Die alten Jungen

YouTube-Sexismus„Die Digitalisierung und die daraus erwachsende Jugendkultur stellen erstmals die gesamten gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig auf den Kopf“, schreibt der junge Münchner Unternehmensberater und Autor Philipp Riederle stellvertretend für die „Digital Natives“ der „Generation Y“ auf seiner Website. Alles anders, alles neu, möchte man meinen. Wer sich genauer mit den Eingeborenen „Digitaliens“ und ihren dauerberieselnden Kanälen beschäftigt, kommt zuweilen zu ganz anderen Ergebnissen. Dank „Bildblog“ wurde ich auf die ebenso kritischen wie treffenden Beobachtungen Marie Meimbergs, einer bekannten Vorreiterin der deutschen Web- und Social-Media-Branche, in „Broadly“ aufmerksam. Der Titel „Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show“. Ihr Beitrag über „jagende Männer“, „Titten-Thumbnails“ oder auch „Bitch-Umstyling“ hat es in sich. Das Internet drohe von einer „Möglichkeitsarena für Kunst, für Gesellschaft und Diskurs“ zur „Geldmaschine und geistigen Müllhalde“ zu verkommen.

Spießige Altherrenwitzchen und schmierige Rollenklischess erinnern tatsächlich eher an die muffigen 50er als an Aufbruch oder gar an die Vision einer freien, aufgeklärten und gleichberechtigten Zukunft. Das Berliner Institut für Strategieentwicklung ist sogar überzeugt: „Das Internet löst unser Jahrhunderte altes Wertesystem auf.“ Außer der Flexibilität nehme die Bedeutung fast aller anderen gesellschaftlichen Werte mehr oder minder stark ab.

Bereits im Vorjahr hat „Zeit Wissen“ die 1925 von Mahatma Gandhi formulierten „sieben Sünden der modernen Gesellschaft“ in unsere Online-Gegenwart projiziert. Es überrascht nicht, dass sie nichts oder kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Gerade „Geschäft ohne Moral“ und „Genuss ohne Gewissen“ klingen leider ganz nach einem großen Teil unserer heutigen Netzrealität. Der Publizist und Pixelpark-Gründer Christoph Kappes nahm die Geschichte zum Anlass für eine eigene Version und pangert zum Beispiel „Texte ohne Fragen“, „Wissen ohne Handeln“ und „Lachen ohne Freude“ an. Schöne neue Welt? Wir arbeiten noch daran …