Geregelter Silbenschmied

Ein gutes Beispiel? Lässt sich machen: „Gut, besser, Paulaner.“ Den Slogan kennt fast jeder. Ich könnte auch Volker Schlöndorffs „Licht, Schatten und Bewegung“ anführen. Oder wir nehmen das pathetische „Gott, Kaiser und Vaterland“ aus der Zeit des Habsburgerreichs. Schon als Trainee in einer PR-Agentur 1992 hat mich ein Chefredakteur sie gelehrt: die Regel der zunehmenden Silbenzahl. Bei einer Aneinanderreihung von drei oder mehr Wörtern sortiere man diese am besten der Länge nach – das Wort mit den wenigsten Silben zuerst, dann weiter steigend bis zum Wort mit den meisten Silben, also lautlichen (phonetischen) Einheiten. In den meisten Fällen klinge das besser und präge sich auch leichter ein. Aber stimmt das?

Der deutschsprachige Wortschatz enthält samt Fachsprachen geschätzt knapp 500.000 Wörter. Die Auswahl ist riesig. Nach einem historischen Beitrag im Heft „Wirtschaft und Statistik“ 8/2007 des Statistischen Bundesamts umfasst ein Wort durchschnittlich 1,87 Silben. Diese wiederum bestehen aus einem Silbenkern, meist ein Vokal oder Doppelvokal („Diphthong“), und typischerweise einem oder mehreren Konsonanten. Sprachwissenschaftler*innen wie Thomas Krehfeld sprechen von einer „Aufgliederung eines Klangstroms in Wellen oder Pulse“ durch „einen oder mehrere Laute von geringerer Sonorität“ (und weiden sich am „Zauber einer klaren Konzeption“ – ach …).

Die Auswertung eines sogenannten Aussprachewörterbuchs des Deutschen mit insgesamt 20.453 Stichwörtern ergab 2.245 einsilbige Wörter – von der Angst vorm Aal bis zum Zahn der Zeit. Laut Quantitativer Linguistik kommen monosyllabische Wörter in deutschen Standardtexten schon immer sogar am häufigsten vor, es folgen die zweisilbigen, dann die mit drei Silben usw. „Kurze Wörter bleiben hängen“, meint der Journalist und Sprachkritiker der Nation Wolf Schneider in einem Beitrag in der „Zeit“ unter der Überschrift „Zählen wir die Silben“. In den meisten Sprachen sind die kurzen Wörter auch die ältesten. Und nach dem Menzerath’schen Gesetz von 1928 nimmt mit der Zahl der Silben eines Wortes die Länge der Silben selbst im Schnitt ab.

Aus der Verslehre in der Schule kennen wir wohl alle syllabische Versprinzipien, bei denen es auch oder sogar nur um die Silbenzahl geht. Einen kleinen Hype erlebt seit ein paar Jahren das japanische Haiku, das traditionell aus drei Wortgruppen mit fünf, sieben und schließlich fünf Moren besteht, einer bestimmten Silbenform. (Wer tiefer in die Welt der Silben in der deutschen Sprache und ihrer Rolle im Schulunterricht einsteigen will, dem sei dieser Text der Freiburger Erziehungswissenschaftlerin und Sprachdidaktikerin Christa Röber empfohlen.) Hier und heute soll es aber ja speziell um die Kombination verschiedensilbiger Wörter gehen. Also zurück zu möglichen Verteilungsregeln.

AWD mit „Ihr unabhängiger Finanzoptimierer“ ist ein astreiner Mit-jedem-Wort-mehr-Silben-Repräsentant. Aber auch für das Gegenteil gibt es überzeugende Kandidaten. Da wäre das berühmte „Quadratisch. Praktisch. Gut.“ von Ritter Sport – eine konsequente Verkehrung der Regel. Oder das „Vorsprung durch Technik.“ von Audi – erst zwei Silben, dann eine, dann wieder zwei. Wie beim Polysyndeton „Einigkeit und Recht und Freiheit“ aus unserer Nationalhymne. Von einem Kuddelmuddel könnte man bei „Guten Freunden gibt man ein Küsschen“ sprechen. Klar, man nannte die Beatles „John, Paul, George und Ringo“. Aber es gab eben auch „Crosby, Stills, Nash and Young“. Die Regel ist also alles andere als in Stein gemeißelt. Es ist nicht mehr zu leugnen: Ein deutliches rhythmisches – wenn man so will: mathematisches – Muster oder Schema hilft, aber es ist ziemlich egal, welches man nutzt. Vielleicht habe ich den Chefredakteur damals vor rund 28 Jahren ja auch falsch verstanden, und er sprach gar nicht von einer Regel oder Empfehlungen, sondern lediglich von einem von vielen möglichen Konstruktionsprinzipien.

Von den angeblich 40 „besten und einprägsamsten Slogans im deutschsprachigen Raum“ halten sich gerade einmal zwei so halbwegs und mit zugedrücktem Auge an die Es-werden-immer-mehr-Silben-Regel. Für nahezu jeden möglichen Sprachrhythmus findet sich hier ein Beispiel. Selbst die gebräuchlichsten Drillingsformeln oder Trikola (in der Rhetorik von alters her gerne genutzt, weil sie so rund wirken können, für Dynamik stehen und oft sehr eingängig sind) taugen nur teilweise als Fürsprecher: „Wein, Weib und Gesang“ oder „Friede, Freude, Eierkuchen“ passen ja noch, aber „heimlich, still und leise“ oder „Hund, Katze, Maus“ scheren aus. Mit der Vierlingsformel „frisch, fromm, fröhlich, frei“ ist es nicht anders. Da bleibt mir kaum eine Wahl: Ich lege hiermit die vor fast drei Jahrzehnten erlernte Regel als solche endgültig ad acta! Auf den richtigen „Beat“ der Sprache hingegen werde ich auch in Zukunft achten: klar, lebhaft, wirkungsvoll und variantenreich.