Worte im Auge des Betrachters

Materieoszillatoren, das zehsche Konzept der Dekohärenz, Schrödingers Katze oder die Unschärferelation – kaum vorstellbar, dass ich mich auch bei einem herkömmlichen Sachbuch ein paar Stunden lang mit diesen und anderen Aspekten der Quantenphysik beschäftigt hätte. Dank dem neu erschienenen ComicDas Geheimnis der Quantenwelt“ tat ich dies sehr konzentriert und auch noch mit dem größten Vergnügen. Ein Comic eigne sich dafür hervorragend, heißt es im „Tagesspiegel“, schließlich vereine das Medium „einprägsame Darstellungen mit erläuternden Texten“ und handele es sich um „eine Art narrativer Infografik“. Ein kompakter Text mit einer spannenden Handlung in Kombination mit ästhetisch ansprechenden Bildern – eine großartige Mischung, auch für erwachsene Zielgruppen. Kein Wunder, dass viele Kollegen auch in der Unternehmenskommunikation und beispielsweise im Change Management gerne Bildergeschichten oder eben Comics einsetzen.

Gemeinsam mit zwei hoch talentierten Zeichnern habe ich zum ersten Mal 1996 für einen Kunden einen kompletten Comic als Instrument in der Kundenkommunikation entwickelt. Seither gehören mehr oder minder lange Comics zu meinen besonders gern, wenn auch nicht besonders oft eingesetzten Mitteln in PR und Öffentlichkeitsarbeit. Bei den meisten Kunden sind die Vorbehalte nach wie vor groß – „das ist doch nur was für Kinder“, „das wirkt so unseriös“ oder „das passt irgendwie nicht zu uns“, hört man dann. Die besonderen Stärken der „unrealistischen“ Comics werden häufig übersehen.

„Wenn du ein Foto oder eine realistische Zeichnung eines Gesichts betrachtest, siehst du das Gesicht eines anderen, wenn du aber die Welt der Cartoons betrittst, siehst du dich selbst“, beschrieb es einmal Scott McCloud, der laut „Spiegel“ weltweit bekannteste „Comic-Erklärer“ (der auch gleich jede Menge Anregungen gibt). Gerade wegen der cartoonhaften Gestaltung der Figuren und wegen der Zeit- und Raumsprünge fülle der Leser „die Lücken im Comic mit seinen eigenen Wünschen und Ängsten“, erläutert Mario Zehe im „Freitag“. „Das ist der Trick, durch den Geschichten mit sprechenden Mäusen und Enten oder Superhelden in hautengen Latexkostümen überhaupt erst funktionieren können.“

Comics und Cartoons seien „eine tolle, faszinierende, unterhaltsame Kunstform, die hierzulande völlig unterschätzt wird“, so auch die Nürnberger Zeichnerin und Autorin Martina Schradi, die sogenanntes Visual Storytelling vor allem in der internen Kommunikation einsetzt. Mit Hilfe von Comics gelinge es, sich schwierigen Themen unbelastet zu nähern und die Hemmschwelle zur Auseinandersetzung zu senken. Außerdem wirkten Bilder direkter, unbewusster und emotionaler als Texte. „Die Darstellung von Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, ist besonders wirksam und überzeugend.“

Die renommierte US-amerikanische Kommunikationsexpertin Ann Wylie ist überzeugt davon, dass grafisches Erzählen nicht nur dabei hilft, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, sondern auch das Verstehen und Erinnern der Botschaft unterstützt. „Cartoons kommunizieren deutlich besser als reiner Text“, so Wylie. Darin sollte man kein universelles Gesetz sehen, aber doch einen guten Grund, Comics und Bildergeschichten bei der nächsten Konzeptentwicklung zumindest mal wieder zur Diskussion zu stellen.