Bruch in der Kommunikation

In manchen Situationen wissen wir alle: Da muss man irgendwas sagen oder schreiben. Aber die richtigen Worte zu finden, ist gar nicht so leicht. Die Begegnung mit einem kranken oder verletzten Freund, Kollegen oder Geschäftspartner ist da oft ein besonders heikler Fall. Ich konnte das in den vergangenen Wochen aus einem ungewohnten und leider unerfreulichen Blickwinkel beobachten: Mitte Januar habe ich mir nach einem Feuchtbiotopeinsatz als Freiwilliger mit dem Bund Naturschutz tief im verschneiten Perlacher Forst recht unglücklich den Arm gebrochen, musste ein paar Tage später im Krankenhaus operiert werden (links ein Ausschnitt meines Röntgenbilds mit einen Teil der implantierten Titanplatte zur Osteosynthese), trug wochenlang Gips und bin noch immer ziemlich gehandicapt. Egal ob privat oder im Berufsleben: Laufend versicherten Menschen mich ihres Mitgefühls, fragten nach dem Verlauf der Heilung und wünschten mir gute Besserung.

„Die Anteilnahme der Nebenmenschen an unserem Schicksal ist Schadenfreude, Zudringlichkeit und Besserwisserei in wechselndem Gemisch“, meinte der österreichische Dramatiker Arthur Schnitzler einmal. Diesen Eindruck hatte ich zum Glück fast nie. Allerdings fand ich die einen Kommentare als passend und angenehm, andere eher nicht. Gibt es da womöglich Regeln, an die man sich halten kann? Hier ein Versuch:

  1. Wenn du von einer Krankheit oder einem Unfall erfährst – zum Beispiel, weil die betroffene Person es in einem E-Mail erwähnt hat oder weil man den vergipsten Arm sehen kann -, sprich es an und zeige, dass dir dein Mitmensch nicht egal ist. „Auch wenn Reden nur Silber ist – Schweigen wäre kaltes Gold“, meint auch Jochen Mai, der Chefredakteur von Karrierebibel.de.
  2. Meist bewährt sich diese Schrittfolge: 1. Krankheit/Verletzung zurückhaltend und einfühlsam, aber möglichst unverkrampft ansprechen. 2. Mitgefühl signalisieren. 3. Gute Besserung wünschen und ggf. unaufdringlich Hilfe anbieten. Oder ganz einfach helfen, ohne viel Federlesens zu machen.
  3. Je schwerer die Krankheit/Verletzung ist, desto behutsamer und sensibler solltest du dich verhalten. Verharmlosungen sind fehl am Platz. Versetze dich in die Lage deines Gegenübers. Bitte keine flachen Witze, wenn jemand zum Beispiel von einer schweren Krebserkrankung erzählt, aber bitte aus einem kleinen Schnitt mit dem Küchenmesser in den Finger auch kein Drama machen.
  4. Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden? Nicht so schlimm! Selbst gut und vor allem ernst gemeinte Floskeln gehen völlig in Ordnung. Und im Zweifel darf man auch mal sprachlos sein. Jetzt kommt es eh auf die Haltung an: Zuwendung und bei Bedarf ein offenes Ohr.
  5. Aufrichtig sein und Emotionen zulassen. Mit eigenen Empfindungen und vor allem Bewertungen aber vorsichtig sein.
  6. Inhalte sind wichtiger als die Form. Die Whatsapp-Nachricht kann genauso gut ankommen wie der handgeschriebene Brief.
  7. Bei längerer Dauer einer Krankheit sich regelmäßig nach dem Stand erkundigen und ggf. immer wieder möglichst konkrete Hilfsangebote machen (etwas kochen, den Einkauf übernehmen, Kinder hüten etc.). Nicht böse sein, wenn das Angebot abgelehnt wird.

„Das Wichtigste, um als Mensch mit jeder Art von Problem klar zu kommen, ist soziale Unterstützung“, so die Soziologin Deborah Carr von der Rutgers University in New Jersey in einem Magazinbeitrag. „Als Freund einfach da zu sein, kann wirklich mächtig Einfluss auf den Genesungsprozess haben.“ Der vor fast 40 Jahren verstorbene Bühnenschriftsteller Sigmund Graff war da schon einen Schritt weiter: „Eine der schönsten Wendungen unserer Sprache lautet: ‘Werde mir nicht krank …’“, bemerkte er – hier seien „Egoismus und rührendste Fürsorge untrennbar verschmolzen“.