Aussage verweigert!

Wenn wir in der PR im Rahmen der Medienarbeit ein Interview oder ein exklusives Hintergrundgespräch zum Beispiel des Kunden oder der eigenen Vorstandschefin mit einer Journalistin oder einem Journalisten eines Spitzenmediums „einfädeln“, ist die Freude meist groß. „High Five!“, heißt es dann. Endlich die eigenen Botschaften ungefiltert an den Multiplikator bringen. Aber wenn das Gegenüber wirklich gut ist, hat der erfahrene Öffentlichkeitsmensch vor allem in Krisensituationen auch eine Art Gegenmodell im Hinterkopf: Bloß nichts sagen, was man (noch) nicht sagen will oder darf, und das ist schwerer, als die meisten vermuten würden. Wer lange genug im Geschäft ist, erlebt zwangsläufig, wie selbst erfahrene Manager unter dem Druck bohrender Fragen oder wiederholten Nachhakens irgendwann einknicken – mal werden dann Geheimnisse ausgeplaudert, mal wird vorschnell Nichtspruchreifes geäußert, und manchmal wird auch einfach irgendwas mehr oder weniger frei erfunden. Nicht umsonst hält es der Medientrainer Jürgen Pfeiffer bei Interviews generell für den schlimmsten Fall, „dass man etwas zu verbergen hat, was einem der andere gerne entlocken möchte“. Die Folgen einer „erzwungenen“ Zuviel- oder Zufrüh-Aussage, wie man es in Anlehnung an den Sport nennen könnte, sind mitunter verheerend, vom Vertrauensverlust bis zum Aus einer Marke oder zur Haftstrafe eines Managers.

Zu einer gewissenhaften Vorbereitung zum Beispiel im Rahmen eines Media Coachings oder Interviewtrainings sollte daher immer auch der Umgang mit Fragen gehören, die man unbeantwortet lassen muss oder will, zumal die Gründe dafür absolut legitim sein können oder ein Verschweigen sogar gesetzlich vorgeschrieben sein kann (man denke nur an kursrelevante Informationen bei börsennotierten Unternehmen oder den Informanten- und Opferschutz). Dabei könnte sich ein Gedanke Philip Stanhopes, eines britischen Politikers und Schriftstellers aus dem 18. Jahrhundert, als hilfreich erweisen: „Es gibt Situationen, in denen man ein Geheimnis halb preisgeben muss, um den Rest zu bewahren.“ Wie aber reagiere ich nun im Interview auf entsprechende Fragen? Hier die wichtigsten Optionen:

  • Versuchen abzulenken, zum Beispiel ausdrücklich oder eher insgeheim mit der Bridging-Technik à la „Wir wollen da nicht spekulieren. Viel wichtiger ist in dieser Situation ja auch […]“ oder „Ja, das ist eine gute Frage. Wir haben die Situation mit Experten von der [namhaften Organisation] genau analysiert und wissen jetzt, dass es hier vor allem um […] geht“. Einen guten englischsprachigen Beitrag dazu gibt es hier.
  • Ins Allgemeine ausweichen: Zum konkreten Fall können Sie nichts sagen – dann erzählen Sie vom Abstrakten und vom Drumherum, gerne auch sehr detailliert. Aber Vorsicht – nicht verplappern! „Ein Geheimnis ist wie ein Loch im Gewande: Je mehr man es zu verbergen sucht, desto mehr zeigt man es“, so Carmen Sylva, die frühere rumänische Königin und Schriftstellerin.
  • Wenn Sie um die für Sie nicht zu beantwortende Frage nicht herumkommen, können Sie auch offen dazu stehen – signalisieren Sie Verständnis für die Frage, aber werben Sie auch um Verständnis für die eigene Situation und nennen Sie möglichst zumindest einen überzeugenden Grund für die Geheimhaltung bzw. die Nichtbeantwortung.
  • Gesprächspartner und Publikum lassen sich unter Umständen auch mit einer Zusage auf später vertrösten – zum Beispiel: „Ich kann Ihnen dazu [aus diesem und jenem Grund] noch keine Antwort geben, sobald aber [Fall soundso eintritt], werde ich Ihnen gerne alles dazu sagen.“
  • Und immer souverän, respektvoll und freundlich bleiben! Emotionen sind völlig in Ordnung, aber man darf sich nicht von ihnen leiten lassen. Notfalls durchatmen! Auch in einem Interview geht es immer auch darum, wie Sie etwas sagen. Das gilt nicht zuletzt für die Körpersprache. Ein Journalist müsse im Interview zwar in erster Linie Nachrichten produzieren, „also Äußerungen einholen, die einen Neuigkeitswert haben“, so der Radio- und Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch, aber darüber hinaus sei das Ziel immer auch, „die Authentizität, die Kredibilität, die Wahrhaftigkeit“ des Gesprächspartners zu finden.

Mein wichtigster Rat zum Schluss: Trotz allen Fallstricken und Risiken – man sollte immer mit einer kräftigen Prise Gelassenheit in ein Interview gehen! Aufmerksam und wach, gerne auch wachsam – aber nicht ängstlich. Angst blockiert, Angst verrät sich, und Angst macht aus einem Interview wahlweise ein peinliches Versteckspiel oder eine beschämende Gerichtsverhandlung. Kein guter Journalist will „in die Pfanne hauen“. Legen Sie im Vorfeld ganz exakt fest, wie weit der oder die Interviewte gehen soll und kann – bis hierhin, aber keinen Schritt weiter! Das Gegenüber mag kritisch nachfragen, ja „fies“ mit Suggestivfragen nachstellen, vielleicht auch Aussagen unterschieben oder so tun, als wisse es ohnehin Bescheid, aber der Interviewte darf sich nicht beirren lassen. Stur bleiben! Das muss kein bärbeißig vorgetragenes „Kein Kommentar!“ sein (und bitte kein Interviewabbruch im Stile Grindels), sondern kann durchaus sympathisch rüberkommen, unter Umständen sogar charmant (zum Beispiel, wenn man als Interviewter sein Verhalten kurz begründet und irgendwann in die Meta-Ebene wechselt à la „Liebe Frau Mustermann, wir wissen doch beide, dass ich hierzu nicht mehr sagen kann – wollen wir dem Publikum nicht den Gefallen tun und über etwas sprechen, wozu es auch etwas zu sagen gibt?“). So nimmt man das Ganze sportlich und macht das Interview zu einem gelungenen Miteinander mit Fair Play auf beiden Seiten. Das Publikum wird dies ebenfalls honorieren.