Beratung: „Ganz schön groß, die kleine!“

„Wo es an Beratung fehlt, da scheitern die Pläne, wo viele Ratgeber sind, gibt es Erfolg“, heißt es im „Buch der Sprichwörter“ im Alten Testament. Gerade bei der Sache mit der Vielzahl an Beratern würden so einige heftig widersprechen und vielleicht etwas von Köchen murmeln, die den Brei verderben – und doch ist ein Berater oder eine Beraterin erst einmal ganz grundsätzlich eine feine Sache. Mit ihr oder ihm kann man …

  • Wissen und Erfahrungen an Bord holen, die einem selber (noch) fehlen
  • personelle Engpässe und Belastungsspitzen überbrücken (auch im Urlaub oder in Krankheitsfällen)
  • neue Perspektiven und Blickwinkel einbringen, bei externen BeraterInnen auch ohne Betriebsblindheit
  • von den Erfahrungen mit anderen Kunden und ggf. aus anderen Branchen profitieren
  • eine weitere Quelle für Ideen und Kreativität erschließen
  • und gar nicht so selten sogar Geld sparen, weil Prozesse schneller bzw. effizienter ablaufen, das Endergebnis besser wird und/oder Fehler vermieden werden.

Oft geht es auch in erster Linie gar nicht um Hilfe oder einen Rat, sondern einfach um die Möglichkeit, sich auszutauschen und Ideen, Planungen und Entwürfe offen mit anderen zu diskutieren, gerne auch in der Rolle als Advocatus Diaboli. „Was hältst du von dieser Überschrift?“ „Meinst du, die mobilen Infostände aus dem Kampagnenkonzept werden auch von jüngeren Zielgruppen genutzt?“ „Welches Foto fändest du hier auf der Seite besser?“ Schnell mal eine Kollegin fragen oder auch bewusst eine Einschätzung eines Fachmanns mit anderen Schwerpunkten zu einer bestimmten Fragestellung einholen – genau diesen Ad-hoc-Impuls habe ich in unserem Beruf als besonders wertvoll schätzen gelernt (so ähnlich, wenngleich in der Regel jeweils nur in begrenztem Umfang, funktioniert im Idealfall ja auch der Austausch auf Karriereplattformen und in Fachforen). Wenn man Teil eines Teams ist, geht das ja auch ganz problemlos – EinzelkämpferInnen haben es weniger gut, und dabei laufen sie ja in besonderem Maße Gefahr, nur im eigenen Saft zu schmoren. Ich habe in meiner Karriere schon beide Extremfälle erlebt, hier allein auf weiter Flur als Solo-Kommunikator einer Baustoffhandelsgruppe Tür an Tür mit der Finanzabteilung oder dort das Kontrastprogramm als Leiter eines zwölfköpfigen PR-Teams in einer großen Agenturgruppe, wo nur einen Gang weiter oder in Stockwerk höher zusätzlich auch noch alle möglichen Vertreter von Nachbardisziplinen warten.

So oder so ist der externe Berater in vielen Fällen die richtige Wahl: „Da Consultants oft mit vielen verschiedenen Unternehmen zusammenarbeiten und dieses Problem vielleicht schon einmal mit jemand anderem bearbeitet haben, können sie eine Perspektive einbringen, die die sich auf das stützt, wovon sie selbst gesehen haben, dass es funktioniert (oder eben auch nicht)“, schreibt Alex Nuth, Unternehmensberaterin von Accenture, auf „The Muse“. „Und aufgrund dieser Erfahrung können sie oft neue und innovative Ideen oder auch mögliche Hürden aufs Tapet bringen, auf die der Kunde allein wahrscheinlich nicht gekommen wäre.“ Aus Sicht meiner britischen Kollegin Ruth Wilson sprechen sieben Argumente dabei für einen Freelancer. Sie nennt Erfahrung, Leidenschaft, die Flexibilität und die günstigen Kosten, aber am besten gefällt mir ihr Hinweis auf die Arbeitskultur: Das Schöne an einem Freiberufler sei, dass er „oft die Erweiterung Ihres Teams ist, aber ohne die Anforderungen einer Vollzeitkraft“. Auch das habe ich mehrfach so erlebt.

Einen Text redigieren, einen Konzeptansatz prüfen, eine Einschätzung zu einem potenziellen Kooperationspartner abgeben, eine Präsentation aufhübschen oder beispielsweise auch mal eine Recherche übernehmen. Für die meisten Fälle, die ich hier anspreche, passt der Begriff „Mikroberatung“: punktuelle, schnelle, flexible, persönlich gehaltene und eher informelle Beratungsleistung auf Abruf und ganz nach Bedarf. „Micro Consulting ist ein relativ neues Konzept, bei dem Berater […] kurz und bündig Wissen, Einblicke und Meinungen an Kunden weitergeben“, erläuterte Tom Smyth, Chef des australischen Beratungsunternehmens Consulting Cloud, Ende 2014 in einem Blogbeitrag. Das, was ich brauche, möglichst dann, wenn ich es brauche! So als würde man schnell mal bei Google suchen, aber fachlich zuverlässig und ohne die übliche Flut an Halb- und Unwahrheiten oder Tutorials, die uns nur mit noch mehr Fragen zurücklassen und sich als nutzlose Zeitfresser entpuppen.

„In der Beratung der Zukunft“ gehe es „um Kommunikation und Austausch sowie darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln“, hieß es in „training aktuell“ zur Studie „High Trust.“ 2004. Im Micro Consulting komme es an auf „Beziehungsfähigkeit, individuelles Eingehen auf den Kunden und die Kunst, dessen Bedürfnisse zu erkennen“. Dabei ist ein auf Dauer gelungenes Zusammenspiel zwischen Consultant und KlientIn ohnehin nicht so einfach. „Der Prozess Beratung bleibt bei aller Sorgfalt in Vorbereitung, unmittelbarer Leistung am Kunden, Reflexion und Evaluation ein extrem sensibles, leicht zu irritierendes Unterfangen“, wird Maria Staubach, die Leiterin des Institutes für systemische Theorie und Praxis, in „PR-Beratung Theoretische Konzepte und empirische Befunde“ zitiert. Prinzipiell berate ich meine KundInnen daher auch auf der Meta-Ebene: Wo und wie ergeben meine Dienste überhaupt Sinn und bringen bestmöglichen Erfolg für AuftraggeberIn. Das passt schließlich zu einer Erkenntnis des legendären irischen Freiheitskämpfers und Politikers Michael Collins: „Von einem guten Rat zu profitieren, erfordert mehr Weisheit, als ihn zu geben.“ Wenn ich auch dabei hefen kann – sehr gerne!