Schlagwort-Archive: Wahrheit

Ungelogen ungemein nützlich

baronmuenchhausen„Alles Leben ist Lüge“, meinte der deutsche Lyriker Detlev von Liliencron vor mehr als einhundert Jahren. Nicht zuletzt wegen der Diskussion um den Einzug des sogenannten Postfaktischen in die Politik im Gefolge von Akteuren wie Trump oder Rechtspopulisten im Pegida-Umfeld hat die Beschäftigung mit der Lüge als bewusst vorgetragener Unwahrheit derzeit wieder Hochkonjunktur. Was häufig kategorisch verdammt wird, Weiterlesen

Berauschender Applaus

Hanf Hände 2016Die sogenannte Brutkastenlüge zur Legitimierung der Irak-Invasion der USA, manipulierte Studien der Zigarettenindustrie oder gefälschte Wikipedia-Einträge – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen: fragwürdige oder schlicht illegale Praktiken in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Public-Relations-Industrie kommt nicht weg von ihrem Image als Wahrheitsverdreher vom Dienst. In den vergangenen Tagen Weiterlesen

Weichenstellung Horrorbilanz

FreudentrauerErst jetzt wurde ich dank „PR-Magazin“ auf den schon rund zwei Wochen alten Beitrag „Peinliche Presseerklärungen. Falsch, verlogen, zynisch“ im „Handelsblatt“ aufmerksam. In ihm geht es wieder einmal um die Tendenz der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zur fast schon albernen Verschleierung und Beschönigung. Die Marschroute ist meist schon gleich an der überdehnten Überschrift einer Pressemitteilung zu erkennen – da Weiterlesen

Siebenfach durchgesiebt

SokratesWas darf, was soll man anderen erzählen? Viele kennen da noch aus der Grundschulzeit die berühmten drei Siebe, die Sokrates (links ein Ausschnitt aus einem Gemälde des französischen Historienmalers Jacques-Louis Davids) zugeschrieben werden: die Wahrheit („Ist alles, was du erzählen willst, auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüft?“), die Güte („Ist das, was du erzählen willst, gut oder wirkt es sich positiv aus?“) und die Notwendigkeit („Ist Weiterlesen

Zwischen Gag und waghalsigem Stunt

PR-TrickDeutsche Anwälte haben Mark Zuckerberg wegen Volksverhetzung angezeigt, und Redakteure der „Meedia“ meinen, das Ganze rieche „doch sehr nach PR-Stunt“ – alles womöglich nur Fassade, nur so zum Schein eben. Im Austausch mit einer Kollegin brachte mich das auf die sehr grundsätzliche Frage: Welche Rolle spielt Täuschung in der professionellen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit? Für viele ist der sogenannte PR-Gag oder PR-Trick ja Weiterlesen

Aufrichtig in Not

PR in WahrheitPublic-Relations-Arbeit geschieht nicht selten in einem mehr oder minder starken Spannungsfeld zwischen Wahrheit und vor allem Wahrhaftigkeit einerseits und Soll- oder Zielbotschaft andererseits. Dabei stehen Glaubwürdigkeit und Vertrauen – auch das des Arbeit- oder Auftraggebers! – auf dem Spiel. Ein Beitrag des „Sterns“ samt sehenswertem Videoausschnitt von einer Pressekonferenz mit Smudo von den Fantastischen Vier und einer Facebook-Sprecherin zum umstrittenen Umgang mit sogenannten Hasskommentaren macht dieses meist unausgesprochene Dilemma ungewöhnlich deutlich sichtbar. Einmal mehr vermeidet die Facebook-Vertreterin eine klare Aussage und begründet dies damit, dass es schwierig sei, „darauf eine Antwort zu geben, die zufriedenstellend ist“. Der Musiker aber will sich damit nicht abspeisen lassen und fordert: „Dann geben Sie uns doch eine Antwort, die nicht zufriedenstellend ist. Sie können auch mal was Unangenehmes sagen oder was Blödes oder was nicht in Ordnung ist. Sie können das tun. Jetzt!“ In ihrem Artikel zum selben Ereignis bringt die „Süddeutsche Zeitung“ ein weiteres Smudo-Zitat: „Sie laufen hier gerade herum wie eine Kakerlake, wenn das Licht angeht.“ Eine bemerkenswerte Szene mit viel Stoff für die Selbstfindung und Weiterentwicklung unserer Zunft.

In eine ähnliche Richtung weist – zumindest bei genauerem Hinsehen – in der „Zeit“ die bissige und nach meinem Dafürhalten bestechend scharfsinnige jüngste Ausarbeitung aus der Reihe „Fischer im Recht“. Wir können darin das Sezieren eines Leitkommentars der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verfolgen, welcher „von der Farbe zwischen den Buchstaben lebt“ und gerade durch seine „im Nichts dahinmurmelnde Unauffälligkeit des Textes“ auffällt. Der Autor kämpft sich für und mit dem Leser zu der Erkenntnis, dass Sprache eben eine furchtbar komplizierte Sache sei und „Wahrheit nicht immer das, was sie zu sein scheint“. Sprache forme, gestalte, interpretiere und erzwinge Wahrheiten. „Und manchmal sind die bedeutsamen Windungen der vorgeblichen Meinung nicht mehr als deren schlichtes Gegenteil.“ Ein famoser Fisch(er)zug mal wieder.

Gerüchten den Garaus machen

zndgrt16hesNicht nur in diesen Tagen haben Zündler leichtes Spiel: Mit oft hanebüchenen Gerüchten und frei erfundenen Lügen heizen sie den ohnehin überdrehten öffentlichen Diskurs rund um die so komplexe Flüchtlingsproblematik mühelos weiter an und schaffen es manchmal sogar auf das weltpolitische Parkett. Vor allem aber ist ihren Halb- oder Unwahrheiten schwer beizukommen. In der heutigen „Süddeutschen Zeitung“ untersucht Sebastian Herrmann, „warum Gerüchte so mächtig sind“. Die Krux: „Wer aufklären will, erreicht oft das Gegenteil“, denn „wer Gerüchte widerlegt, befeuert deren Verbreitung“ und verschafft der Falschmeldung auf diese Weise unabsichtlich sogar „eine noch größere Bühne“.

Dieses Problem kennen wir auch aus der Unternehmens- und Krisenkommunikation. Herrmanns Erläuterungen sind da eins zu eins übertragbar. „Es reicht nicht, Gerüchte lediglich als falsch zu kennzeichnen“, weil „die reine Korrektur einer Fehlinformation verpufft“. Vielmehr müsse die falsche „Information im Gehirn mit einer neuen Geschichte überschrieben werden“, wobei die Wiederholung der „unwahren Aussage auf das nötige Minimum reduziert werden“ solle. Einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet ist Brendan Nyhan. Im Gespräch mit der „New York Times“ hatte der schon vor knapp anderthalb Jahren den guten Rat gegeben, man müsse die Wahrheit genauso interessant und attraktiv für das Mit-Teilen machen wie die zu ersetzenden Mythen. Klingt nach einer schweren, aber machbaren Aufgabe für gute PR.

Glaub‘ ich gern

glbpsrch15rfwMillionenfach geklickte Unwahrheiten in den Sozialen Medien, gezielt gestreute Fehlinformationen über „ausländische Invasoren“, fremdfinanzierte und vor allem -gesteuerte Propagandaschleudern wie „RT Deutsch“- während meist mehr oder minder stark rechtslastige Schreihälse „Lügenpresse“ skandieren, sind solide und transparent arbeitende Medien im Gegenteil ein Bollwerk gegen die große Verunsicherung und ansteckende „Denen-allen-kann-man-doch-nicht-trauen-Anwandlungen“. Der freie Journalist Rico Grimm beschreibt auf „Krautreporter“ ganz genau und nüchtern, wie er bei Recherchen mit einem mehrstufigen Test seine „Quellen checkt“. Was er einen „Schnelltest“ nennt, ist in Wirklichkeit dann doch ziemlich zeitraubend. Wahres ausreichend zuverlässig von Unwahrem zu unterscheiden, kostet eben viel Zeit, aber jemand sollte sich die Mühe machen. Gut, dass es Journalisten wie Rico Grimm gibt.

Stolz und Vorurteil

jcbdgrbm15edcJa was denn nun? War er’s oder war er’s nicht. Der Varoufakis oder der Böhmermann? Oder doch Jauchs Redaktion? Ein ganz wunderbares Verwirrspiel um einen vorgeblich ausgestreckten Mittelfinger beschäftigt die Republik. Da wird über gekränkten Nationalstolz und womöglich ehrabschneiderisches Verhalten diskutiert – wo es doch um die Rettung einer ganzen Wirtschaftsnation und die Stabilisierung einer Währungszone mit mehr als 335 Millionen Menschen geht. In dem grellen Drunter-und-drüber kann man als Beobachter viel über die Mechanismen unserer Medien- und Kommunikationsgesellschaft lernen – Böhmermann offenbare mit seinem „beispiellosen Satire-Coup tiefere Wahrheiten über das gern erregte Deutschland“, konstatiert Stefan Plöchinger in der „Süddeutschen Zeitung„.  Der „Tagesspiegel“ lenkt den Blick auf die „Strategie von Medienleuten“ und „die Reflexe des Publikums in der Talkshow-Republik Deutschland“. In der „Zeit“ sieht David Hugendick gar „die Hysterie um das Varoufakis-Video in ohrenbetäubender Leere untergehen“. Auch die Technikfreunde von uns gehen nicht leer aus: Sie lässt uns das „Neo Magazin Royale“ am heimischen Fernsehbildschirm den Bildbearbeitungskünstlern in der vermeintlichen Fälscherwerkstatt quasi über die Schulter sehen. Am Ende lernt vielleicht sogar unser Land etwas. Arno Makowsky sieht da allerdings schwarz: Die „Medienposse“ sei zwar ein „Lehrstück über Eitelkeit und Verblendung„, zur heilsamen Katharsis werde es aber wohl eher nicht kommen: „Die Show wird weitergehen.“

Faktischer Zahltag

broiprt15zftcFakten und Zahlen sind der Grundstock jeder handwerklich soliden Nachricht. Auch bei Pressetexten arbeiten wir in der PR gerne mit Daten, am liebsten solchen, die allgemein anerkannt sind und über große Aussagekraft verfügen. „Krautreporter“ Frederik Fischer und sein Team haben sich jetzt die „mächtigste Zahl der Welt“ einmal genauer angesehen: das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP. Ihre Schlussfolgerung: Das Bruttoinlandsprodukt sei zu keiner Zeit eine bloße Zahl gewesen, sondern „immer auch und in erster Linie ein Werkzeug politischer Interessen„. Letztlich werde das BIP zu Unrecht „von Politik und Medienüberhöht und von Kritikern erniedrigt“. Nach dem lesenswerten Stück bleibt die wohl „ewige“ Erkenntnis: Auch, vielleicht gerade bei vermeintlich unumstößlichen Fakten lohnt es sich, genau hinzuschauen.