Schlagwort-Archive: Kritik

Psychogramm des Fehlerteufels

Jeder macht Fehler. Voll und ganz unterstütze ich den Ruf nach der sogenannten Fehlerkultur. Andererseits mag ich Fehler nicht – das Streben nach Fehlerfreiheit gehört für mich dazu. Eigentlich immer. Gerade in Sachen Rechtschreibung fällt es mir schwer, fünfe gerade sein zu lassen. Nicht umsonst nannten mich Kollegen schon in den 90er Jahren „Dr. Duden“. Aktuelles Beispiel gefällig? Kürzlich stieß ich in einem ansonsten sehr guten Artikel in meiner Weiterlesen

Zahlen, oder wir alle gehören der Katz

John Oliver zur JournalismuskriseEs ist die am wenigsten lustige und unterhaltsame Folge, die ich aus der Reihe je gesehen habe, und dennoch eine mit ganz wichtigem Anliegen: In der gestrigen Ausgabe von „Last Week Tonight“ mit John Oliver ging es um die existenzielle Krise des Journalismus, ohne den eine Demokratie auf Dauer nicht wirklich funktionieren kann. In Deutschland dürfte es noch ein wenig besser sein, aber auch hier ist die Medienlandschaft von Weiterlesen

Ernüchterung auf Erden

Einflussreicher HoffmanFür manche verzapft er „einen Haufen Mist“, und doch ist Bob Hoffman als „Werbe-Querdenker“ laut „Business Insider“ einer der weltweit einflussreichsten Blogger. Der Titel seines neuesten Bestsellers lässt die Stoßrichtung erahnen: „Marketer kommen vom Mars. Konsumenten aus New Jersey“. Über Hoffmans Rede am vergangenen Mittwoch in Düsseldorf zu den immer gleichen Denkfehlern der Werbewelt berichtet Weiterlesen

Berauschender Applaus

Hanf Hände 2016Die sogenannte Brutkastenlüge zur Legitimierung der Irak-Invasion der USA, manipulierte Studien der Zigarettenindustrie oder gefälschte Wikipedia-Einträge – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen: fragwürdige oder schlicht illegale Praktiken in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Public-Relations-Industrie kommt nicht weg von ihrem Image als Wahrheitsverdreher vom Dienst. In den vergangenen Tagen Weiterlesen

Sturm im Wassermarkt

ntlprstrm15tgfLaut Bewertung des „Bayerischen Rundfunks“ gerät die aktuelle Twitter-Kampagne „#FragNestlé“ des schweizerischen Nahrungsmittelkonzerns gerade „zum Desaster“. In der Tat wird das weltweit tätige Großunternehmen mit Kritik förmlich überschüttet, zum Beispiel wegen des Verdachts auf Kinderarbeit,  besonders umweltschädlicher Palmölprodukte oder vielfach offenbar rücksichtloser Ausbeutung bislang öffentlicher Wasserquellen. Die Kollegen aus der Nestlé-PR beweisen aber immerhin, dass sie hart im Nehmen sind und auch bissige bis böse Fragen beantworten. „Was auf den ersten Blick wie ein verunglückter PR-Coup aussieht, dürfte gründlich durchdacht sein“, heißt es im „Spiegel“ denn auch. Das wirke in Teilen sogar „durchaus souverän“. Vermutlich wird sich frühestens in ein paar Wochen prüfen lassen, ob die Kampagne insgesamt nach hinten losging oder doch ein gelungenes Beispiel dafür darstellt, ohnehin vorhandener heftiger und oft wohl auch berechtigter Kritik mit offenem Visier zu begegnen. Der Food-Gigant gibt sich auf Twitter zuversichtlich: Man verstehe die Kampagne „nicht als Flop“ und hätte einen derart offenen, direkten Dialog auf andere Weise gar nicht erreichen können.

Kreatives Affentheater

aspasff15zhgfcAuf dem diesjährigen Deutschen Medienkongress in Frankfurt am Main sagte Serviceplan-Kreativchef Alexander Schill offenbar im vollen Ernst: „Auf die kreative Umsetzung kann man im Zweifel auch Affen dressieren.“ Da waren nicht nur Designer und Texter fassunglos. Schill wiederum reagiert auf die anhaltende Kritik zwar einigermaßen humorvoll – nämlich mit einem Bild von ihm in Affenmaske -, aber offenbar wenig einsichtig. Eine geharnischte Replik von Volker Schütz mit dem schönen Titel „Wenn Kreative sich zum Affen machen“ veröffentlichte jetzt die „Horizont“ . Mit Schill habe „anerkannt einer der besten Kreativen des Landes“ wohl eher „ungewollt die aktuelle Hybris“ seiner Zunft belegt und „seinen eigenen Berufszweig ruckzuck in Verruf verschlagwortet“. Picasso hat einmal gesagt, der Hauptfeind der Kreativität sei guter Geschmack – wenigstens den hätte Schill beweisen können.

Online in Druck

krtrporgechk14zufcNoch keine Idee für das passende Weihnachtsgeschenk? Vielleicht wäre da die Weihnachtsaktion der Krautreporter das Richtige:  Deutschlands bekanntestes und wohl auch ambitioniertestes journalistisches Crowd-Funding-Projekt bietet zu jeder Mitgliedschaft eine Auswahl der besten Geschichten des Online-Magazins im Großformat auf Papier an. Wer schnell genug ist, bekommt damit ein im wahrsten Sinne schönes Beispiel für das Zusammenwachsen von On- und Offlinewelt nach Hause geliefert und leistet wertvolle Unterstützung für unabhängigen Journalismus mit inzwischen fast 30 Autoren. Süßer die Glocken nie klingen …

Im Zweifel zu Hause

zwiflta14hgcvDie Teilnehmer an eher dumpfen Aufmärschen à la „Hogesa“ oder „Pegida“ verweigern meist jedes Gespräch mit Journalisten von der „Systempresse“ – die würden doch ohnehin alles verdrehen. Aber auch sonst – rechts wie links, oben wie unten – stellen Experten eine erschreckende Erosion des Vertrauens in Medien fest. Kompetente Mediennutzung verlangt nach einer kritischen Haltung, aber was wir vielfach erleben ist wohl eher eine nicht weiter hinterfragte, nahezu totale Journalismusverweigerung in Kombination mit einer erstaunlich unkritischen Hinwendung zu Verschwörungstheorien und bezahlter Propaganda. Allein in den jüngsten vier Wochen hatte ich drei Gespräche mit Menschen, die lieber anonymisierten Facebook-Meldungen oder Russlands nachweislich manipulierenden Staatsindoktrinierern Glauben schenken als handwerklich blitzsauberen Zeitungsrecherchen.

Nach meinem Eindruck haben sich viele Menschen in ihrem verabsolutierten Zweifel quasi häuslich eingerichtet. Die Schweizer „Tageswoche“ hat jetzt fünf Thesen zum „schwer fassbaren Unbehagen gegenüber traditionellen Medien“ zusammengestellt und ruft ihre Leser zur Grundsatzsdiskussion auf. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Derweil werde ich weiter Medien als unersetzliche Quelle für Informationen und Hintergründe nutzen. Nicht blindlings, aber offen und neugierig. Wie der ungläubige Thomas auf Caravaggios berühmtem Gemälde können wir es schließlich nicht machen – der Großteil der Erkenntnisse über unsere Welt gründet sich zwangsläufig nicht auf persönliche Erfahrungen, sondern Vermittlung, und in den meisten Fällen eben mediale Vermittlung. Liebe Qualitätsmedien: Gut, dass es euch gibt!

Journalistische Zwickmühle

mdenjrs14uzhgcDer Schweizer Dominik Imseng befürchtet, Journalismus könne immer mehr zu Werbung und „geistiger Umweltverschmutzung“ verkommen. Quasi zeitgleich bringt Medienredakteur Stefan Niggemeier im „Krautreporter“ die oft mühsam herausgeschälte „Wahrheit über die Lügen der Journalisten„, wie sie in Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“ präsentiert werden. Wie das zusammengeht? Guter, unabhängiger Journalismus dürfte in der Tat gefährdet sein, aber nach wie vor stellen Medien wie „Süddeutsche Zeitung„, „Spiegel“ oder „Zeit“ den insgesamt bei weitem besten Weg dar, sich einigermaßen effizient ein halbwegs zutreffendes Bild von unserer Welt zu machen. Und noch funktionieren auch Kontrolle und Kritik ganz gut. Niggemeier stellt richtig fest, dass die Apologeten des angeblichen Medienversagens vor allem aufgreifen, was eben genau „kritische Journalisten aufgedeckt haben“. Es könnte und sollte besser sein, aber etwas Besseres gibt es nicht.