Adverbien für Gott

Belegbar seit mindestens 1.700 Jahren, seit dem Jahr 321, leben Menschen jüdischen Glaubens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, und dies feiert und würdigt unser Land mit einer Fülle an Initiativen, Informationsangeboten und Veranstaltungen unter dem gemeinsamen Motto 2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland (eine Online-Plattform dazu gibt es unter 2021jlid.de). Daran beteiligt sich auch der VRdS, der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache, und hat unter Leitung unseres Vizepräsidenten Jürgen Sterzenbach das Projekt „Megilla“ gestartet, das „jüdische Geschichte und Gegenwart im Spiegel von Reden“ beleuchtet (vom Redner Mose über die Anklagerede des israelischen Generalstaatsanwalts im Eichmann-Prozess bis zu den Worten des Direktors der jüdischen Gemeinde Düsseldorf angesichts der antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland im Mai dieses Jahres). Seit dem vergangenen Sonntag findet sich dort auch mein umfangreicher Beitrag zum einzigartigen Josel von Rosheim, der mit seinem Redeauftritt unter Kaiser Karl V. auf dem Reichstag 1530 in Augsburg unter Kaiser Karl V. fast in gleichem Maße Weltgeschichte schrieb wie die Protestanten mit der Verlesung des „Augsburger Bekenntnisses“ (Confessio Augustana). Josel musste auf Geheiß des Kaisers in einer sogenannten Disputation, einem Wortkampf unter Gelehrten, antijüdische Gräuelmärchen und feindselige Behauptungen öffentlich widerlegen und die jüdische Bevölkerung vor der drohenden Ausweisung und Schlimmerem bewahren. Josels Erfolg in der Fuggerstadt war so überzeugend, dass sein Kontrahent letztlich verbannt wurde und der Kaiser den Schutz der Juden erneuerte.

Mehr zu dieser „jüdischen Lichtgestalt am Beginn der Neuzeit“ und zu Josels rhetorischer Meisterleistung im Sommer 1530 kann man in meinem Artikel lesen. Hier hingegen will ich etwas erörtern, was einerseits schwer zu fassen ist – obwohl ich glaube, es auch bei Josel mehrfach feststellen gekonnt zu haben – und wobei ich andererseits auch davor zurückscheue, es überhaupt als „besonders“ abzuscheiden: jüdische Rhetorik. Als typisch jüdisch kann in jedem Fall der gemeinsame Schatz an Erzählungen, Motiven und auch Redewendungen aus dem Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, bestehend aus Thora („Weisung“), Nebi’im („Propheten“) und Ketuvim oder Ketubim („Schriften“), sowie dem Talmud, der rabbinischen Auslegung der Thora und ihrer Gesetze. Im „Tagesspiegel“ würdigt Christoph Markschies, deutscher Theologe und Fachmann für Antikes Christentum, die Rhetorik der Bibel und meint, dass „einige der Regeln so wirken, als ob sie aus einem Handbuch einer zeitgenössischen Kommunikationsagentur abgeschrieben sind“. Ein Beispiel bringt er auch: „Vor allem die hebräische Bibel liebt kurze Sätze mit wenigen Worten.“ Der Tübinger Germanist und Rhetoriker Dietmar Till weist in einem Beitrag zum Philosemitismus auf die Poesie des Alten Testaments und ihre Eigengesetzlichkeit hin, zum Beispiel den „Parallelismus der Glieder“ als „ein fundamentales Kompositionsgesetz der Psalmendichtung“.

Typisch zu Josels Zeiten war auch, dass die jüdische Bevölkerung im Gegensatz zur christlichen Mehrheitsgesellschaft in der Regel schreiben und lesen konnte. Dies machte die Juden im Grunde automatisch zu (meist beneideten und noch mehr beargwöhnten) Bildungs- und Kulturträgern. Gefördert wurde dies noch durch die im Vergleich oft sehr rege Reisetätigkeit sowie das gemeinsame Thorastudium und vor allem die Talmudschulen (Jeschiwa), die man sich durchaus als einfache, kleine Universitäten vorstellen kann und die zum Teil als Zentren der Gelehrsamkeit in ganz Europa bekannt waren. Insbesondere viele männliche Juden waren es also gewohnt, anspruchsvoll zu argumentieren und zu diskutieren. „Der Gott der hebräischen Bibel ist von Natur aus argumentativ und agonistische Rede ist der Anfang der jüdischen Theologie“, meint David A. Frank, Rhetorik-Professor der University of Oregon. Im Dialog mit Christen halfen die gemeinsamen Glaubensinhalte des weitgehend dem Talmud entsprechenden Alten Testaments. Beide Seiten teilten also bis zu einem gewissen Grad Geschichten, Werte und zum Beispiel Helden und Vorbilder wie David, Noah oder König Salomo.

Jüdischer Mann beim Lesen eines Buches (Foto: cottonbro, Pexels)

Ansonsten stellt sich uns immer wieder die Frage der Definition mit vergleichsweise wenigen Möglichkeiten zur nicht-willkürlichen Grenzziehung. Janice W. Fernheimer von der University of Kentucky formuliert es so: „Wie können wir angesichts der langen Geschichte jüdischer religiöser Traditionen und der verschiedenen Wege der Migration, des Exils und des Handels, die das jüdische Volk und seine Gebräuche genommen haben, überhaupt damit beginnen, jüdische rhetorische Traditionen zu konstruieren oder zu definieren?“ Die Übergänge sind meist fließend und alles scheint mit allem verwoben. Als das „wichtigste hebräische Rhetoriktraktat der Renaissance, möglicherweise sogar der gesamten Geschichte der jüdischen Rhetorik“ gilt „Das Buch des Honigwaben-Flusses“ („Sefer Nofet Zufim“) des gegen 1420 im norditalienischen Montecchio Maggiore geborenen Rabbiners, Arztes und Humanisten Judah Messer Leon. Das damals sehr erfolgreiche Werk erschien wohl spätestens 1476 in Mantua – als einziges im 15. Jahrhundert gedrucktes Buch in Hebräisch eines lebenden Autors – und legt am Beispiel berühmter Personen aus dem Talmud die rhetorischen Theorien und Lehren von Cicero, Quintilian und vor allem Aristoteles dar. Eine eigenständige jüdische Rhetorik legt das nicht nahe. Im Gegenteil: Judah ging es wohl eher um die Öffnung des Judentums sowie den Anschluss der traditionellen jüdischen intellektuellen Kultur an den Humanismus und die akademische Welt der Renaissance.

Nochmal zurück zu Josel von Rosheim: Als typisch jüdisch stufen Expertinnen und Experten bei ihm als Redner und Gesprächs- und Verhandlungsführer neben dem immer wiederkehrenden Rückgriff auf die Heilige(n) Schrift(en) seine Gottergebenheit, sein würdevolles Auftreten, seinen Sinn für Gerechtigkeit und seine auffällige Zurückgenommenheit ein. Das passt nach meinem Empfinden zu einer bekannten Redewendung, die bereits aus dem 16. Jahrhundert belegt ist und häufig als ursprünglich jüdisch oder hebräisch eingeordnet wird: „Gott freut sich mehr über Adverbien als über Hauptwörter.“ Auf das Wie kommt es an, weniger auf das Was! Generell sei „eine ausgeprägte Betonung von Ethik und Moral kennzeichnend für den gesamten jüdischen rhetorischen Kodex“, so Abraham Tauber von der privaten New Yorker Yeshiva University 1969 in der Fachzeitschrift „Today’s Speech“. Und weiter: „Dass die Fähigkeiten der Rhetorik zum Guten oder Bösen eingesetzt werden können, ist von großer Bedeutung; dass sie zum Guten eingesetzt werden, ist die ausdrückliche Forderung.“ (Auch hier taugt unser Josel als ganz wunderbares Beispiel.)

„Judensprache hat etwas Pathetisches“ meinte Johann Wolfgang von Goethe, der sich zeitlebens für eine Versöhnung der Religionen stark machte. Seine Einschätzung teile ich. Das Pathos, also die „feierliche Ergriffenheit“ (Duden), ist in Anbetracht der Dauer und Menge erfahrenen Unglücks und grausamer Verfolgungen aber auch nur zu gut zu verstehen. Da passt ein Kommentar Heinrich Heines (1797 – 1856): „Tragische Geschichte die Geschichte der neueren Juden, und schrieb man über dieses Tragische, so wird man noch ausgelacht – das ist das Allertragischste.“ Auch der liberale jüdische Kulturpolitiker und Schriftsteller Berthold Auerbach (1812 – 1882), eigentlich Moses Baruch Auerbacher, spricht diesen Aspekt an: „Die Juden sind die Kinder des Mitleids, sie verstehen Leid zu tragen, zu lindern, weit besser, als Freude zu schaffen; die Erinnerung vergangener Gedrücktheit macht sie verständnisvoll für alles Leiden.“

Anders als zum Beispiel Christen werden jüdische Redner und Rednerinnen nicht nur in Deutschland auch fast ausnahmslos im jüdischen Kontext rezipiert. Viele Menschen, die zumindest zeitweise Minderheiten angehören, machen ähnliche Erfahrungen im meist unfreiwilligen Einsatz als Stellvertreter einer Gruppe – vom Oberbayern in Hamburg über einen dunkelhäutigen Menschen unter lauter Weißen oder einen Deutschen in Israel bis zur lesbischen Frau unter Heterosexuellen. In einem seiner „Briefe aus Paris“ beschreibt der deutsche Journalist und Kritiker Ludwig Börne oder Juda Löb das so: „Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die andern verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus.“ Fast immer steht bzw. spricht ein Jude oder eine Jüdin für „die“ Juden und schwingen im Hintergrund – im Guten wie im Schlechten – etliche Annahmen, Meinungen, (Vor-)Urteile und Fantasien des Publikums mit. Nach dem Holocaust hat sich das noch eher verstärkt.

Interessante Impulse für unser Thema finden sich in Angelika Rohrbachers Dissertation an der Universität Wien (2013) zur sogenannten Abgrenzungsrhetorik und zur „immer wieder dramatisierten Form des Kontaktes“. Schon „allein das Dasein als Jude“ führe „zu einer unausweichlichen Konfrontation mit Vorurteilen“. Sie beschreibt den „Sonderfall ‚Judentum‘ durch die ungewöhnliche Komplexität zwischen religiösen und kulturellen Markern“ mit einer „jahrhundertelangen gegenseitigen eklatanten Heilskonkurrenz“ gegenüber anderen monotheistischen Religionen und beleuchtet kritisch den „Topos der generellen Friedfertigkeit“ der Juden sowie den „Mythos ihres generellen Gewaltverzichtes“.

Nach dem Beitrag von Abraham Melamed, Spezialist für mittelalterliche und frühneuzeitliche jüdische Philosophie an der Universität Haifa, zur jüdischen Rhetorik im „Historischen Wörterbuch der Rhetorik“ entwickelten „bereits die Verfasser der verschiedenen Bücher der Bibel einzigartige rhetorische Ausdrucksformen“. Die Bibel befasse sich „nicht mit der Theorie der Rhetorik, sondern mit der rhetorischen Praxis“. Es zeige sich „eine konsistente Haltung gegenüber der Macht der Rede, der Beredsamkeit, der Debatte und der Persuasion“, und diese entspringe „einer expliziten rhetorischen Spiritualität“. Überzeugung werde häufig in Verbindung mit Verführung gebracht und „fast ausschließlich negativ gebraucht“. Im Gegensatz zur „griechischen Vorstellung vom aktiven, fast allmächtigen Sprecher und dem passiven Hörer“ zeige sich in der hebräischen Bibel eine Art Gegenmodell mit „geradezu umgekehrten Rollen“. Im Mittelalter hätten jüdische Gelehrte dann begonnen, die „Rhetorik als Kunst (ars)“ zu behandeln. Ganz konkrete stilistische Tipps gab der Anfang des 12. Jahrhunderts in Spanien geborene und später nach Frankreich geflohene Jehuda ben Saul ibn Tibbon, genannt Vater der Übersetzer, seinem Sohn. Er solle „eloquent“ sowie „konzis und klar“ schreiben. „Schwere, die das Werk verdirbt“, gelte es zu vermeiden. Anders als bei den Christen hielt sich die hebräische Rhetorik bis zur Renaissance an die griechisch-arabische Rhetorik-Tradition und beachtete lateinische Werke kaum. Das änderte sich vor allem in Italien ab dem ausgehenden 13. Jahrhundert, wo sich nach und nach der jüdische Humanismus entwickelte und mit der Kunst des Predigens, der Kunst des Briefeschreibens und der sogenannten Erbauungsliteratur bereits früh drei in ihren „rhetorischen Dimensionen noch weitgehend unerforschte Gattungen“ (Melamed) entstanden. Im „goldenen Zeitalter der hebräischen Rhetorik“ (ebd.) wurden rhetorische Fähigkeiten viel diskutiert und auf ihren praktischen Nutzen abgeklopft, zum Beispiel in der Gemeindeführung.

Jüdische Rhetorik habe eine 4.000-jährige Tradition und „die jüdische Sprachphilosophie, talmudische Argumentationsmuster und die prophetische Stimme sind nur drei Beiträge der jüdischen Zivilisation zur Weltgemeinschaft“, so der Kommunikationswissenschaftler Samuel L. Edelman von der Chico State University 2003 im „The Journal of Communication and Religion“ der University of Texas at Tyler. „Womöglich legt kein anderes System, ob religiös oder säkular, eine so enorme Macht und Bedeutung in das gesprochene und geschriebene Wort.“ Seine Kollegin Erika Falk, heute Programmdirektorin des Israel Institute in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington, erklärte das ein paar Jahre zuvor im „The Howard Journal of Communications“ so: „Wenn Worte Welten erschaffen und Menschen zerstören können, dann müssen sie mit Ehrfurcht behandelt werden und unterliegen umfassenden Gesetzen bezüglich ihres Gebrauchs. Worte sind mächtig und gefährlich, und deshalb legt die jüdische Kultur großen Wert auf das Studium der Sprache und hat präzise Gesetze darüber entwickelt, wann, wie und warum man Sprache einsetzen sollte. Diese Philosophie und diese Gesetze stellen eine umfassende Philosophie sowie ein Rezept für das Reden dar und bilden als solche eine rhetorische Theorie.“

Josel von Rosheim war mir bis vor Kurzem noch gänzlich unbekannt, und die jüdische Rhetorik war mir weitgehend nicht fremd, oder zumindest nicht bewusst. Inzwischen habe ich viel gelesen, gehört, gesehen und gelernt. Wo ich ein unscheinbares Türchen geöffnet hatte, gelangte ich oft unverhofft in einen prachtvollen Saal voller Preziosen, wo ich einem abseitigen Trampelpfad gefolgt war, gelangte ich zu Landstraßen und vielbefahrenen Autobahnen. Vielleicht ist es das, was „Israels Dichterfürst“ Amos Oz und seine Tochter, die Historikerin Fania Oz-Salzberger, in ihrem gemeinsamen Buch „Juden und Wörter“, einer „hochgelehrten Plauderei über die jüdische Identität“, so formulieren: „Juden haben Jahrhunderte damit verbracht, Paläste zu bauen – Paläste aus Worten.“ Ich freue mich schon auf meinen nächsten Palastbesuch.