Schlagwort-Archive: Medien

Zahlen, oder wir alle gehören der Katz

John Oliver zur JournalismuskriseEs ist die am wenigsten lustige und unterhaltsame Folge, die ich aus der Reihe je gesehen habe, und dennoch eine mit ganz wichtigem Anliegen: In der gestrigen Ausgabe von „Last Week Tonight“ mit John Oliver ging es um die existenzielle Krise des Journalismus, ohne den eine Demokratie auf Dauer nicht wirklich funktionieren kann. In Deutschland dürfte es noch ein wenig besser sein, aber auch hier ist die Medienlandschaft von Weiterlesen

Great Britain? Kannste knicken …

BREXIT-SchlagzeilenFußballeuropameisterschaft? Vorübergehend kein Thema. Das Bild vom coolen, weltoffenen Briten? Passé. Der lange Zeit für kaum denkbar gehaltene Ausstieg Großbritanniens aus der EU scheint nach dem knappen Referendum tatsächlich wahr zu werden. Die Welt reibt sich verwundert die Augen – und macht sich Sorgen. „Mit der Entscheidung für einen Brexit manövrieren die Briten nicht nur sich selbst, sondern ganz Europa in Weiterlesen

Öffentliche Sache mit Frankenbezug

crswnk16durSchon innerhalb unseres Studiengangs Politologie im wunderbaren Bamberg in Oberfranken war er einer der diskussionsfreudigsten Kommilitonen, jetzt ist er nach einer Art Management-Buy-out gemeinsam mit seinem Kompagnon Alexander Marguier unter die Verleger gegangen und ist Herausgeber des Politmagazins „Cicero“ sowie der Kunstzeitschrift „Monopol“: Christoph Schwennicke. Ich wünsche ihm alles Gute mit seinem Weiterlesen

Glaub‘ ich gern

glbpsrch15rfwMillionenfach geklickte Unwahrheiten in den Sozialen Medien, gezielt gestreute Fehlinformationen über „ausländische Invasoren“, fremdfinanzierte und vor allem -gesteuerte Propagandaschleudern wie „RT Deutsch“- während meist mehr oder minder stark rechtslastige Schreihälse „Lügenpresse“ skandieren, sind solide und transparent arbeitende Medien im Gegenteil ein Bollwerk gegen die große Verunsicherung und ansteckende „Denen-allen-kann-man-doch-nicht-trauen-Anwandlungen“. Der freie Journalist Rico Grimm beschreibt auf „Krautreporter“ ganz genau und nüchtern, wie er bei Recherchen mit einem mehrstufigen Test seine „Quellen checkt“. Was er einen „Schnelltest“ nennt, ist in Wirklichkeit dann doch ziemlich zeitraubend. Wahres ausreichend zuverlässig von Unwahrem zu unterscheiden, kostet eben viel Zeit, aber jemand sollte sich die Mühe machen. Gut, dass es Journalisten wie Rico Grimm gibt.

Ganz Europa auf einer Seite

rpmdnbdp15vvfImmer wieder scheinen in Europa nationale Interessen oder das, was dafür gehalten wird, dem Gemeinwohl und einer starken Union im Wege zu stehen. Da hat sich zumindest vordergründig seit Goethe nicht allzu viel geändert: „Und wer franzet oder britet, italienert oder teutschet, einer will nur wie der andre, was die Eigenliebe heischet.“ Viele Experten sind überzeugt, dass ein stärkerer Zusammenhalt von uns Europäern schon am weitgehenden Fehlen europäischer Medien scheitert. Eine Zwischenetappe stellt „euro|topics“ dar, die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene, werktägliche europäische Presseschau. Das frei verfügbare, dreisprachige Angebot umfasst mehr als 300 Zeitungen, Magazine und Blogs aus den 28 EU-Ländern sowie der Schweiz und der Türkei. Viel, viel Stoff, aber der vermutlich schnellste Weg, um aktuelle Themen durch eine europäische Brille zu betrachten.

Schnittig aus dem Kriegsgebiet

krspntkr15mmkNach den furchtbaren Terroranschlägen in Paris geraten auch die mit radikalem Islamismus verbundenen Krisenregionen im Nahen Osten und in Afghanistan wieder stärker in den Blickpunkt. Gleichzeitig tendieren neben vielen Bürgern und Politikern auch einige Journalisten zu Vereinfachungen und Pauschalisierungen, obwohl gerade jetzt Differenzierung und Sorgfalt geboten sind. Dazu passt das großartige Gespräch im Mediendienst „Kress“ (Danke für den Hinweis, „Bildblog“-Redaktion) mit Christoph Reuter, Islamwissenschaftler und Nahost-Korrespondent des „Spiegels“. Reuter wirft der Medienbranche vor, zentrale Themen nicht einmal „im Ansatz zu begreifen“ und viel zu nachlässig zu recherchieren. Bei Journalisten müsse die Recherche an erste Stelle stehen, und „nicht die richtige Fönfrisur für den TV-Aufsager“.

Vorsorglich verraten

ntzplt15rfvDas in vielerlei Hinsicht mehr als befremdliche Vorgehen der Bundesanwaltschaft gegen den Politblog „Netzpolitik.org“ sorgt für viel Unmut in Politik, Medien und Gesellschaft. „Die Nachricht von den Landesverrats-Ermittlungen löste gewaltige Empörung aus“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ und nennt das Ganze ein „Skandalstück“. Der Rechtsanwalt Markus Kompa spricht von einer „Farce“ und vermutet, die Strafanzeige sei „nur pro forma mit einem ganz anderen strategischen Ziel“ erfolgt, wie er auf „Telepolis“ erläutert: Schon der Verdacht auf eine sogenannte Katalogstraftaten erlaube „über die normale Strafermittlung hinausgehende Maßnahmen“, vor allem die umstrittene Vorratsdatenspeicherung. Dank der „bei Tageslicht betrachteten unbrauchbaren Strafanzeige“ könnten unsere nach außen so auffallend zahnlosen Verfassungsschützer einen „unbequemen Gegner im Inland ausspionieren“.  Die vielen spontenen Spenden der laut Blogbetreiber „besten Unterstützer der Welt“ nach Bekanntwerden der Ermittlungen sind vermutlich bitter nötig, um dieses kleine, aber wichtige Stück Pressefreiheit zu verteidigen.

In Bildern sprechen

sdtlgsr15wkwSo unterschiedlich kann exzellenter, innovativer Journalismus daherkommen: Seit zwei Tagen liegt mir die Erstausgabe der „SZ Langstrecke“ in der Magazinversion vor – handverlesene lange Lesestücke („Longreads“), nahezu ohne Bilder und Illustrationen. Die Texte aber können immer wieder fesseln und lassen im Kopf Bilder zuhauf entstehen. Im Grunde das komplette Gegenteil, aber ebenfalls in hervorragender Qualität: liebevoll aufbereitete, dabei aber stets journalistisch gehaltene Multimedia-Reportagen wie „Vertreibung auf Kredit“ zum „System Weltbank“ vom Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten, kurz ICIJ, oder „Wir schlachten ein Schwein“ vom „ZEIT Magazin“. Ja was denn nun? Mit oder doch lieber ohne Bild? Kommt darauf an. Und am besten macht man sich selbst ein Bild.

Münchner machen Medienwandel

sdtzrun15oslNach wie vor liest man viel über das Zeitungssterben im Zuge der digitalen Revolution. Die bisherigen Platzhirsche arbeiten im Grunde permanent an ihren Angeboten und Trägermedien, um das eigene Überleben, aber wohl auch ihr Verständnis von kritischem, hochwertigem Journalismus zu sichern. Einen ziemlich großen und durchaus mutigen Schritt in Richtung Zukunft ist jetzt die „Süddeutsche Zeitung“ gegangen. Das Layout wurde gründlich aufgeräumt und aufgefrischt. Endlich haben die Münchner dabei Online-Nachrichtenseite sowie Druckausgabe und „SZ-Magazin“ nahtlos miteinander verknüpft und nennen sich unabhängig vom jeweiligen Kanal schlicht „Zeitung“. Gut gelungen ist nach meinem Dafürhalten auch die Trennung in eine öffentlichen Bereich mit frei verfügbaren Inhalten und einem Exklusivrepertoire für Digitalabonnenten oder Käufer eines Tagespasses. Kostenpflichtige Inhalte kann der Leser ganz normal via Browser nutzen oder per neu kreierter App. Die App liegt mir zwar weniger, ermöglicht aber  eine Art „Retrozeitungslesen“ – ungestört und konzentriert wie vor 20 Jahren am Frühstückstisch, nur eben internet- und rechnerbasiert.

Insgesamt würde ich den Relaunch mit seiner durchdachten Bezahlstrategie als gelungen bewerten. Vieles wird rasch wieder geändert werden, aber das ständige Anpassen und Nachjustieren ist im Internetzeitalter ohnehin nicht wegzudenken. Viel Erfolg, SZ!

Stolz und Vorurteil

jcbdgrbm15edcJa was denn nun? War er’s oder war er’s nicht. Der Varoufakis oder der Böhmermann? Oder doch Jauchs Redaktion? Ein ganz wunderbares Verwirrspiel um einen vorgeblich ausgestreckten Mittelfinger beschäftigt die Republik. Da wird über gekränkten Nationalstolz und womöglich ehrabschneiderisches Verhalten diskutiert – wo es doch um die Rettung einer ganzen Wirtschaftsnation und die Stabilisierung einer Währungszone mit mehr als 335 Millionen Menschen geht. In dem grellen Drunter-und-drüber kann man als Beobachter viel über die Mechanismen unserer Medien- und Kommunikationsgesellschaft lernen – Böhmermann offenbare mit seinem „beispiellosen Satire-Coup tiefere Wahrheiten über das gern erregte Deutschland“, konstatiert Stefan Plöchinger in der „Süddeutschen Zeitung„.  Der „Tagesspiegel“ lenkt den Blick auf die „Strategie von Medienleuten“ und „die Reflexe des Publikums in der Talkshow-Republik Deutschland“. In der „Zeit“ sieht David Hugendick gar „die Hysterie um das Varoufakis-Video in ohrenbetäubender Leere untergehen“. Auch die Technikfreunde von uns gehen nicht leer aus: Sie lässt uns das „Neo Magazin Royale“ am heimischen Fernsehbildschirm den Bildbearbeitungskünstlern in der vermeintlichen Fälscherwerkstatt quasi über die Schulter sehen. Am Ende lernt vielleicht sogar unser Land etwas. Arno Makowsky sieht da allerdings schwarz: Die „Medienposse“ sei zwar ein „Lehrstück über Eitelkeit und Verblendung„, zur heilsamen Katharsis werde es aber wohl eher nicht kommen: „Die Show wird weitergehen.“