Die kommunikative Qual der Wahl

Schon als Schüler interessierte ich mich brennend für Politik und politische Kommunikation. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich als Teenager nachts Plakate malte oder wohlgemut zu kaum besuchten Informationsveranstaltungen pilgerte. Meine Facharbeit als Abiturient handelte von der Politischen Öffentlichkeitsarbeit der Parteien in Bayern (samt Umfrage unter den Landtagsabgeordneten). Dass ich nach meinem Abitur dann im Hauptfach Politikwissenschaft in Bamberg studierte, hat keinen überrascht. Mein Praktikum im Deutschen Bundestag, damals noch in Bonn, war ein Höhepunkt meiner Studienzeit. Bis heute ist mein Interesse unverändert groß, egal ob als Analyst für Wahlkampfrhetorik im Verband der Redenschreiber (VRdS), als freiwilliger, ehrenamtlicher Wahlhelfer oder auch nur als ganz „normaler“ Bürger und Wähler. Schließlich ist Wahlkampf „verdichtete politische Kommunikation“, wie es die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert. Durch meinen Beruf als Kommunikationsberater liegt mein Augenmerk stets auch auf den kommunikativen Aspekten und der Politolinguistik, vom Wahlplakat über den Infostand im öffentlichen Raum bis zum Online-Spot. Und im Vorfeld der bayernweiten Kommunalwahlen am 15. März 2020 gibt es da wirklich viel zu entdecken, positiv wie negativ.

Lehrbuchhaft ist die enorme Auswahl, die sich dem Wahlvolk bietet. Alleine um das Amt als Oberbürgermeister*in (OB) bewerben sich 14 Personen, auch wenn mit Kristina Frank von der CSU, Katrin Habenschaden von den Grünen und dem beliebten amtierenden OB Dieter Reiter von der SPD wohl nur drei von ihnen eine halbwegs realistische Chance haben. Für die 80 Stadtratssitze kandidieren sage und schreibe 1.027 Personen von 17 sogenannten Wahlvorschlagsträgern, also Parteien und Wählergruppen wie den Freien Wählern. „Der Wahlzettel mit der Kandidatenliste ist quadratmetergroß, es braucht ein wenig Geschicklichkeit, mit dem Monstrum in der Wahlkabine zurechtzukommen“, bemerkt ein Kommentator in der „Süddeutschen Zeitung“ treffend. Dazu kommen noch die Kandidat*innen für die 25 Münchner Bezirksausschüsse. Der organisatorische Aufwand hinter den Wahlen mit rund 14.000 Wahlhelfer*innen in 755 Wahllokalen alleine in der Landeshauptstadt ist gigantisch, der Einsatz der Bewerber*innen im Wahlkampf in Sälen, in Hinterzimmern, auf öffentlichen Plätzen oder auch in Online-Kanälen allerdings ebenso.

„Genosse Trend“? Wohl eher nicht
Den Entschluss, über den Kommunalwahlkampf zu schreiben, fasste ich, als ich das erste Mal das verunglückte Kampagnenmotto „Auf 1 Wort“ der SPD sah. Der Dialog zwischen Wähler und Kandidat soll nach einem knappen, einseitigen „Hallo“ offenbar schon wieder enden – die Zahl „1“ ist hier gar kein guter Ersatz für das Indefinitpronomen „ein“. Ein verhunzter Inhalt, um ein bisschen „trendig“ und „jung“ zu wirken? Und selbst das ist mehr als fraglich: Der Vong-Stil leistet das Anfang 2020 doch längst nicht mehr. Fast möchte man der SPD zurufen: I bims, der 1 Ewigkeit verpasste Trend!

Und ob sich die Sozialdemokraten an der Isar mit der Plakatgestaltung einen Gefallen getan haben? Gegenüber dem „Merkur“ lässt der Münchner Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann da wenig Zweifel aufkommen: Er sieht bei der SPD „das pfiffigste Design, farblich stimmig“. Es gebe viel Weiß, und das sei „in der Stadt auffällig“. Und weiter: „Trotz nur drei Worten viel Botschaft vermittelt. Versprechen gehalten, politisch agiert und dabei den Kernwert der Sozialdemokratie vertreten. Das soll herüberkommen.“ Ich bin da skeptisch. Auf mich macht die facettenartige Gestaltung auf weißem Grund einen eher fahrigen, unsicheren und „versprengten“ Eindruck. Vor allem gestalterisch fehlen mir Klarheit und Kraft. Dass der Wahlkampf der „Roten“ ansonsten ganz auf den auch bei den meisten politischen Gegnern letztlich anerkannten OB Reiter setzen würde, war hingegen nicht anders zu erwarten und halte ich für klug.

Das Auffälligste im Münchner Wahlkampf aber hatte mit der CSU zu tun. „Täuschend echt“ fälschten Unbekannte gleich mehrfach deren Plakate und stellten damit auch deren Botschaften auf den Kopf, wie die „Abendzeitung“ berichtete. Die echten Motive sind zum Teil aber auch dermaßen unglaubwürdig, dass der Spott nicht verwundern kann. Mal will die CSU die Grünen quasi auf dem Blühstreifen überholen, dann wird nach jahrzehntelanger Alles-für-das-Auto-Politik doch glatt „Fairness“ gegenüber dem armen, kleinen Kraftfahrzeug gefordert („Wieder fair unterwegs sein“). Man sei „bei der CSU gar nicht mehr in der Lage, zwischen Satire und Wahlkampf zu unterscheiden“, zitiert der „Merkur“ einen Twitter-Nutzer. Immerhin: Die Christsozialen reagierten souverän und bewiesen durchaus Humor.

Zurück in die Zukunft?
Etwas mehr Humor erhofft man sich auch bei Aktionen wie der personalisierten Grußbotschaft von Ministerpräsident Söder. In meinen Augen albern und altbacken (nicht nur wegen der Auswahl an Namen), aber schon jetzt hat sich rund eine viertel Million Nutzer so ein Grußvideo erstellen lassen – es scheint durchaus anzukommen. Eher stirnrunzelnd stand ich auch vor dem ersten Plakat mit dem Dachmotto der CSU-Kampagne für die Landeshauptstadt: „Wieder München werden“. Ich bin vor über 50 Jahren in dieser Stadt geboren, aber ich wüsste nicht, welches München ich gerne wieder zurückhätte (und noch weiter zurück in der Geschichte will von der CSU ja wohl hoffentlich keiner gehen). Erstaunlich, dass Frank und ihr Wahlkampfteam mit diesem rückwärtsgewandten Etikett „moderne und zukunftsweisende Politik“ verkaufen will. Und dann auch noch mit einer Schriftart, welche die „Ästhetik der serifenbetonten Teddybären der 1960er- und 70er-Jahre wiederentdeckt“, wie ein Fachblog schreibt (außerhalb Münchens sieht der Auftritt laut „Handbuch zum Erfolg“ allerdings ohnehin ganz anders aus). Auch einige Bildmotive der CSU schmecken so gar nicht nach Zukunft, sondern eher nach muffigen „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“-Ressentiments.

FDP und ÖDP überraschten mich mit einer Reihe an gemeinsamen Streitgesprächen. Ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Vorgehen – hier „Neue Gewerbegebiete vorrangig für das Wachstum der Münchner Unternehmen“, dort Wachstumskritik und „Mehr Räume für Bäume“. Offenbar gibt es da trotz vielem Trennenden aber auch einige Gemeinsamkeiten, nicht zuletzt in der Wahlkampfstrategie in zweiter Reihe hinter den Großen. Gerne wäre ich da Mäuschen in den Sitzungen zur Wahlkampfvorbereitung gewesen und hätte die Argumente beider Seiten gehört.

Die größte Vielfalt an Maßnahmen im Münchner Wahlkampf scheinen mir die Grünen zu haben: Vorträge, Townhall-Diskussionen, Infostände, Haustürwahlkampf, Filmvorführungen, Stadtteilwanderungen, Fahrradtouren, Atelierbesichtigungen, eine Klimawerkstatt, und dazu natürlich viel, viel Social-Media-Arbeit. Thematisch ist ebenfalls viel geboten. Schwerpunkte sind die städtische Verkehrswende mit einer „Radoffensive“, eine Energiewende mit kommunaler Klimapolitik, eine „grüne“ Stadtentwicklung und – nicht nur wegen der OB-Kandidatin – starke Frauen. Allerdings werden Habenschaden und ihrem Team die Themen von fast allen Seiten streitig gemacht. Das zeugt von Attraktivität, aber auch von bedrohter Exklusivität. Man darf gespannt sein, was unter dem Strich für die Partei mit der Sonnenblume stehen wird.

Und die Plakate der Grünen? Annika Sehl, Professorin für Digitalen Journalismus, meint im Gespräch mit „Hallo München“, diese wirkten „durch die Comic-Optik modern, bunt und fröhlich“. Ähnlich die Bewertung des Kommunikationsdesigners Ben Santo im gleichen Medium: Die München-Symbole seien in einem schrillen Pink, „das sehr kontrastiert zum Grün. Das wirkt weiblich, anders – nicht konservativ, nicht behäbig. Die Pop-Art-Motive mit den Rasterpunkten erinnern an Roy Lichtenstein. Das zeigt Modernität, bringt aber auch eine Kulturkomponente mit ein. Die Botschaften sind gut verdichtet auf Plakatlänge.“ Ansonsten fallen mir in diesem Wahlkampf auch die Plakate von Volt mit ihren europäisch inspirierten Sprachspielen („Bauen wie in Barcelona“ oder „E-Verwaltung wie in Estland“ für München) und solche der Gruppierung Mut mit ihrer auffälligen Farbgebung und dem typischen Portraitstil positiv auf.

Meine aufrichtige Bewunderung gilt jedoch in erster Linie den vielen scheinbar unermüdlichen und im Schnitt gut geschulten Haustür- und Straßenwahlkämpfern – im 1-zu-1-Gespräch überzeugen, die Stammklientel mobilisieren, neue Wähler ansprechen, Störer im Zaum halten, Vorbehalte ausräumen und die Kandidaten bekannt machen und ihnen Profil geben. Und das bei oft widrigen Verhältnissen mit potenziellen Wählern, die ganz anderes im Kopf haben und meist in Eile sind (ein schönes Multimediastück des Goethe-Instituts dazu, allerdings von 2017, gibt es hier). Trotz teuren Spots, explodierender Social-Media-Agitation oder Plakatierung: „Politik ist Kontaktsport!“, wie es der Thüringer Politiker und Campaigning-Experte Mario Voigt so schön ausdrückt.

Worauf es dabei ankommt? „Nicht herumzulabern, auch mal zuzuhören und vor allem zu akzeptieren, wenn jemand keine Lust hat zu reden“, fasst es ein Beitrag auf „Deutschlandfunk Nova“ zusammen. „Infostände sind für mich ehrlich gesagt oft ein Graus“, räumt mein niedersächsischer Kollege Leif Neugebohrn auf seiner Website ein. Der Infostand sei meist wenig erfolgreich und „oft mehr Beschäftigungstherapie für die eigenen Parteimitglieder als wirklich Wahlkampf“. Sein Rat: „Ein Infostand muss kommunikativ sein! Du musst auf die Menschen zugehen, offen sein und einen Weg finden, sie in großer Zahl neugierig zu machen und in irgendeiner Form anzusprechen.“ Woran man da alles denken muss, verrät in schöner Offenheit ein Ratgeber für Wahlkämpfer der noch jungen Partei Demokratie in Bewegung: Da soll man „den Stand an engen Bereichen aufbauen“, damit die Passanten auf einen zulaufen müssen, und bitte auf „stabile und windgerechte Aufbauten“ mit „Gegenständen zum Beschweren des Materials“ achten, „Kinder nicht ignorieren, sondern als ‚Eisbrecher‘ nutzen“, deren Eltern hätten dann ja „zwangsmäßig” Zeit für eine Unterhaltung; man solle „höflich und zurückhaltend“ sein und „Leuten die Chance geben, mal Dampf abzulassen“, aber bloß nicht auf einen „längeren Fight einlassen, nicht provozieren lassen“, und dann noch der „wichtigste Tipp“: „Lächeln, lächeln, lächeln.“ Ja, nicht umsonst sehen viele im Straßenwahlkampf nach wie vor die Königsdisziplin des Wettbewerbs um die Wählergunst. Daher allen aufrechten Wahlkämpfer*innen in Bayern meinen größten Respekt und viel Erfolg!

Rechts außen nichts Neues
Sie fragen sich, warum ich noch gar nichts zur Kommunikation der sogenannten AfD geschrieben habe? Nun, die fällt vor allem die Nichtargumentation auf – in „Wir machen Ihre Meinung zu Politik“ kann neben dem grundsätzlich populistischen Ansatz schließlich alles x-Beliebige hineininterpretiert werden. Und dass „die Ablehnung von Migration als einziger Programmpunkt auf dem Dorf nicht ausreicht“, wie es Sebastian Beck in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben hat, gilt eben für die Großstadt München erst recht. Wobei: Je nach Stadtteil liest man auf AfD-Plakaten auch so eigenartige Appelle wie „Drei Stimmen für den Tierschutz“ oder so entgleiste Witzel-Slogans wie „Kein Fahrzeug ist illegal“ – der Mangel an Kohärenz und Logik sowie die Armut an politischer Substanz müssten auch ohne weitere Kommentare ins Auge springen (David Lanius vom Forum für Streitkultur beleuchtet die Argumentation von Rechtspopulisten hier detailliert). Na denn: Ich wünsche München und Bayern eine gute Wahl!

Bildhinweis: Das Beitragsbild auf der Startseite zeigt den Ausschnitt eines Fotos des Comics „Eine kleine Anleitung zur Kommunalwahl“ für Erstwähler*innen der Kampagne „München wählt“ der Landeshauptstadt München, Fachstelle für Demokratie.