Alle wollen Lemmy

mtrhd14uiztfvkjDas diesjährige Motörhead-Konzert in München hat wieder großen Spaß gemacht. “Everything louder than everything else” halt. Aber auch aus professioneller Sicht ist Lemmy Kilmisters Truppe ein Phänomen: Kaum irgendwo sonst trifft man so viele Menschen, die sich ganz offensichtlich so weit entfernt von ihren sonstigen Lebensstilen bewegen – als staunende, oft auch ein bisschen verängstigte Fremde auf unbekanntem Terrain. Längst ist das lautstarke Trio eine der großen Marken in der Musikwelt, wohl nur vergleichbar mit den Rolling Stones. Und anders als bei den Stones würde bei Motörhead wohl niemand das Gefühl haben, “Rockstars als Geschäftsleuten, die eine Marke zu verkaufen haben”, zu begegnen – “aufgebraucht die Illusion, dass Rockmusik etwas anderes sein könnte als ein Arrangement mit dem Ruhm und dem Reichtum”, wie es beim MDR heißt.

Lemmy wirkt immer noch unverfälscht und echt. Er selbst nennt sich nach jahrzehntelangem Drogenkonsum “toxisch“, und das würden viele auf seinen kompletten Lebenswandel beziehen. Er sammelt Nazi-Memorabilia, trägt meist eine Kette mit Eisernem Kreuz und hält gerne mal einen Plausch über Hitler und den Blitzkrieg. Dem gängigen Schönheitsideal entspricht er ohnehin nicht. Im Grunde ein Antiheld, und der Alptraum jedes Imageberaters. Trotzdem ziert Motörheads berühmtes verchromtes Wildschwein mit Pickelhaube – “das Kriegsschwein, top-aggressiv, kettenbehangen” – Baby-Bodies, Hundehalsbänder oder Kochschürzen ebenso wie die T-Shirts erfolgreicher Werber. Auch meine “Sechziger” wollen sich am legendären Heavy-Rock-Dreier ein Vorbild nehmen.

Das “böse Ö” im Namen der Band mit der “besten Begrüßungsfloskel ever (‘We are Motörhead and we play Rock’n’Roll’)” ist genretypisch. Es gibt heute alles mögliche von und mit Motörhead: Wein, Skateboards oder auch Kopfhörer. Die Band taucht überall auf, wahllos, inflationär, und dennoch unverbraucht. Selbst jede Menge Intellektuelle tummen sich auf Motörhead-Konzerten – Lemmy hat eine Erklärung dafür: “Sie kommen nicht wegen der Musik, sie leihen sich einen Teil meiner Haltung. Runter in den Krach, den Schmutz, den Krieg, weil ihre Gedanken so hochtrabend sind.” Könnte stimmen, Herr Kilmister!