Bericht aus der grünen Zukunft

Ende Oktober brachte die „Frankfurter Allgemeine“ ein Interview mit Reiner Bildmayer von SAP zu dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Projekt „QuartaVista“. Dabei geht es um eine Art Neuerfindung des Bilanzierens unter Einschluss der wichtigsten Nachhaltigkeitsfaktoren für maximale Transparenz, letztlich auch für den Endkunden. In einer Bilanz soll künftig auch erfasst werden, „was wir Gutes und Schlechtes für Nachhaltigkeit, Gesellschaft und Wissen bewirken“ – und das „nicht hinten auf Seite 120 im Nachhaltigkeitsbericht, sondern vorne, direkt in den Finanzkennzahlen“. „Moment mal!“, dürften sich dabei einige Leser gedacht haben. „Nachhaltigkeitsbilanzen gibt es doch schon längst.“ Ganz falsch ist das nicht. So hatte das Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung erst ein paar Wochen zuvor die zusammen mit B.A.U.M. Consult erstellte Studie „Publizitätspflicht zur Nachhaltigkeit“ veröffentlicht, in der gleich 14 verschiedene Rahmenwerke zur Berichterstattung von ISO 26000 (Guidance on Social Responsibility) über das europäische Umweltmanagementsystem EMAS und den Deutschen Nachhaltigkeitskodex bis zu den Standards der Global Reporting Initiative untersucht wurden. Wozu dann aber noch ein weiterer Ansatz?

Bildmeyer und seine Mitstreiter wollen eine neue Ära einleiten und die Trennung zwischen klassischer Unternehmensbilanz und kaufmännischer Berichterstattung hier sowie meist isoliertem Umwelt- und Sozialbericht oder CSR-Report dort zumindest teilweise aufheben. Engagement für Nachhaltigkeit, wie eine Reduktion des CO2-Ausstoßes, eine Initiative zur Abfallvermeidung oder ein Weiterbildungsprogramm für Einkommensschwache, soll nicht nur berichtet werden, sondern sich monetarisieren lassen und in einer modifizierten Gewinn- und Verlustrechnung als Mehrwert oder Wertschöpfung verbucht werden können. „Die wirtschaftliche Tätigkeit eines Unternehmens soll sowohl in der Wechselwirkung mit Natur und Gesellschaft als auch hinsichtlich seiner eigenen Zukunftsfähigkeit quantitativ bewertet werden“, heißt es dazu im Projektflyer. Die sogenannte integrierte Berichterstattung nach dem International Integrated Reporting Council (IIRC), die SAP bereits seit 2012 betreibt, dient hier als Vorstufe.

IIRC-Chef Charles Tilley beschreibt die große zu bewältigende Aufgabe in einem Blog-Beitrag sehr treffend. Es gehe um „die Überbrückung der Kluft zwischen den beiden Welten der Finanzberichterstattung und der Nachhaltigkeitsberichterstattung“, und dafür müssten „Silos aufgebrochen und das Vertrauen wiederhergestellt werden“. In einem Gespräch mit PricewaterhouseCoopers zur Gemeinwohl-Ökonomie beklagt der Nachhaltigkeitsfachmann Dieter Horst noch Anfang des Jahres, dass es in den meisten Unternehmen keine „Verzielung von Nachhaltigkeitsthemen auf den Führungsebenen oder eine inhaltliche Verknüpfung von Finanzdaten mit Nachhaltigkeitsdaten“ gebe.

Wie genau das jedoch geschehen soll, ist in weiten Teilen erst zu klären, und noch immer gibt es Experten, die das Unterfangen für wenig aussichtsreich halten. Wenn ein Betrieb Treibstoff spart, indem er in der Logistik die Routen optimiert, liegen die Dinge einfach. Aber wie soll man den Mehrwert des Austauschs eines schadstoffhaltigen Vorprodukts durch eine harmlose, aber teurere Alternative berechnen? Wie preist man eine verbesserte Reputation ein? Was bleibt unter dem Strich, wenn ein neuer Verhaltenskodex zum Beispiel Korruption in der Lieferkette in Ostasien bekämpft? Nicht wenige Expert*innen klingen auch mehr als 13 Jahre später wie der frühere deutsche Staatsminister und Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Steger vom Institute for International Management Development (IMD) in Lausanne in einem Beitrag im „Handelsblatt“ aus dem März 2007: „Dinge außerhalb des Marktes haben keine Marktpreise – eine Monetarisierung von Nachhaltigkeitsleistungen ist daher nicht möglich.“ Eine solche Monetarisierung sei im Grunde auch „unwichtig, solange Unternehmen ökologische oder soziale Effekte nicht internalisieren können“.

Heute lassen die vielen Forschungsarbeiten und Förderprojekte im In- und Ausland zumindest auf einen Durchbruch hoffen. Für eine nachhaltige Umgestaltung unseres Wirtschaftens wäre dies wohl ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Denn: „Ohne Bilanzierung keine Nachhaltigkeit“, wie es zum Beispiel die britische Ökonomin Diane Coyle in einem Gastbeitrag in der „Financial Times“ formuliert. Bis zu einem praxistauglichen und auch international anerkannten Verfahren dürfte es allerdings noch ein weiter Weg sein – „gefühlsmäßig“ wäre er zwar „gerne morgen fertig“, „aber es wird wohl eher noch zehn Jahre dauern“ schätzt auch Bildmayer. Umso wichtiger, jetzt nicht mit den Bemühungen nachzulassen und sie am besten noch stärker zu koppeln. In Sachen Umwelt- und Ressourcenschutz sowie Nachhaltigkeit kann man sich schließlich besonders gut auf Albert Schweitzer berufen: „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst.“