Binäre Trunkenheit

Digital besoffenLaut Statista dürfte der Umsatz mit digitaler Werbung in diesem Jahr hierzulande auf mehr als 6,3 Mrd. Euro klettern, fast die Hälfte davon für  Suchmaschinenwerbung. „Was geht, in Digital“, scheint die Parole vieler Werber zu sein. Die „Horizont“ hat gestern einen recht ausführlichen Beitrag zu Christof Baron, gebracht, einem der „großen Digitalexperten seiner Zunft“, der darin die „digitale Besoffenheit“ der Werbewirtschaft anprangert, „dringend mehr Rationalität“ fordert und davor warnt, „jede digitale Innovation kritiklos zu bejubeln“. Im kurzen Interview berichtet er von einer großen Konsumentenmarke, die es auf „ein oder zwei Posts auf Facebook pro Tag auf Basis einer Grundgesamtheit von Millionen ‘bekennender Fans’“ bringt. Es gebe „inzwischen so viele Enttäuschungen und so viele Marketingstrategien, die im Digitalen nicht funktionieren, dass es Zeit wird, noch einmal grundsätzlich über die Mechaniken digitaler Werbung nachzudenken“.

Dem kann ich nur beipflichten. Wenn ich Kurse zur Unternehmens- und Markenkommunikation in Sozialen Medien gebe und Zahlen aus der Erfolgskontrolle diskutiere, können junge Kollegen oft gar nicht fassen, wie wenig sich da trotz allem Bemühen letztlich tut – sofern man nicht Spitzenfußballclub, berühmter Musiker oder sonst ein Glücklicher mit herausragend interessierten und aktiven Anhängern jenseits des durchschnittlichen Daumen-rauf-Klickers ist. Und selbst bei König Fußball sind Rekordreichweiten wie die mehr als 28 Millionen Deutsche vor dem Fernseher beim Europameisterschaftsspiel gegen die Slowakei in so kurzer Zeit mit Facebook, Twitter & Co. eben einfach nicht zu machen. Die enormen Chancen im Internet und in der mobilen Welt stehen jedem offen – effizient nutzen aber kann sie nur der, der Schwächen und Risiken nicht ausblendet.