Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Die alten Jungen

YouTube-Sexismus„Die Digitalisierung und die daraus erwachsende Jugendkultur stellen erstmals die gesamten gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig auf den Kopf“, schreibt der junge Münchner Unternehmensberater und Autor Philipp Riederle stellvertretend für die „Digital Natives“ der „Generation Y“ auf seiner Website. Alles anders, alles neu, möchte man meinen. Wer sich genauer mit den Eingeborenen „Digitaliens“ und ihren dauerberieselnden Kanälen Weiterlesen

Flatrate-Performance in der Crowd

Permanent vernetztDie „Zeit“ hält unter dem leicht abgestandenen Titel „Das neue Normal“ einen hervorragenden wissenschaftlichen Gastbeitrag mit insgesamt 17, in ihrer Klarheit und Kompaktheit erfrischenden Thesen zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Online- und Mobilkommunikation sowie der Sozialen Medien in unserer dauervernetzten Welt („permanently online, permanently connected“) bereit. Die Überlegungen reichen von Weiterlesen

Zeichen hoch hinaus

DasHochhaus_MSH16dfdDie „Zeit“ schreibt über „102 Etagen Leben“, hier verbinde die Zeichnerin Katharina Greve „die pointierte Unmittelbarkeit des Einbildwitzes auf erfrischende Weise mit dem Potenzial der längeren Bilderzählung“ und werde mit einiger Gewissheit „die Grenzen der Kunstform formal erweitern“. Das mag ein wenig gestelzt und überhoben klingen, dürfte dem „digitalen Comic-Bauprojekt“ mit einem Woche für Woche wachsenden „HOCHHAUS“ und den bislang klugen und sehenswerten Momentaufnahmen aus dem Leben der Hausbewohner in „fast technisch anmutendem Zeichenstil“ aber gerecht werden. Ich werde der ebenso kreativen wie anregenden, detailverliebten Baustelle eines „üppigen, collageartigen Hausromans“, wie es in der „Berliner Morgenpost“ heißt, bis zur geplanten Fertigstellung im September 2017 bestimmt noch einige Besuche abstatten.

Guter Wille schlecht verpackt

nzhsfltlspr15tgbDie Kombination aus Flüchtlingsdrama und sich immer wieder entladendem Fremdenhass wird wohl leider noch lange eines der beherrschenden Themen sein. Immer wieder geht es bei der Diskussion auch um die zentrale Rolle von Sprache und Kommunikation. Als Vizekanzler Gabriel die rechtsextremen Gewalttäter von Haidenau als „Pack“ bezeichnete, begrüßten viele seine klaren Worte. Vereinzelt wiesen Experten aber auch darauf hin, dass seine Wortwahl Menschen mit lädiertem Selbstwertgefühl weiter entwerte und die ausgrenze, die ohnehin am Rande der Gesellschaft stehen. So zitiert Jakob Augstein im „Spiegel“ den Soziologen Wilhelm Heitmeyer , der bereits vor Jahren vor einer „Zunahme menschenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen“ gewarnt hatte, wenn „immer mehr Menschen in unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse, politische Ohnmachtsempfindungen und instabile emotionale Situationen, kurz: in prekäre Anerkennungsverhältnisse geraten“ würden. Oder in den Worten Stefan Bergs: „Wer die Menschenwürde verteidigen will, darf sie niemandem absprechen.“

Der „Tagesspiegel“ erinnert dabei an die „Macht der Sprache“ sowie die „Wirkung der öffentlichen Rede“ und hofft auf die richtigen Worte irgendwo zwischen Luther und Brandt „gegen die Brandstifter, für die Bürger“. Im NDR wünscht sich Ulrich Kühn ebenfalls „eine unverbrauchte Sprache ohne Phrasen und Pöbelei für eine schwierige Gegenwart“ und eine neue „öffentliche Rhetorik, die den Unverstand nicht schürt und trotzdem klar und deutlich ist“. Einfach sei das nicht, aber in jedem Fall „einen Versuch wert“. Resignieren ist nicht! Gehen wir’s an, und versuchen wir beharrlich, das angebliche „Pack“ eingermaßen zurückzuholen in eine mitfühlende, aufgeklärte Gesellschaft.

Zukunft in Arbeit

arbt15rfv„Gott hat den Menschen zur Arbeit erschaffen“, so der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus im vierten Jahrhundert. Darüber ließe sich streiten, aber unumstritten spielt Arbeit, vor allem die sogenannte Erwerbsarbeit, eine immense Rolle für uns Menschen. In der „Zeit“ diskutiert Kolja Rudzio jetzt „fünf Thesen zur Zukunft der Arbeit“ – ein spannender und durchaus ausführlicher Beitrag mit klug aufbereiteten Denkanstößen, zum Beispiel zur unfairen steuerlichen Behandlung der meisten atypischen Beschäftigungsverhältnisse oder zu den möglichen Konsequenzen der demografischen Entwicklung in Kombination mit zunehmender künstlicher Intelligenz.

Rudzio stärkt eine optimistische Sicht, und vielleicht können zumindest weit mehr Menschen als heute es in nicht allzu ferner Zukunft mit dem syrisch-griechischen Sophisten Lukian aus dem zweiten Jahrhundert halten: „Sechs Stunden sind genug für die Arbeit. Die anderen Stunden sagen zum Menschen: lebe!

Vertrackte Zeiten

sltvrmssng14hjbEinen interessanten Beitrag zur Diskussion um den verstärkten Trend zur permanenten Selbstvermessung und Selbstoptimierung bringt die „Süddeutsche Zeitung“ mit Jan Willmroths Beitrag „Regieraum des Lebens„. Zunächst gehe es bei „Self Tracking“ und „Quantified Self“ um eine gesündere Lebensführung und ein besseres Miteinander, aber „die Grenze zwischen Fremd- und Selbstkontrolle verschwimmt zusehends, im Privatleben wie am Arbeitsplatz“. Auch Juli Zeh kommt zu Wort – die profilierte Kritikerin warnt nicht nur vor möglichem Missbrauch, sondern sieht in „Selbstvermessung das Gegenteil von Selbstvertrauen“. Der Psychologe und „Burnout“-Experte Markus Väth geht in seinem Blog noch weiter und rät: „Seien wir Mensch. Hören wir auf, uns selbst zu optimieren und bleiben wir ruhig dick, schüchtern, x-beinig, was auch immer. Denn die Perfektion als Höhepunkt der (Selbst-)Optimierung lächelt uns von ihrem hohen, kalten Thron an. Dahinter kommt nichts mehr. Nur das kalte, leere All …“ Über die Ausdrucksweise kann man streiten, aber ein vermeintlich makelloses Leben ohne die Freiheit zu Irrtum und Abweichung von der Norm wäre in der Tat unmenschlich.

Sozial (v)erklärt

solstrk14kjbvKommunikation ist immer auch ein sozialer Akt. Sie ist geprägt vom sozialen Umfeld und beeinflusst dieses wiederum. Nicht umsonst arbeiten professionelle Werbung und PR mit Erkenntnissen, Theorien und vor allem Unmengen an statistischen Daten aus der Soziologie, von A wie Alterspyramide über M wie Meinungsforschung bis Z wie Zielgruppentypisierung. Ausgesprochen fruchtbar war für mich in diesem Zusammenhang die Lektüre des Heftes „Oben“ vom April dieses Jahres aus der Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ – alles andere als leichte Kost, aber voller Impulse und bei der Bundeszentrale für politische Bildung auch noch kostenlos zu beziehen.

In „Oben“ geht es in den insgesamt acht Autoren ganz fokussiert um gesellschaftliche Ungleichheit und den Elitenbegriff. Die Betrachtungen decken das Spektrum vom Adel über Prominente bis zur Welt der Hochfinanz ziemlich gut ab. Dabei können man mit Fug und Recht von einer erstaunlichen „Parallelgesellschaft“ aus Reichen und Mächtigen sprechen. „Die Gewöhnung an Macht hat zur Konsequenz“, so Michael Hartmann, in Darmstadt Professor für Elite- und Organisationssoziologie, „dass man für sich oft andere Regeln reklamiert als die, die für den Rest der Bevölkerung gültig sind“. An anderer Stelle bin ich erstmals dem Postulat nach sogenannter Sphärengerechtigkeit begegnet. Es besagt, verkürzt ausgedrückt, dass gesellschaftliche Unterschiede unvermeidbar sind, aber Privilegien in der einen Sphäre (z. B. Vermögen, Bildung, politischer Einfluss etc.) nicht mit einer Bevorteilung in anderen Bereichen gekoppelt sein dürfen. Nur dann kann man sich mit John F. Kennedy sagen: „Das Leben ist ungerecht, aber nicht immer zu deinen Ungunsten.“

Selbst ist das Netz

selfies14igdKeiner weiß so ganz genau, wie das mit der digitalen Revolution weitergeht. Deutschlands wohl prominentester Internet-Vordenker, Sascha Lobo, bringt in seiner „Spiegel“-Kolumne eine ganze Reihe an bemerkenswerten Gedanken zum Phänomen der sogenannten Selfies und ihrer Rolle beim Entstehen und Ausweiten der „Überwachungsgesellschaft„. Wir alle seien zunehmend getrieben vom „Wunsch, ein digitales Selbst zu erschaffen“, und „dazu verdammt: immerfort zu werden und nie zu sein“, wie Lobo es per geborgten Karl-Scheffler-Zitat formuliert. So verstärke sich der „Datensog, mit dem soziale Medien und das ganze Internet angetrieben werden“. Eine Alternative gebe es faktisch nicht – die „Selfieness“ sei „nicht bloß eine Mode, sondern Diktat einer digitalen Gesellschaft„.

Ob das alles so stimmt, ist nicht gewiss. Stimmig aber ist es nach meinem Empfinden in jedem Fall. Es muss sich ja nicht immer um Selbstportraits handeln – Beiträge in Facebook, Twitter und Co. folgen schließlich dem gleichen Muster, wie in diesen Tagen zum Beispiel die vieldiskutierte „Umpark-„-Kampagne von Opel zeigt. Ich „poste“, also bin ich!

Auf gut Deutsch

srahdushEin aktueller Beitrag von Jens Bisky in der „Süddeutschen Zeitung“ nimmt sich gleich dreier neu erschienener Bücher zum rasantem Wandel unserer Sprache an. Nur am Rande geht es dabei um die vieldiskutierten Anglizismen, die noch immer „weniger als zwei Prozent des deutschen Wortschatzes“ ausmachten.

Ich persönlich finde Uwe Hinrichs‘ „MultiKultiDeutsch“ am interessantesten. Eine der Kernaussagen: „Die wachsende Bedeutung von Schnelligkeit, von mündlicher Kommunikation und von Kommunikation per SMS, Facebook usw.“ führe nachweislich „zu einer Aufweichung der Norm und begünstigen reduzierte, vereinfachte Formen“. So werde im Zusammenspiel mit den Folgen der zunehmenden Migration zum Beispiel der Genitiv immer seltener genutzt, würden Endungen verschwinden und Artikel immer öfter „schwankend verwendet“. Auch in der PR- und Kommunikationsbranche sowie in den Medien begegnen einem solche „Sprachverwahrlosungen“ inzwischen ja ständig. Da halte ich’s doch doppelt gerne mit Nietzsche: „Nehmt eure Sprache ernst!“

Zwischen Selbstausbeutung und Exzess

yuhrtycolIn einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ wirft der österreichische Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier einen kritischen Blick auf die Jugend in unserer durchökonomisierten Gesellschaft. In einer „totalen Herrschaft des Marktes“ führe der Umbau des „Bildungssystems nach den Bedürfnissen der Wirtschaft“ zu einer regelrechten „Verblödung„. Während Jugendliche verstärkt in eine Rolle als „Arbeitsmensch, der sich nach Werten wie Askese, Leistung, Konkurrenz, Verzicht zu richten hat“, gedrängt würden, käme der Freizeit vor allem die „kompensatorische Funktion“ zu, „das Arbeitsleid zu vergessen“. Schön, das in einem renommierten Wirtschaftsmedium lesen zu können!