Der Zauber des Gegenschlags

Ende Januar überraschte das „Manager Magazin“ mit einer sogenannten Meinungsmache, warum Manager besser nicht sein sollten, was heutzutage dem Vernehmen nach fast jeder sein möchte: schlagfertig. Im Grunde sei Schlagfertigkeit doch nur „sanktionierte verbale Aggressivität“ und ein egoistisches, wenig zielführendes Werkzeug zur kurzfristigen Pflege persönlicher Neurosen. Schneller Effekt statt guter Antwort. Im Zweifel sei es besser zu schweigen. Einverstanden? „Man muss sich wehren“, heißt es stattdessen in einem Artikel der „Zeit“. Schlagfertigkeit helfe bei der Abwehr unfairer verbaler Angriffe und steigere die Überzeugungskraft.

Als eine Art Lehrbuch für sozialmediale Schlagfertigkeit in verschiedenen Facetten erweisen sich zuverlässig die Twitter-Beiträge der britischen Schriftstellerin Joanne Rowling – „Harry Potter und der Retweet des Todes“, wie ein kürzlich veröffentlichter Text im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ mit tollen Beispielen betitelt ist. Jemand beleidigt sie – „Ich glaube, der ist verknallt in mich“. Ein Trump-Anhänger will seine Bücher und Filme von ihr verbrennen – „Nun, die Dämpfe der DVDs könnten giftig sein und ich habe so oder so deine Kohle, also leihe dir wenigstens mein Feuerzeug“. Ein Moderator beklagt sich, dass Frauen „Pussy Hats“ tragen dürften, während er mit Sicherheit angegriffen werde, sollte er einen „Penis-Hut“ aufsetzen – „Jeder Mann, der so fühlt, sollte seinen Penis-Hut mit Stolz tragen“. Großes Twitter-Tennis!

Immerhin muss man keine Autorin mit Weltruhm sein, um Schlagfertigkeit zu erlernen. Gleich zehn Methoden in verschiedenen Situationen stellt „Der ultimative Guide für Schlagfertigkeit“ im „Handelsblatt“ vor, vom Überhören über das Zuspitzen oder das Vernebeln bis zur Grenzziehung. Die müsse man dann nur noch trainieren. Die Rhetorikplattform „Redewelt“ listet insgesamt „23 Taktiken gegen fiese Angriffe“ auf, vom Rechtgeben über das Ummünzen und Verdrehen bis zur Standard-Replik à la „Das kann jeder sagen“. Wem das zu kompliziert erscheint, der kann sich auch an das gute alte „Love it, change it or leave it!“ halten:

  • Love it“: Die Attacke annehmen und womöglich sogar überspitzt für sich verbuchen (zum Beispiel „Was grinsen Sie da so blöd?“ kontern mit „Ach, ich versuche nur, freundlich zu bleiben. Und Sie?“).
  • Change it“: Den Vorwurf umleiten, umdeuten oder sogar umkehren (als Beispiel die bekannte Anekdote, nach der Churchill auf „Wenn ich Ihre Frau wäre, würde ich Ihnen Gift geben!“ mit „Wenn ich Ihr Mann wäre, würde ich es nehmen.“ reagierte).
  • Leave it“: Den Angriff zurückweisen oder sich dem Konflikt entziehen (einer Unverschämtheit beispielsweise begegnen mit „Sie werden persönlich und beleidigen mich – da werden Sie verstehen, dass ich unser Gespräch so nicht fortsetzen werde.“).

Mit etwas Übung kommt jeder zu einem halbwegs stattlichen Arsenal an Techniken und möglichen Verhaltensweisen – sofern die Haltung stimmt: den Angriff nicht persönlich nehmen, ruhig bleiben und auf keinen Fall den Humor verlieren! Schlagfertigkeit ist ohnehin auch „die Kunst, in Sekundenschnelle die drittbeste Antwort zu geben“, wie es der Herausgeber Erwin Koch einmal formuliert hat. Zum eloquenten Gegenschlag ausholen? Entwaffnend lächeln? Die Augenbraue hochziehen? Oder doch eine sachliche Rückfrage stellen? Fast egal – Hauptsache, man behält das Heft des Handelns in der Hand und lässt sich nicht vom Angreifer vor sich hertreiben.