Gebildete Botschaft mal vier

grafische geschichtenAuch im Beruf sind Gestaltung und Grafik Steckenpferde von mir. In den vergangenen Monaten haben mich vier ganz verschiedene Ausprägungen visueller Kommunikation besonders beschäftigt. Gerade in ihrer Unterschiedlichkeit den vielen Gemeinsamkeiten zum Trotz faszinieren sie mich. Im September besuchte ich auf Sardinien das frühere „Banditennest“ Orgosolo mit seinen unvergleichlichen, meist politischen oder sozialkritischen Wandmalereien, den sogenannten Murales. Hier sieht man „an den Wänden das Unrecht der Welt“ und findet im ganzen Ort „gemalte Politik, wie es sie sonst nirgends gibt“, heißt es dazu im „Spiegel“. Ebenfalls um Kunst mit mehr oder minder starker Botschaft im öffentlichen Raum geht es auch bei Street Art und Urban Art, für die es in München mit der „Stroke“ sogar eine eigene Messe gibt. Meine Heimatstadt ist ja „eine Graffiti-Hochburg Europas“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ rund um das wunderbare Buch „Street Art München“ aus dem Verlag Hirschkäfer feststellte.

Komplett anders mutet da zunächst die Kunst der grafischen Notizen an, neudeutsch „Sketchnotes“ oder „Visual Notes“, die ich erst vor ein paar Tagen wieder in einem Kongressworkshop erleben konnte. Die Spezialisten des Münchner Unternehmens Graphic Recorder dokumentieren ganze Veranstaltungen samt Kommentaren und Stimmungen simultan mit Symbolen, Worten und kleinen Zeichnungen auf meterlangen Papierbahnen. Ein Beitrag des „Deutschlandfunks“ zum Graphic Recording berichtet von der „Freiheit des Bildes jenseits des bedeutungsschweren Wortes“ und einem „künstlerische Filter, der mit einem Augenzwinkern auch kernige Themen darstellen kann“.

Die vierte Kunstform, die mir in diesen Tagen nicht aus dem Sinn kommt, ist auf den ersten Blick meilenweit von den drei übrigen entfernt und vor allem: alt. Auf einem Familienausflug besuchte ich kürzlich die nahezu tausendjährige Klosterkirche auf der Fraueninsel im Chiemsee und die viel kleinere, aber nicht weniger beeindruckende romanische Kirche Sankt Jakobus in Urschalling oberhalb des Chiemsees aus dem 12. Jahrhundert. Dort fielen mir die wundervollen Fresken auf – auch sie vor allem gemalte Geschichten und Botschaften, in diesem Fall solche aus der Bibel und aus dem Leben besonders populärer Heiliger, speziell aufbereitet für das einfache, meist leseunkundige Volk. Selbst eine heute eher unbekannte Form historischer PR-Arbeit kann man dort entdecken: Offenbar regelmäßig haben sich reiche Stifter in die „göttlichen“ Szenen hineinmalen lassen.

Mein kleines Gestaltungsquartett macht einmal mehr klar, wie vielseitig und vor allem wie wirkungsvoll visuelle Elemente in der Kommunikation sein können. Der Künstler aus der Gotik ist dem Graffiti-Sprayer da letzten Endes durchaus vergleichbar. „Wie eine mächtige Zauberin nimmt dich die Malerei auf ihre Flügel und trägt dich davon“, so der französische Maler Delacroix. Den gleichen Zauber kann auch ein Schablonenwerk von Banksy oder eine Fassadenmalerei in einem sardischen Bergstädtchen versprühen. Wer weiß, was ich schon morgen auf dem Weg ins Büro so zu sehen bekommen werde …