Die Sprache des Neuen mit Bart

Wieder geht es mir an dieser Stelle um Rhetorik und Politische Kommunikation. Zusammen mit 4,68 Millionen anderen Zuschauern sahen wir gestern den neuen, überraschend auf den Schild gehobenen Hoffnungsträger der im Umfragedauertief dümpelnden SPD bei „Anne Will“ im „Ersten“. Kanzlerkandidat Martin Schulz sorgt für Aufbruchsstimmung und „beschert der SPD einen kräftigen Schub“, wie der „Spiegelweiß, aber der Fernsehauftritt war dann doch bestenfalls durchwachsen bis schwer enttäuschend. Auch die Kritiken fielen bei konservativen wie bei eher linken Beobachtern verhalten bis negativ aus. Das „Handelsblatt“ berichtet von „heißem Brei“. Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt von „einer Lehrstunde in Populismus, wie man sie so noch nicht gesehen hat“, und vergleicht Schulz sogar – mehr geht in diesen Tagen kaum – mit dem neuen polternden US-Präsidenten Donald Trump. Auch die „Zeit“ erlebte „am Ende der Schulz-Festspiele einen Kandidaten, dessen Lack schon ein bisschen angekratzt ist“. Und das nur fünf Tage nach Schulzens Kür.

Während es den meisten Kommentatoren vor allem um die Inhalte, oder besser: um den Mangel an selbigen geht, arbeitet sich die „taz“-Kolumne „So nicht“ in die Sprache und die Wortwahl des früheren EU-Parlamentspräsidenten hinein. Der Beitrag ist eine Art gedachter Dialog zwischen Schulz und seinem Redenschreiber oder Rhetorikcoach. Tatsächlich klingen viele Aussagen Schulz’ wie Überbleibsel aus SPD-Flugblättern der piefigen 50er. Die Arbeitswelt besteht aus Bäckern, Postboten und Verkäuferinnen – Digitalisierung Fehlanzeige. Dass auch freiberufliche Web-Designer in Hamburg mit hohen Mieten zu kämpfen haben oder alleinerziehende Frauen mit Halbtagsjobs bei einem Onlinehändler in München händeringend nach einem Kitaplatz suchen, blendet der Spitzenpolitiker aus. Schulz verspricht Erneuerung, und hört sich an wie ein alter Sozi aus einem politikwissenschaftlichen Lehrbuch aus meinen Jugendtagen. Am schlimmsten aber fand ich den Griff in den „Pegida“-Parolenkasten, wenn von „unseren Frauen auf der Domplatte“ die Rede ist. Das kleine Possessivpronomen „unsere“ macht hier alles kaputt – es stempelt Frauen als schwache hilfsbedürftige Wesen ab, deutet Besitzansprüche an und führt vollkommen unnötig ein spaltendes, ausgrenzendes „Wir“ im Gegensatz zu „Anderen“ (wir wissen schon, an wen die meisten hier denken) ein. So bitte wirklich nicht. Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen, und Schulz kann das mit Sicherheit viel besser, so hoffe ich. Sonst wird das nach meiner Einschätzung nichts mit dem spannenden Duell um die Kanzlerschaft.