Dichtung und Wahrheit

jlngmbfsl14iuzgvDas erstaunliche Stück der jungen Schauspielerin und Studentin Julia Engelmann über das Leben und verpasste Chancen im Rahmen des “5. Bielefelder Hörsaal-Slams” im Mai 2013 ist mit inzwischen siebenstelligen Klickzahlen im Netz im Mainstream angekommen. Der große Erfolg mit Sätzen wie “Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf.” lässt die Medienwelt rätseln. So konstatiert der “Stern“: “Was genau passiert ist, damit das Video plötzlich derart abging, weiß im Moment noch niemand.” Dabei hatte das gleiche Medium dem Video die Kraft zugesprochen, das Leben der Leser zu ändern. Der “Express” zum Beispiel zeigt sich hingerissen: der “einfach nur großartige Auftritt” verzaubere das Internet. Auch die “Bild” ist überzeugt: “Diese Frau ist ein Gedicht”.

Es gibt jedoch auch Gegenstimmen. In der “Berliner Zeitung” schreibt Christian Schlüter, Engelmann habe schlicht “einen hübsch larmoyanten Reim über ihre Befindlichkeiten” verfasst – sie habe “viel Grütze im Kopf“, aber treffe mit ihren “niedlichen” Zeilen “den Nerv der Zeit“. Auch Fritz Göttlers eher nüchterne Analyse in der “Süddeutschen Zeitung” unter der Überschrift “Exakt kalkuliert” betont andere Aspekte und sieht die Gründe für den Erfolg “nicht in der Wahrhaftigkeit”, sondern vor allem in Ästhetik sowie professionellem Können. Sein Fazit: “Die neue Starpower des Internet unterscheidet sich nicht sehr von der alten.” Irgendwie auch beruhigend, oder?