Schlagwort-Archive: Journalismus

Zahlen, oder wir alle gehören der Katz

John Oliver zur JournalismuskriseEs ist die am wenigsten lustige und unterhaltsame Folge, die ich aus der Reihe je gesehen habe, und dennoch eine mit ganz wichtigem Anliegen: In der gestrigen Ausgabe von „Last Week Tonight“ mit John Oliver ging es um die existenzielle Krise des Journalismus, ohne den eine Demokratie auf Dauer nicht wirklich funktionieren kann. In Deutschland dürfte es noch ein wenig besser sein, aber auch hier ist die Medienlandschaft von Weiterlesen

Ausgezeichneter Journalismus

BayerischerJournalistenpreisABP2016_aAm vergangenen Donnerstag war ich Gast bei der Verleihung der Journalistenpreise 2016 der Akademie der Bayerischen Presse in München. Tenor: Für packende Storys müsse man sich auf Menschen einlassen, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen. Neben den großartigen Arbeiten der drei Preisträger in den Kategorien „Reportage“, „Multimedia“ sowie „Feature“ hat mich auch das einfühlsame Podiumsgespräch Weiterlesen

Glaub‘ ich gern

glbpsrch15rfwMillionenfach geklickte Unwahrheiten in den Sozialen Medien, gezielt gestreute Fehlinformationen über „ausländische Invasoren“, fremdfinanzierte und vor allem -gesteuerte Propagandaschleudern wie „RT Deutsch“- während meist mehr oder minder stark rechtslastige Schreihälse „Lügenpresse“ skandieren, sind solide und transparent arbeitende Medien im Gegenteil ein Bollwerk gegen die große Verunsicherung und ansteckende „Denen-allen-kann-man-doch-nicht-trauen-Anwandlungen“. Der freie Journalist Rico Grimm beschreibt auf „Krautreporter“ ganz genau und nüchtern, wie er bei Recherchen mit einem mehrstufigen Test seine „Quellen checkt“. Was er einen „Schnelltest“ nennt, ist in Wirklichkeit dann doch ziemlich zeitraubend. Wahres ausreichend zuverlässig von Unwahrem zu unterscheiden, kostet eben viel Zeit, aber jemand sollte sich die Mühe machen. Gut, dass es Journalisten wie Rico Grimm gibt.

Weite Web-Welt an der ABP

PR im WebHeute begann mein zweitägiger Aufbaukurs zu „PR im Web“ an der Akademie der Bayerischen Presse in München. Der indische Vordenker Avinash Kaushik, bekannt als „Googles digitaler Marketing-Evangelist“, meinte ja einmal, soziale Medien seien wie Teenager-Sex und letzten Endes fast ein bisschen enttäuschend, aber die Möglichkeiten, die das Internet mit ihrer Social-Media-Fülle auch jenseits von Facebook heute bietet, sind enorm. In dem Kurs mit Workshop-Charakter geht es vor allem darum, in Journalismus und PR systematisch die richtigen Kanäle auszuwählen und mit klugem crossmedialem Storytelling wirksam mit den richtigen Inhalten zu bespielen. Sonst bleibt auch Facebook „nur ein Marktplatz – auf dem die Marktschreier sich gegenseitig anschreien“, wie es in der „WirtschaftsWoche“ hieß.

Schnittig aus dem Kriegsgebiet

krspntkr15mmkNach den furchtbaren Terroranschlägen in Paris geraten auch die mit radikalem Islamismus verbundenen Krisenregionen im Nahen Osten und in Afghanistan wieder stärker in den Blickpunkt. Gleichzeitig tendieren neben vielen Bürgern und Politikern auch einige Journalisten zu Vereinfachungen und Pauschalisierungen, obwohl gerade jetzt Differenzierung und Sorgfalt geboten sind. Dazu passt das großartige Gespräch im Mediendienst „Kress“ (Danke für den Hinweis, „Bildblog“-Redaktion) mit Christoph Reuter, Islamwissenschaftler und Nahost-Korrespondent des „Spiegels“. Reuter wirft der Medienbranche vor, zentrale Themen nicht einmal „im Ansatz zu begreifen“ und viel zu nachlässig zu recherchieren. Bei Journalisten müsse die Recherche an erste Stelle stehen, und „nicht die richtige Fönfrisur für den TV-Aufsager“.

Zur Not ganz nah

dkmntdhd15jmpViel zu lange und mühsam für unsere Schnell-schnell-alles-geht-think-pink-klick-klick-Welt: Hubertus Kochs Syrien-DokumentationSüchtig nach Jihad“. Aus Sicht meines Fachblogs hier müsste ich wohl eher die handwerklichen Lehren aus diesem großartigen Stück Journalismus in den Vordergrund stellen: Wahrheit braucht ihre Zeit. Wahrhaftigkeit braucht persönliche Anteilnahme. Gefühle brauchen Nähe. Oder: Gute Kommunikation nutzt alle Sinne, ermöglicht via Bild und Ton „echtes“ Nachempfinden. In erster Linie aber hat mich der Film – emotionell wie rationell – ganz einfach gepackt. Als hätte ich zum Beispiel dieses kleine Mädchen in seinen viel zu großen Gummistiefeln neben einem Autobombenwrack in seinem jämmerlichen Flüchtlingslager vor der türkischen Grenze mit eigenen Augen erblickt. Oder den gebrochenen, alten Mann in seiner zerschossenen, „gottverlassenen“ Stadt. Diesen Menschen fehlt es an fast allem, auch an jeder Möglichkeit zur Flucht nach Deutschland. Da können einem – wie dem jungen Filmemacher – manchmal vielleicht nur noch die Tränen kommen. Gut so? Hoffen wir es. Und ja: Gespendet habe ich schon. Zumindest das.

Übrigens: Dass ich den „Film eines kleinen Jungen“ erst heute, mehr als ein Jahr nach seiner Fertigstellung, entdeckt habe, nimmt ihm nichts von seiner Aktualität. Womöglich versteht man ihn heute angesichts des Flüchtlingsdramas in der EU und nicht zuletzt in unserem wohltuend hilfsbereiten München sogar noch besser.

Ins Kraut geschossen

ktrtr15edcxEin Versuch war’s allemal wert, aber jetzt? Vor knapp einem Jahr startete „Krautreporter”, um „den deutschen Online-Journalismus zu retten“. Das vielbeachtete, verlagsunabhängige Crowd-Funding-Projekt wird derzeit von immerhin 18.000 zahlenden Mitgliedern unterstützt. Einer davon bin ich. Nun geht es um die nötigen Mittel für die Fortsetzung des Magazins – diesmal offenbar nach dem Genossenschaftsprinzip. Allerdings ist das Projekt im ersten Jahr „grandios gescheitert”, wie Volker Schütz in der „Horizont” meint.  Womöglich habe schlicht die „ordnende Hand“ einer Chefredaktion gefehlt, um „eine Traube journalistischer Ich-AGs unter das Dach einer Medienmarke zu bringen“ und „auf ein redaktionelles Ziel zu lenken“. Die „taz” hat schon recht: „Manches, was die Krautreporter niederschreiben, ist ein echter publizistischer Gewinn.” Insgesamt war die journalistische Ausbeute in meinen Augen aber wirklich bescheiden. Noch bin ich unentschieden, aber schon das schmerzt ein wenig angesichts der hehren Ziele.

Bild auf dem Gipfel

gtsbnft15mkpDie teuerste PR-Veranstaltung aller Zeiten? Oder doch das erfolgreichste Pressefoto ever? So oder so haben Medienarbeiter und Journalisten im Nachgang zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau viel zu analysieren und diskutieren. Unumstritten ist: Das schon jetzt legendäre Foto mit Merkel und Obama im vermeintlich entspannten Plausch vor imposanten Bergen hat es weltweit auf unzählige Titel- und Startseiten geschafft. „Die politischen Ikonen der Moderne geben sich ganz ‚down to earth'“, erläutert Ulrich Schulte in der „taz„. Von den arrangierten Gipfelfotos werde Merkel wohl „noch lange zehren“. Klingt nach einem echten Coup. Der britische „Guardian“ schreibt denn auch von einer „gut geölten PR-Maschine“. Alles aber sei „gelenkte Berichterstattung„, heißt es beim Medienmagazin „Zapp“ – anstelle von Informationen habe es lediglich „schöne Bilder in Alpenkulisse“ gegeben. Auch für „Heute“ kritisiert Christoph Hartung eine „inszenierte Welt“. Es sei lediglich um eine „gute Show“ gegangen. „Nichts an dem, was wir sehen, ist wirklich echt – Politik und Marketing feiern Party.“ Noch weiter geht der Philosoph und Publizist Florian Rötzer auf „Telepolis„: Die „Inszenierung des Elmau-Events“ habe „alle Schamlosigkeit durchbrochen“. Ich für meinen Teil habe noch kein endgültiges Urteil gefällt – in Abwandlung eines Lessing-Zitats will ich sagen: Treffen von Spitzenpolitikern sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres.

Gute Wahl

hrtfjdj15omkEr sei sehr nah an der Branche dran und füge „ein Puzzle aus Fakten und auch Spekulationen in einer spannenden, aber nicht überzogen dramatisierenden Stilistik zu einem gut verständlichen Gesamtbild zusammen“, so die Begründung der Jury für die Kür des langjährigen „Horizont“-Ressortleiters Mehrdad Amirkhizi zum „Fachjournalisten des Jahres“ für seinen Beitrag „Die Legende vom Bambi“. Nach meiner Einschätzung fiel die Wahl auf den richtigen. Ich hatte zwar nicht oft, aber immer mal wieder mit Amirkhizi zu tun, und habe ihn stets als kritischen, aber aufmerksamen und fairen Gesprächspartner erlebt. Herzlichen Glückwunsch an einen erfahrenen und handwerklich versierten Journalisten, dem ich großen Respekt zolle.

Sprache aus dem Schneider

wlsndrntr15uukVor schon fast einer Woche brachte der „Spiegel“ ein von beiden Seiten herrlich forsch geführtes Interview mit der 89-jährigen „Journalistenlegende“ und Deutsch-Koryphäe Wolf Schneider. Dieser Mann hat neben viel Sachkenntnis und Sprachgefühl eben auch jede Menge Chuzpe. So habe er seine „Rolle als Zuchtmeister“ bei der Ausbildung des Nachwuchses an der Henri-Nannen-Journalistenschule „als gut erträgliche Nebenwirkung in Kauf genommen“. Er und Nannen? Nun, „zwei arrogante Pinsel, die einander respektierten“. Computer? So langsam wie die könne er gar nicht arbeiten. Ruhestand? Von wegen, wo er doch „für erstaunliche Mengen Geld vor teuer bezahlten Öffentlichkeitsarbeitern“ auftreten habe können. Das unterhaltsame Gespräch lässt uns zudem an Schneiders Blick auf das Dritte Reich und die Achtundsechziger teilhaben – nicht immer widerspruchsfrei nachzuvollziehen, aber stets einen Gedanken wert. Besten Dank, Herr Schneider!