Die Streisand und der „Hutbürger“

Er bezweifele, dass „der #Hutbürger und @MPKretschmer wirklich begriffen haben, was der #Streisand-Effekt ist“, twitterte ein politischer Beobachter am vergangenen Donnerstag. Der Hintergrund dürfte den meisten Twitter-Nutzern klar gewesen sein: Es ging um den „pöbelnden Pegida-Anhänger mit Deutschland-Hut“ Maik G., der als Demonstrant von Journalisten „nicht ins Gesicht“ gefilmt werden wollte und als „Staatsdiener auf Abwegen“ Polizisten zu Erfüllungsgehilfen wüster Staatsverächter zu machen schien, sowie den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer von der CDU, der hier zunächst keinerlei Fehlverhalten der Beamten sehen konnte und es „unverantwortlich“ nannte, den frisch kreierten, aber sich bereits wie ein Lauffeuer verbreitenden Begriff „Pegizei“ zu nutzen. Weniger klar war vielen, was es mit diesem Streisand-Effekt auf sich hat. In meinem Berufsleben spielt der vor allem in der Medienarbeit, der Krisen-PR und im Reputationsmanagement eine große Rolle. Das Grundprinzip ist schnell erklärt: Der Versuch, „eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen“, wie es bei Wikipedia heißt, führt erst recht zu deren Verbreitung. Mit anderen Worten: Wer seinen Ruf retten will, macht es oft nur noch viel schlimmer.

Benannt ist dieser seit langem bekannte Effekt heute nach der Schauspielerin Barbra Streisand, deren Klage gegen eine Website mit einer Luftaufnahme ihres kalifornischen Anwesens erst dazu führte, dass die Öffentlichkeit Notiz von dem Foto nahm. Auch der #Hutbürger und die #Pegizei machten nicht nur in den Sozialen Medien in Windeseile Karriere. Wer ein wenig recherchiert, findet mühelos weitere Opfer des Phänomens – und nicht alle mag man bemitleiden: einen deutschen Komiker, der juristisch dagegen vorging, seinen bürgerlichen Namen publik zu machen, eine Sekte, die ein peinliches Werbevideo verschwinden lassen wollte, einen entschuldeten Spanier, der wegen des „Rechts auf Vergessenwerden“ vor den Europäischen Gerichtshof zog, einen europäischen Geheimdienst, der einen Wikipedia-Beitrag über eine militärische Einrichtung gelöscht haben wollte, einen Autokraten, der gegen „Schmähkritik“ im Ausland zu Felde zog, einen Autokonzern, der einem öffentlich-rechtlichen Sender die Wiederholung eines Beitrags verbieten lassen wollte, einen Staatspräsidenten, der keine Lust mehr auf Vergleiche mit dem Zeichentrick-Bären Winnie Puuh hatte, oder einen Homöophatie-Hersteller, dem die Texte eines Bloggers nicht passten.

In vielen Fällen ergibt es durchaus Sinn, sich zum Beispiel gegen Verleumdungen oder Unrecht zur Wehr zu setzen und womöglich auch den Rechtsweg zu beschreiten, aber mit dem Streisand-Effekt im Hinterkopf sollte man sich das stets sehr gut überlegen. Selbst wenn man recht hat, erweist man sich gerade im Internetzeitalter nicht selten einen Bärendienst. Ähnlich klingt das in einem Fachbeitrag des Rechtsanwalts Tobias Kläner: „Das Problembewusstsein um einen möglichen ‚Streisand-Effekt‘ gehört damit zur Kernkompetenz eines jeden Juristen, der auch mit Angelegenheiten des Internets zu tun hat. Mag die Auswahl des juristischen Mittels im Zweifelsfall auch rechtmäßig sein, kann der dadurch entstehende Schaden um ein Vielfaches größer werden als der status quo. Im Sinne des Mandanten oder des Unternehmens ist das dann sicher nicht mehr. Damit ist juristisches Stillhalten, oder einfaches Aussitzen und Totschweigen, manchmal die vorzugswürdige Alternative, auch wenn das eigene Rechtsempfinden sich dagegen sträubt.“ Aber, um die Klammer zu schließen, das mit dem Rechtsempfinden ist beim #Hutbürger vom LKA ja offenbar ohnehin so eine Sache …