Begrünung mit erweiterter Berichtspflicht

Die Europäische Union scheint ernst zu machen mit der Transformation zur Verhinderung der Klimakatastrophe und zu einer nachhaltigen oder zumindest deutlich weniger zerstörerischen Wirtschaft. Erst der im Dezember 2019 präsentierte „Green Deal“ der Europäischen Kommission mit dem Mitte 2020 beschlossenen milliardenschweren Konjunkturprogramm Next Generation EU“, dann die durchaus konsequent zu nennenden Schritte im Rahmen der Strategie für nachhaltige Finanzen („sustainable finance“) samt der im März in Kraft getretenen Offenlegungsverordnung für Finanzprodukte und dann die grundlegende Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsberichterstattung mit dem Ende April dieses Jahres vorgestellten Richtlinien-Entwurf zur Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Schon für das Geschäftsjahr 2023 sind deutlich mehr Unternehmen als bisher (geschätzt allein in Deutschland rund 15.000) verpflichtet, einen deutlich umfassenderen und deutlich stärker standardisierten Nachhaltigkeitsbericht als Pflichtbestandteil des Lageberichts vorlegen. Das betrifft alle Unternehmen, die börsennotiert sind (außer Kleinstunternehmen) oder mindestens zwei der folgenden drei Merkmale erfüllen: mindestens 20 Mio. € Bilanzsumme, mindestens 40 Mio. € Nettoumsatzerlöse und/oder im Schnitt mindestens 250 Beschäftigte (derzeit 500).

Einige Organisationen fordern schon jetzt eine Ausweitung. So schreibt zum Beispiel der DGB in einer Stellungnahme, „den Anwendungsbereich der nicht-finanziellen Berichterstattung rechtsformneutral auf alle großen Unternehmen auszuweiten“ und „darauf zu achten, größenunabhängig alle Unternehmen einzubeziehen, die in Branchen mit besonderen Risiken für die Verletzung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten sowie der Natur operieren“. Prüfungspflichtig wird der Bericht auch sein, zumindest mit begrenzter Prüfsicherheit („limited assurance“). Eine gut aufbereitete Übersicht mit vielen Informationen dazu gibt es hier beim Büro Deutscher Nachhaltigkeitskodex (ein Infoblatt für den Schnellüberblick findet man hier).

„Da grünt und blüht es weit und breit, im goldnen Sonnenschein“ könnte man gutgelaunt Annette von Droste-Hülshoff rezitieren. Viele Kolleginnen und Kollegen in der Kommunikation machen sich aber auch Sorgen über das, was da auf sie zukommen könnte. Das betrifft naturgemäß vor allem diejenigen, die bislang keinen CSR- oder Nachhaltigkeitsreport erstellen mussten. „Keine Angst vor CSRD!“, beruhigt Dr. Hubert Becker von der internationalen Kommunikationsberatung Instinctif Partners in einem Blogbeitrag. Es handele sich keineswegs um „das nächste Brüsseler Bürokratiemonster“ und die Praxis zeige, „dass es am Ende machbar ist“ und man durchaus „die ‚lästige Pflicht‘ zum aktiven Teil der Positionierung“ machen könne – wenn man Schritt für Schritt seine Hausaufgaben macht. Und da sind sich alle Expertinnen und Experten einig: Wer nicht bald mit den Vorbereitungen beginnt, droht am Ende in Verzug zu kommen. „Um alle künftig notwendigen Informationen rechtzeitig verfügbar zu machen, müssen Unternehmen eilig ans Werk gehen und ein eigenes Managementsystem dafür einführen”, mahnt in einem Fachbeitrag Kai Beckmann von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars.

Ein Aspekt der Nachhaltigkeitsberichterstattung soll künftig viel einfacher werden: die Frage nach den Standards und Rahmenwerken. In meinen Augen eine ganz entscheidende Verbesserung. Während man heute im nichtfinanziellen Reporting die Qual der Wahl zwischen sich überschneidenden, dann aber auch sich widersprechenden Regelwerken und Leitfäden von zum Beispiel Global Reporting Initiative (GRI), Gemeinwohl-Bilanz, Eco-Management and Audit Scheme (EMAS), ISO 26000 oder Deutschem Nachhaltigkeitskodex (DNK) hat, soll die Europäische Beratungsgruppe zur Rechnungslegung (European Financial Reporting Advisory Group, EFRAG) jetzt einheitliche Standards erarbeiten. Dadurch würden die Anforderungen klarer und vor allem die Ergebnisse endlich vergleichbarer. Auch eine verlässliche Zertifizierung wäre dann möglich. Nicht umsonst spricht etwa der Hamburger Kollege Thilo Tern von der Silvester Group noch im vergangenen Jahr in einem Blog-Beitrag vom „Wirrwarr der sich regelmäßig ändernden Regelungen und Standards“.

Nach neuesten Informationen haben GRI und EFRAG angekündigt, die „neuen EU-Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung gemeinsam zu entwickeln und zu einer weiteren globalen Konvergenz beizutragen“. Die entsprechende GRI-Mitteilung spricht von einem „wichtigen Schritt zur Förderung der Konvergenz zwischen europäischen und globalen Nachhaltigkeitsberichtsstandards“ und der „Erhöhung der Unternehmenstransparenz zur Unterstützung des europäischen Green Deals“. Das werte ich genauso.

Mehr Unternehmen werden also schon in zwei Jahren der Pflicht zur Berichterstattung unterliegen, aber ohnehin stecken in einer professionellen Nachhaltigkeitsberichterstattung bzw. CSR- (Corporate Social Responsibility) oder ESG-Reporting (Environmental, Social and Governance) gewaltige Vorteile und führen die Prozesse im Vorfeld und Nachfeld-, zum Beispiel bei der Wesentlichkeitsanalyse oder der Datenerhebung, zu erheblichen Erkenntnisgewinnen auch über Optimierungs- und Sparpotenziale („Was gemessen wird, wird auch gemanagt.“). Bei einigen meiner Kunden, die ich in Sachen Umweltschutz oder CSR beraten habe, ging es zu Beginn auch „nur“ um so vermeintlich schnöde Dinge wie das Senken von Energiekosten oder die Nutzung von Abfallprodukten bei der Produktion. Wenn Sie selbst noch zweifeln, ob oder mit welcher Haltung Sie sich auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung einlassen wollen, hilft vielleicht die schöne Zusammenstellung mit den wichtigsten Vorteilen von Thomas Loew, dem Gründer des Institute for Sustainability in Berlin (siehe unten). Oder Sie lassen sich einmal unverbindlich beraten. Mein wichtigster Rat: Annehmen, ernst nehmen, aber nicht verschrecken lassen!