dem legendären früheren Maskenmann Sido. Und weiter: „Deutscher Rap bricht Verkaufsrekorde, er diktiert die Trends in Sachen Streetwear und prägt die Sprache auf den Schulhöfen. Urbane Kultur und Rap sind […] in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Ich bin da ein gutes Beispiel, auch wenn ich schon vor fast 30 Jahren einige Vertreter des Genres in meiner Muttersprache gefeiert habe, damals vor allem Ferris MC. Noch immer mag ich diese Art von Musik unheimlich gerne, aber meist nicht die typischen Szenegrößen, sondern eher Nischenvertreter von Neonschwarz mit Captain Gips über Felix „Brummer“ Kummer und Swiss bis zu Dicht & Ergreifend, „Bayern-Rap-Papa“ Monaco F oder Weeh78, die auf Bayerisch bzw. Münchnerisch singen.

Neben der Musik sind mir auch die Texte wichtig, und ich sehe keinen Grund, warum ich diese nicht auch in professioneller sprachlicher und rhetorischer Hinsicht ernst nehmen sollte – zumindest dann, wenn nicht alles mit sexistischen Kraftausdrücken, juvenilem „Gangsta“-Gepose und Macker-Grobheiten zugeschüttet ist, wie es in diesem Umfeld leider nach wie vor gang und gäbe ist. Eine Hookline von Apache 207 betrachten wie eine Strophe von Walther von der Vogelweide oder einen Hexameter von Goethe? Äußerst reizvoll finde ich das. Als Beispiel ein Auszug aus Apaches „Unterwegs“: „Fettes Auto, doch krieg’ keine Luft drin // Fenster runter, ich muss nie mehr kurbeln // Kälte legt sich auf mich, Herz am Pumpen // Die Welt so schön, wenn Scheiben nicht verdunkeln“. Da mag man den Kopf schütteln oder die Nase rümpfen, aber es bleibt: Dichtung für Millionen! Für den sogenannten Bildungsbürger leichter zugänglich ist da ein Auszug aus „Der Rest meines Lebens“ von Felix Kummer: „Der erste Pärchenurlaub, ironisch gemeinte Spießigkeit // Anti Eskalation, pro Gemütlichkeit // Es beginnt ganz harmlos, mit einem Spieleabend // Aber endet in Gesprächen über Risikoanlagen“.

Vor rund sechs Jahren befasste sich der Münchner Philologe Sven Hanuschek für „Vice“ mit deutschem Rap. Er fand „trochäische Texte“, eine „interessante Reimstruktur“, „Charme“, eine „Reflexionsschleife“ und sogar eine „lustige Zote“. Insgesamt hatte er erkennbar Freude an der Auseinandersetzung mit der ihm wenig vertrauten Kunstform. Wir sollten allerdings nicht verhehlen, dass es selbst bei erfolgreichen Rappern auch jede Menge Beispiele für Bedenkliches sowie Stumpf- und Unsinn gibt. Einige Wochen vor dem Philologen kam im gleichen Medium ein Psychologe zu Wort, der in einem Fall einen „offensichtlichen Hang zum Sadismus“ ausmachte, aus einem anderen Text auf eine „Verhaftung der Künstler im pubertären Flegelalter“ schloss und bei einem weiteren Lied „jeglichen Sinn überhaupt“ vermisste. Hier fehle es „gewaltig an Substanz“ und es handele sich um „eine willkürliche Aneinanderreihung von Sonderschulschläger-Vokabular mit einem Grundtenor an Gewalt und Prahlerei“. Ja, es gibt solche und solche Rapper:innen.

Wenn man sich dennoch auf die Szene einlässt, erwarten einen noch zwei Besonderheiten, die mein Sprach-Herz höherschlagen lassen – wenngleich manchmal auch hier ein wenig erschrocken. Zunächst will ich auf das Phänomen der „Battle-Raps“ eingehen. Wer sie nicht kennt: Das sind Rap-Wettkämpfe, in denen laut Wikipedia „das Diffamieren (Dissen) eines fiktiven oder realen Gegners und die übertrieben positive Darstellung der eigenen Person (Boasting, Bragging) im Mittelpunkt steht“. Und, meine Güte, da geht es vielleicht zur Sache – eine Mischung aus akademischem Debattierclub und wüstem verbalem Faustkampf im Brennpunktviertel. Ich habe mich nie so richtig anfreunden können mit dieser wirklich heftigen Form von Auseinandersetzung per Sprechgesang, aber ich bewundere durchaus die gezeigten Fähigkeiten. Mit klassischer Rhetorik hat das nichts zu tun, und doch wieder eine ganze Menge. Die Kunst des Beleidigens! Schließlich wissen wir, dass auch der große Cicero gelegentlich „Reden voll Wut, Trotz, Pathos und Beleidigungen“ hielt und selbst übelste Schmähungen im Werkzeugkasten der meisten berühmten Redner enthalten waren.

Ein Battle folgt festen Regeln (hier ein Beispiel aus Heidelberg), aber inhaltlich gibt es fast keine Tabus, sogar Hautfarbe und Religion des Gegners oder – viel, viel seltener – der Gegnerin werden mit den Punchlines in den Schmutz gezogen. Es geht um den Rhythmus und die Sprachmelodie, aber vor allem auch um Schlagfertigkeit und Originalität. Das Publikum belohnt Witz und spontane Einfälle aus dem Augenblick heraus – wer mit vorgefertigten Reimen glänzen will, hat in der Regel keine Chance. Kein Wunder, dass der ungekrönte König der Disziplin, Ssynic, auch Stand-Up-Comedian ist.

Auf der anderen Seite wäre da noch der Drang der meisten Rapper:innen zum Hochgeschwindigkeitssprechgesang, auch Choppern oder Doubletime– bzw. Tripletime-Rap genannt. Dabei geht es nicht nur um Quantität – es soll schon auch Sinn ergeben und gut klingen. Mit Kollegah und Spongebozz kommen zwei der Weltschnellsten aus Deutschland. Die beiden schaffen bis zu neun Wörter pro Sekunde (hier liefert Kollegah eine Probe seines Könnens für das ZDF-Magazin „Terra Xpress“ anhand des „Erlkönigs“). Da wäre wohl jeder Sprechtrainer und jede Sprechtrainerin schwer beeindruckt!

Die gesamte Szene ist ausgesprochen kompetitiv – man hilft sich, aber man misst sich auch. Wer bei den berühmten 16 Zeilen zur Spitze gehören will, muss professionell arbeiten und laufend trainieren. Für das Auffinden sich reimender Wörter gibt es inzwischen etliche Online-Hilfsmittel und -Tools wie d-rhyme, wo man sich auch beim Kreieren von Wortspielen oder beim Spitten helfen lassen kann. Auch bei sogenannten Doppelreimen hilft Kollege Computer bzw. Kollegin Internet. Ein erfahrener Ghostwriter stellt hier die aus seiner Sicht besten zehn Reimemaschinen vor. Für das Training und für Freestyle-Wettbewerbe gibt es Zufallswortgeneratoren.

Vielleicht bekommen ja manche unter den Leser:innen Lust, es einmal selber zu versuchen. Anleitungen gibt es viele (z. B. hier). Als Texter:in oder Redenschreiber:in könnte man sich ja zumindest mal an Lyrics für einen Rap-Song wagen, und dabei ruhig auch ein paar der erwähnten Werkzeuge ausprobieren. Dass wir so den neuen Megaseller à la Capital Bra oder endlich auch eine Capital Bratina bekommen, kann ich nicht versprechen, aber neue Impulse und Inspiration allemal. Im Rap können schließlich „jahrhundertealte Traditionen der Dichtkunst und Prosa“ in neuem Gewand wiederentdeckt werden, wie es in Tina Zeises enorm aufschlussreicher Doktorarbeit „Kommunikative Aspekte der Rapmusik in Deutschland“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2006 heißt. Deutscher Rap offeriere ein „unerschöpfliches Angebot an kommunikativen Möglichkeiten“ mit einem „kunstfertigen Umgang mit Metrum und Reim“. Also Ohren und Augen (und Herzen) auf, und unerschrocken hinein! Ich wünsche viel Vergnügen.