Auf eigene Faust teuflisch gut erzählt

Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ ist vermutlich das berühmteste und bedeutendste Werk der deutschen Literatur. Die Tragödie um den Pakt eines Getriebenen mit dem Teufel prägt seit über zwei Jahrhunderten unsere Sprache und fesselt und inspiriert noch immer das Publikum. Am Freitag begann das Münchner „Faust-Festival“, ein spektakuläres Mammut-Event mit insgesamt 500 Veranstaltungen bis Ende Juli, von Theateraufführungen über Konzerte und Partys bis zur hoch gelobten Ausstellung. Faust sei geradezu „der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel“, schreiben die Macher. Seine Fragen seien auch unsere großen Fragen heute.

Gleich am ersten Festivalabend kamen wir zu einem ganz besonderen Kulturgenuss: „FAUST in der GUTEN STUBE“ mit der Theaterpädagogin und Bühnenerzählerin Gabi Altenbach Seite an Seite mit der Schauspielerin und Erzählerin Ines Honsel. Den Titel des Programms darf man wörtlich nehmen: Man sitzt mit rund 25 anderen Menschen beisammen in einem „echten“ Wohnzimmer und bekommt in diesem heimeligen Rahmen eine Vorführung zu Faust geboten. Altenbach und Honsel erzählen meisterhaft und überaus charmant eine weniger bekannte, aber nichtsdestoweniger packende Version des Geschehens auf Grundlage der „Historia von D. Johann Fausten“, die bereits 1587 vom Buchdrucker Johann Spies veröffentlicht wurde und im In- und Ausland sehr populär war. Übrigens hatte Goethe sich für das historische Vorbild, vermutlich der um 1541 im Breisgau bei einer Explosion ums Leben gekomme Johann Georg Faust, ohnehin „nicht im Geringsten interessiert“, wie es in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ heißt – die besten Geschichten schreibt das Leben eben doch nicht immer.

Wir erlebten mit den beiden Vortragenden einen wilden Ritt zwischen Volks- und Hochkultur mit furchteinflößenden Dämonen, hinters Licht geführten Herrschergestalten und natürlich den Schrecken der Hölle. Meist gesprochen, gelegentlich auch gesungen, mal in den Worten der Renaissance, dann auch in lebhafter kärtnerischer respektive kurpfälzerischer Mundart. Was mich besonders beeindruckt hat: Eine Art natürliche Theatralik mit großen Gesten in eleganter Beiläufigkeit. Für ein tolles Drumherum sorgten in unserem Fall eine Keramik- und Porzellankünstlerin sowie ein Schauspieler und Kinderstückautor, die ihre schöne gemeinsame Privatwohnung für das Schauspiel zur Verfügung stellten. Dazu gab es Getränke und ein Bio-Buffet mit vielen Leckereien. Noch besser: Alle zusätzlichen Einnahmen gingen als Spende an eine gemeinnützige Hilfsorganisation.

Ein dickes Ausrufezeichen hinter dieser Empfehlung in Sachen rundum erwachsener Erzählkunst also. „Ohne dass man sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande“, hat es Gustave Flaubert einmal formuliert. „Man träumt sich in die fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten […] und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigene Herz in ihnen.“ Für die ersten vier von insgesamt acht Stubenabenden gilt jedoch: „Ausverkauft“! Also am besten gleich Karten für eine der anderen Vorstellungen sichern!


Impressionen von „FAUST in der GUTEN STUBE“